weather-image
27°
Jugendleiter mit Migrationshintergrund haben oft Sprach- und Kulturkenntnisse, die anderen fehlen

Gewisse Qualifikation in die Wiege gelegt

Stadthagen. Es ist zwar lobenswert, aber eigentlich auch nicht wirklich etwas Besonderes, wenn sich Jugendliche bei der „Alten Polizei“ in Stadthagen zu Jugendleitern ausbilden lassen. Eigentlich. Etwas anders verhält es sich, wenn diese Jugendlichen einen Migrationshintergrund haben. Denn sie bringen manchmal eine Qualifikation mit, die ihnen sozusagen in die Wiege gelegt worden ist. Dadurch, dass sie nicht nur mit der deutschen Sprache und Kultur vertraut sind, finden sie oft leichter Zugang zu betreuenden Jugendlichen, die ebenfalls ausländische Wurzeln haben. So auch Hüseyin Bicakci, Muhammed Cinar und Ümit Incedal aus Stadthagen, die gerade ihre Ausbildung zum Jugendleiter absolvieren.

veröffentlicht am 14.10.2014 um 00:00 Uhr

270_008_7483922_s_SbiS_Jugendleiter_Bicakci_Incedal_Cina.jpg

Autor:

Sinan Incedal

Motivation für diese Aufgabe ist für alle drei zunächst die Arbeit an sich. „Mich hat schon immer der Job des Jugendleiters interessiert“, erzählt Hüseyin Bicakci. Der 16-Jährige mit türkischen Wurzeln sollte bereits eine Fußballgruppe zwischen 10 bis 13 Jahren leiten und so praktische Erfahrung sammeln. „Es machte mir sehr viel Spaß, mit den Kindern zu spielen.“ So viel Spaß, dass er später damit auch ehrenamtlich weitermachen möchte.

Auch Muhammed Cinar (16), ebenfalls türkischer Herkunft, gefällt es, für die Jugend Aktivitäten zu organisieren und zu gestalten. Darüber hinaus erläutert er: „Die Ausbildung zum Jugendleiter kann auch ein Vorteil bei Bewerbungen für einen Beruf oder eine Ausbildung sein. Das kommt immer gut an.“

Der ebenfalls 16-jährige Ümit Incedal kann sich gut vorstellen, die jetzt noch ehrenamtliche Arbeit mit Kindern eines Tages zum Beruf zu machen. „Ich liebe es, mit den Jugendlichen zu arbeiten, und überlege, Sozialpädagogik zu studieren.“ Ihn beeindruckte vor allem der gleichermaßen souveräne wie behutsame Umgang der Leiter mit den Jüngeren. Als er irgendwann erstmals eine junge Fußballgruppe leitete, versuchte er ebendies in die Tat umzusetzen. Er gab ein Vorbild für die Jüngeren ab, spielte aber auch mit ihnen zusammen Fußball, um sich auf diese Weise besser in die Gruppe integrieren zu können, erzählt er. „So können wir uns gegenseitig besser verstehen und eine gute Freundschaft aufbauen“, legt Incedal dar.

Die Jugendleiter werden in verschiedenen Bereichen eingesetzt. Dies kann in Sportvereinen sein, in denen Kindergruppen beim Fußball- oder Tennisspielen betreut werden. Aber auch Jugendgruppen der Feuerwehr gehören dazu. Zusätzlich können die Jugendleiter selbst eigene Angebote organisieren und entsprechende Kurse anbieten.

Die drei Stadthäger Jugendlichen haben im Rahmen ihrer Jugendleiter-Ausbildung auch an einer Fortbildung in Berlin teilgenommen. Dabei ging es vor allem darum zu lernen, Konflikte zu lösen, in Konfliktsituationen richtig zu argumentieren, andere ausreden zu lassen, kurzum: um gesunde und produktive Gesprächs- und Streitkultur.

Eine Beziehung zu den Kindern wird meist über Aktivitäten, wie beispielsweise Fußballspielen hergestellt. Und während sich die Kinder anfangs noch hauptsächlich mit Fragen an ihre Jugendleiter wenden, die sich um Fußball drehen, kommen im Laufe der Zeit auch andere Themen dazu. Der Jugendleiter wird für sie zu einer Vertrauensperson. Da ist es nicht selten, wenn Jugendliche ihre Schul- und Beziehungsprobleme den Leitern anvertrauen und mit ihnen über Pläne oder auch Ängste in Bezug auf die eigene Zukunft sprechen.

Die Jugendlichen, mit denen die drei Stadthäger arbeiten, haben oft einen Migrationshintergrund. „Ein Vorteil für mich ist, dass ich von vielen Jugendlichen, mit denen ich zu tun habe, die Kulturen kenne und meist weiß, wie sie denken und warum sie in bestimmten Situationen auf gewisse Weise handeln, sodass ich intensiver in diese sozialen Bereiche eintauchen kann“, erklärt Incedal, der selbst kurdische Wurzeln hat.

Insbesondere in Konfliktsituationen spiele die Kultur eine wichtige Rolle. Der Respekt vor allem gegenüber älteren Menschen, der beispielsweise in kurdischen oder türkischen Kulturen von hoher Wichtigkeit ist, komme dabei besonders zum Tragen. Dies hilft Incedal – als älteren – in angespannten Situationen zu besänftigen.

Auch auf der sprachlichen Ebene kann der Migrationshintergrund von Vorteil sein, etwa wenn Jugendliche kein oder nur gebrochen Deutsch sprechen. Jugendleiter, die dieselbe Muttersprache haben, können sich dann mit den Jugendlichen besser verständigen. „Eine wichtige Kommunikation zwischen den Jugendlichen kann so aufgebaut werden“, meint Jörg Borchers, der Betreuer der Alten Polizei.

Dies könne auch beim Vertrauensaufbau hilfreich sein. Junge Migranten wendeten sich bei Problemen meist an einen Jugendleiter, der ebenfalls einen Migrationshintergrund hat, da sie aus der gleichen oder zumindest einer ähnlichen Kultur kommen und sich so besser verstanden fühlen, meint Cinar.

„Die drei Jungs sind auf dem Weg, nicht nur gute Jugendleiter, sondern auch vertrauensvolle Freunde für die jungen Menschen aus verschiedenen Kulturen zu werden“, befindet Borchers.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare