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Migranten als Selbstständige in Schaumburger Wirtschaft – gefühlt werden es immer mehr

Gleichbehandlung für alle Existenzgründer

Landkreis. Integration ist dann gelungen, wenn es keinen Unterschied mehr macht, woher die Menschen kommen respektive welche ethnische Abstammung sie haben. Bezogen auf die Schaumburger Wirtschaft ist dieses gesellschaftliche Ziel offenbar bereits erreicht, wie eine Befragung verschiedener mit der Materie befasster Institutionen zeigt.

veröffentlicht am 31.10.2014 um 00:00 Uhr

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Autor:

Michael Werk

„Das sind Existenzgründungen wie alle anderen auch“, sagt Martin Wrede, der Leiter der IHK-Geschäftsstelle in Stadthagen, die in der Regel „die erste Anlaufstelle“ für jene ist, die sich etwa im Einzelhandel oder Dienstleistungsbereich selbstständig machen möchten. Spezielle Statistiken, die Auskunft über den prozentualen Anteil der Migranten unter den Unternehmensgründern und gegebenenfalls deren nationale Herkunft geben könnten, werden hier zwar nicht geführt. Wrede schätzt jedoch, dass rund ein Viertel der zu beratenden Existenzgründer „im weitesten Sinne einen Migrationshintergrund“ hat. Und was die Beratungen betrifft, sind es wie bei deutschen Gründern auch die Tragfähigkeit des jeweiligen Geschäftskonzeptes und rechtliche Fragen, die thematisiert werden, wobei die Migranten nicht schlechter vorbereitet seien als deutschstämmige Unternehmensgründer. „Ich kann hierüber nur Gutes berichten“, betont der IHK-Geschäftsstellenleiter.

Eine spezielle Statistik hat auch die Kreishandwerkerschaft Schaumburg nicht parat: „Wir unterscheiden nicht zwischen Migranten und Deutschen“, erklärt Geschäftsführer Fritz Pape. „Denn wenn die Qualität der Arbeit stimmt, sind sie uns genauso lieb und teuer wie deutsche Unternehmer.“

Auf Nachfrage beziffert er den Anteil der von Migranten geführten Handwerksbetriebe auf schätzungsweise zehn Prozent von insgesamt circa 1800 der Kreishandwerkerschaft angehörenden Unternehmen.

Dabei werden die „klassischen Gewerke“ wie etwa Sanitär-, Dachdecker und Zimmererbetriebe allerdings fast ausnahmslos von deutschstämmigen Firmeninhabern geführt, während beispielsweise viele Änderungsschneidereien und handwerkliche Nebengewerke wie Estrichleger und Fuger im Hochbau oftmals von türkischstämmigen Migranten betrieben werden.

Und egal welche Branche man nimmt: Die Chancen einer selbstständigen Tätigkeit – sprich: sein eigener Herr zu sein und ein gutes Einkommen zu erzielen – würden von Migranten genauso gesehen wie von Nicht-Migranten, sagt Pape.

Die Beweggründe der Menschen, sich aus einer Arbeitslosigkeit heraus selbstständig zu machen, seien oftmals die gleichen – und zwar nicht Hartz IV beantragen zu müssen, berichtet Cornelia Kurth, die Leiterin der Schaumburger Agentur für Arbeit. Die Geschäftsideen indes seien ganz unterschiedlich und die Existenzgründer – bezogen auf den Anteil der Migranten – von der nationalen Abstammung her bunt gemischt. „Da gibt es nichts Auffälliges“, unterstreicht sie.

Wobei es Kurth zufolge Menschen mit Migrationshintergrund mitunter schon schwer fällt, sich mit rechtlichen Themen beziehungsweise behördlichen Antragsverfahren für staatliche Existenzgründungszuschüsse auseinanderzusetzen. Aber dieses Problem hätten auch viele Deutsche, denn es seien ja nicht alles Akademiker, die sich selbstständig machen. Als Hilfestellung biete die Agentur für Arbeit daher „Gründungscoachings“ an, mit denen Arbeitslose fachlich unterstützt werden.

Konkrete regionale Zahlen zu diesem Migranten-Thema kann auch das Amt für Wirtschaftsförderung des Landkreises Schaumburg nicht liefern: „Es ist nicht erfasst, weil es für uns keinen Unterschied macht, wer sich selbstständig macht“, sagt Anja Gewald, Wirtschaftsförderin und Leiterin des Zentrums für Unternehmensgründung und -sicherung (Z.U.G.). „Denn bei uns werden alle Existenzgründer gleich behandelt.“ Im Schnitt der vergangenen drei Jahre seien aber wohl rund 15 Prozent derjenigen Personen, die die Beratungsdienste dieser Dienststelle in Anspruch genommen haben, Menschen mit Migrationshintergrund gewesen, schätzt die Expertin.

Zudem habe sie „gefühlsmäßig“ den Eindruck, dass der Anteil der Migranten unter den Firmengründern immer größer geworden ist – was zeigen würde, dass bei dieser Bevölkerungsgruppe entsprechendes Potenzial (Fähigkeiten und Fachkenntnisse) vorhanden sei. Während allerdings die Frauen in Sachen Unternehmensgründung allgemein auf dem Vormarsch seien, sei die diesbezügliche Frauenquote bei den Migranten „nicht so ausgeprägt“.

Eine, die den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit gewagt hat, ist die studierte Industrie- und Mediendesignerin Necmiye Karadas, die zudem über ein abgeschlossenes Projektmanagement-Studium verfügt: Bevor sie im April 2014 ihre Firma „Nesh Design“ gegründet habe, sei sie in diesem Berufsfeld in leitender Position im Angestelltenverhältnis tätig gewesen, berichtet die in der Türkei geborene Stadthägerin. Von ihrer Arbeitseinstellung und -weise her habe sie aber auch schon damals stets unternehmerisch gedacht. Und als die von ihr bekleidete Stelle dann von ihrem Arbeitgeber wegrationalisiert wurde, habe sie dies als Chance gesehen, fortan auf eigene Rechnung zu arbeiten.

Von ihrem Homeoffice aus unterstützt die 41-Jährige nun mittelständische Unternehmen aus ganz Deutschland bei der Entwicklung neuer Produkte und Produktverpackungen. Außerdem sucht sie für ihre Kunden geeignete Lieferanten, wobei sie die passenden Zulieferer – nicht zuletzt aufgrund des günstigen Lohnniveaus – oftmals in China und Indien findet.

Berufliche Akzeptanz-Probleme hat Necmiye Karadas, die neben Deutsch und Türkisch fließend Englisch und Italienisch spricht, hierzulande bislang noch nicht erlebt. Bei Verhandlungen mit Lieferanten aus eher ländlichen Regionen in China und Indien sei es jedoch durchaus schon mal vorgekommen, dass diese lieber einen männlichen Verhandlungspartner gehabt hätten. Wie sie damit umgeht? „Da schaue ich einfach drüber weg, denn solche Ansichten kenne ich auch aus dem türkischen Kulturkreis.“



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