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Ein Gespräch über die Ursachen von Fremdenhass, die Folgen und was man dagegen tun kann

Halten Sie sich nicht für tolerant!

Landkreis. Fremdenhass fängt bei Empörung über die Aufnahme von Flüchtlingen an und endet schlimmstenfalls in mörderischem Terror von Neonazis wie dem NSU. Im Fach spricht man von Xenophobie – die Angst vor dem Fremden. Unsere Zeitung hat sich mit Prof. Dr. Andreas Zick, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld und Experte für Vorurteile und Rassismus, über die Entstehung von Fremdenhass unterhalten.

veröffentlicht am 27.10.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:06 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Professor Zick, wie entsteht eigentlich Xenophobie?

Albert Einstein meinte einmal, es sei schwieriger ein Atom zu zertrümmern als ein Vorurteil. Das meinte er auch, weil Vorurteile gegenüber Menschen, die wir als fremd wahrnehmen, ungeheuer viele Ursachen haben. In jeder Lebensphase gibt es verschiedene Ursachen. In der Kindheit spielen andere Ursachen eine Rolle als in der Jugend und dem Alter. Kinder lernen sie aus der Umwelt, wenn sie Identitäten ausbilden und die Abwertung anderer – wir reden auch von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit – Sinn macht, um die soziale Identität zu behaupten oder aufzuwerten. Bei Jugendlichen spielen soziale Gruppen eine große Rolle. Sie stellen die Vorurteile bereit. Haben Menschen einen sozialen Status erreicht, dienen Vorurteile in Krisenzeiten dazu, durch die Abwertung anderer den Status zu erhalten. Meines Erachtens sind Vorurteile ein Werkzeug, um soziale Motive zu befriedigen, also Motive, die wir mit anderen zusammen erfüllen möchten. Dazu gehören Zugehörigkeit schaffen, die Welt verstehen, Kontrolle und Macht auszuüben, Selbstwert zu gewinnen und Vertrauen wie Misstrauen auszudrücken.

Ist Xenophobie ein natürlicher Wesenszug des Menschen oder wird so etwas anerzogen?

Eines ist sicher, Vorurteile gegenüber jenen, die Kinder als fremd wahrnehmen, fallen nicht vom Himmel und liegen nicht in den Genen. Insofern gibt es auch keine Xenophobie im Sinne einer Fremdenangst, die geradezu neurotisch ist. Ebenso gibt es ja auch die Neugier auf Neues und Fremdes. Sinnvoll von Fremdenangst kann man nur im Zusammenhang mit dem sogenannten Fremdeln reden. Das lernen Kinder und ist ein wichtiger Schutzmechanismus. Allerdings ist das Fremdeln besonders stark bei Kindern, die nicht sicher an ihre Bezugspersonen gebunden sind. Sind wir sicher, dann sind Fremde auch anziehend. Xenophobie im Sinne von sozialen Vorurteilen lernen Kinder, und sie lernen sie früh. Schon mit dem Alter von vier Jahren lernen Kinder, dass die Unterteilung von Menschen in Gruppen sinnvoll ist. Später lernen sie, dass man sich selbst Gruppen zuordnen kann und die Gruppenzugehörigkeit wichtig für die eigene Identität ist. Sie lernen das aus ihrer Umwelt. Dabei spielen die Eltern eine weniger wichtige Rolle, als wir denken. In der frühen Kindheit haben noch am ehesten Mütter einen Einfluss. Die wichtigsten Vorurteile lernen Kinder von Personen, mit denen sie eine gute Beziehung teilen.

Funktioniert Xenophobie überall gleich – oder gibt es auch Kulturen, die weniger anfällig sind für Fremdenhass oder Angst vor dem Fremden?

Alle Kulturen neigen zum Ethnozentrismus, das heißt, die eigene Kultur als Standard für die Beurteilung anderer Kulturen zu betrachten. Allerdings können Kulturen sich stärker oder schwächer gegen die Menschenfeindlichkeit sichern, also die Zuschreibung einer Ungleichwertigkeit von Gruppen, nur weil die Gruppen oder ihre Mitglieder „anders“ sind. Unsere Studien bestätigen, dass Kulturen, die demokratische Normen der Gleichwertigkeit und Solidarität als wesentliche Grundlage ihrer Gemeinschaft definieren, weniger Abwertungen, Diskriminierungen und Integrationsprobleme aufweisen. Ihnen gelingt es auch besser interkulturelle Konflikte, Differenzen und Integrationsprobleme in den Griff zu kriegen. Demokratie heißt ja nicht Harmonie um jeden Preis, sondern die Aushandlung von Konflikten ohne die Beschädigung von anderen.

Im Landkreis Schaumburg entpuppt es sich derzeit als besonders schwierig, schwarze afrikanische Asylbewerber dem Leverkusener Modell entsprechend dezentral in Privatwohnungen unterzubringen. Wieso haben die Schaumburger Vermieter gegenüber Schwarzen offenbar besonders große Vorbehalte?

Die Ursache könnte dieselbe sein, wie an anderen Orten. Hier fehlen oft die Erfahrung, das Vertrauen und die Fähigkeit, die Potenziale solidarischer Gemeinschaften zu sehen. Man holt aus dem Gedächtnis die Stereotype, Vorurteile und rassistischen Bilder über Schwarze hervor, setzt die Vorurteilsbrille auf und findet dafür ständig Beweise, weil die Brille gar nichts anderes sehen lässt. Die Prophezeiungen erfüllen sich selbst. Man kennt am Ende immer einen Fall, der das Vorurteil bestätigt. Studien zeigen aber, dass das weniger dramatisch ist, wenn Bürger in Kontakt kommen. Beim Wohnungsmarkt gibt es dann oft eine zweite Ursache der Diskriminierung jenseits des Vorurteils. Vermieter denken an Wertminderung und sie argumentieren, dass ja nicht sie selbst, sondern die Bewohner dann Probleme hätten. Seien wir ehrlich: Es gibt immer einen Grund, jemanden abzulehnen, oder?

In einem Artikel der „Taz“ war kürzlich zu lesen, dass im Zuge der Hysterie um Ebola Rassismus befördert werde: Wer schwarz ist, hat Ebola. Was passiert da in den Köpfen?

Hier wirkt eine Spur des kolonialen Rassismus nach. Unbewusst und subtil, Forscher sagen auch implizit, assoziieren wir „schwarz“ mit „negativ, Problem, ansteckend“ und die Opfer mit weißer Hautfarbe, die demnach wertvoller als jene mit schwarzer Haut seien. Das haben Forscher schon während der Schweine- und Vogelgrippe beobachtet oder bei der Solidarität mit den Opfern des Sturms Katrina in New Orleans. In den Köpfen sind also Wissensinhalte, die am Ende die Abwertung produzieren, mit der Kategorie „schwarze Hautfarbe“ eng und tief verbunden.

Bei Artikeln zum Thema Aufnahme von Flüchtlingen brechen sich auch auf unserer Facebookseite schnell rassistische und fremdenfeindliche Kommentare Bahn. Was veranlasst Menschen, so etwas zu schreiben?

Ihre Feindseligkeit, ihre Menschenfeindlichkeit, die vorher schon da ist, und fehlende soziale Normen im Internet sowie auch eine Portion Feigheit, die Menschenfeindlichkeit mit Pseudonym in der Anonymität des Netzes rauszuposaunen. Einige der Autoren von Hass-Reden fühlen sich auch selbst ständig als Opfer und stilisieren sich so als mächtig und einflussreich. Aber wir müssen uns als Gemeinschaft fragen, wie wir solche Täter einbinden können, wenn wir das den Hass-Gemeinschaften des Internets nicht überlassen möchten. Nur solche Autoren von Hass überleben im Netz, die irgendwann einmal in Hassgemeinschaften verbunden sind.

Wie kann das Einbinden solcher Menschen aussehen?

Indem sie zum Beispiel von anderen angesprochen werden. Aus der Forschung zur Radikalisierung im Netz wissen wir, dass extremistische oder auch populistische Gruppen aktiv Leute in den sozialen Netzwerken ansprechen und sich mit ihnen verbinden. Gehen Sie mal mit einem Avatar ins Netz und posten Sie, dass Sie bestimmte Gruppen hassen. Zudem suggeriert das Internet ja, dass wir mit anderen Ideen austauschen, obgleich wir das gar nicht tun.

Es scheint, als wären Fremdenhass und Rassismus umso größer, je fremder den Menschen etwas erscheint – sei es, weil die Menschen anders aussehen oder einen anderen Glauben haben. So scheint es etwa gegenüber den mehrheitlich christlichen Italienern weit weniger Vorbehalte zu geben als gegenüber den mehrheitlich muslimischen Türken. Und in Deutschland lebende Nordeuropäer wie Skandinavier oder Briten werden von Deutschen oft weder als „Ausländer“ noch als Migranten wahrgenommen. Woran liegt das?

Fremdheit wird in Gesellschaften verhandelt, sei es in den Medien, der Schule oder auf der Straße. Gesellschaften schaffen so Schubladen oder Kategorien mit einer gewissen Ordnung. Nordeuropäer erscheinen uns näher und sie entsprechen eher unserem Prototyp. Gesellschaftliche Ereignisse, Propaganda und Vorurteile verzerren diese Realität. Die Anwerbung von sogenannten Gastarbeitern hat viele Immigranten in der Wahrnehmung zu Ausländern gemacht, der 11. September hat viele Türken zu bedrohlichen Muslimen gemacht. Wir schreiben den Gruppen Merkmale zu, die im kollektiven Wissen als Stereotype vorhanden sind. Italiener werden derzeit als weniger fremd wahrgenommen, aber das kann sich ändern, wenn es Gründe für Feindseligkeiten gibt.

Wie wirkt sich Xenophobie auf die Menschen aus, denen sie entgegenschlägt?

Das kommt darauf an, ob sie ihnen länger entgegenschlägt und die Menschen wissen, dass sie von vielen geteilt wird. Nach Studien erhöht sie den Blutdruck, macht krank und depressiv, führt zu sozialem Rückzug, und viele Menschen, die diskriminiert werden, übernehmen das Stigma, um den Stress damit loszuwerden. Wenn sie zehnmal am Tag hören, sie seien dumm, dann verhalten sie sich auch besser so und die Angreifer geben Ruhe.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Das Wissenschaftszentrum Berlin hat sich Studien über Leistungsdefizite bei Schülern mit Migrationshintergrund angesehen. Es kann ja sein, dass die Schüler weniger klug sind, oder dass ihre Eltern sich weniger kümmern. Das erklärt es aber nicht, vielmehr findet sich ein Phänomen, das schon länger in den USA festgestellt wurde. Schüler mit Migrationshintergrund nehmen wahr, dass man sie für weniger leistungsfähig hält. Wenn diese Wahrnehmung für sie bedrohlich ist – es ist ja nicht schön, das mehrmals am Tag so zu empfinden –, dann senken einige Schüler ihr Leistungspotenzial, damit sich die Prophezeiung erfüllt und die Bedrohung durch eine schlechte Beurteilung abnimmt. Aber Menschenfeindlichkeit hat auch ganz einfache gesundheitliche Folgen. Wenn wir wahrnehmen, dass wir diskriminiert werden, geht das mit erhöhtem Blutdruck und einem mangelnden Selbstwertgefühl einher. Das kennt eigentlich jeder Mensch, denn vom Vorurteil können wir alle getroffen werden.

Wann schlägt Religionskritik am Islam oder Entrüstung über den „Islamischen Staat“ (IS) in Xenophobie um?

Wenn sie nicht den Terror kritisiert, sondern Gruppen oder Menschen, die zu Gruppen gehören, die nichts mit dem IS zu tun haben, mit negativen Eigenschaften des IS beschreibt. Wird der Islam in Generalverdacht genommen und ihm Attribute des Terrors zugeschrieben, dann sollte man gut darauf vorbereitet sein, der Kritik der vermeintlichen Islamkritik zu begegnen. Religion braucht Kritik, wie Gesellschaften und Menschen. Wenn diese aber zur Abwertung und Distanzierung herangezogen wird, dann ist die Kritik Intoleranz.

Wie kann Xenophobie entgegengewirkt werden?

Kontakte herstellen oder medial vermitteln, Normen gegen Menschenfeindlichkeit immer wieder diskutieren, die Bildung gegen Menschenfeindlichkeit verbessern, Gesetze auf die Zuschreibung von Gleichwertigkeit überprüfen und sich nicht für tolerant halten.

Sich nicht für tolerant halten – was meinen Sie damit?

Um Vorurteilen zu begegnen, sollten insbesondere jene, die sich selbst für wenig vorurteilsbelastet halten, sich selbst infrage stellen. Wenn wir an Schulen, oder in Kommunen gehen, dann stellen viele Nichtregierungsorganisationen oft fest, dass ihnen dort gesagt wird: Wir haben gar kein Problem. Selbstreflexion und ein wenig Distanz zu sich selbst gehören zur Grundausstattung.

Was kann jeder Einzelne tun?

Sich nicht für tolerant halten, wie eben gesagt. Und dann: aufmerksam sein, wo andere wegen ihrer Gruppenzugehörigkeit diskriminiert werden, nicht den Verlockungen der Ablenkung von Problemen anheimfallen, Verantwortung annehmen und nicht abschieben, von anderen lernen, wie man sich der Intoleranz entgegenstellt. Ich würde mir auch merken: Jene Menschenfeindlichkeit, die wir gegen andere richten, kann uns im Leben leicht selbst erreichen. Menschen, die ungewollt krank, behindert, obdachlos oder arbeitslos sind, wissen, wovon ich rede. Es gibt kein einziges Kind in diesem Land, das nicht selbst schon erfahren hat, wie weh Ausgrenzung tut und wie leicht es ist, nicht dazuzugehören.

Danke für das Gespräch.



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