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William Adamson ist Schotte – und integriert die Deutschen

„Du bist kein Ausländer, Bill“

Rinteln. „Ich bin Bill“, sagt William Adamson in seinem winzigen voll mit Zettel behangenen Büro nach den ersten Begrüßungsfloskeln. Einander zu siezen, das ist ihm nicht geheuer. „Das war das Erste, das meine Freundin und ich in unserer Nachbarschaft in Heeßen geändert haben: das Siezen.“ 30 Jahre hätten die deutschen Nachbarn bis dahin nebeneinander gewohnt und sich nach so vielen Jahren immer noch gesiezt. Nach ein paar geselligen Abenden mit Bill war das vorbei. Man könnte auch sagen: Der Schotte William Adamson hat seine deutschen Nachbarn integriert.

veröffentlicht am 18.08.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:08 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Adamson, auf dem rechten Unterarm ein riesiges Tattoo, das er sich als 17-Jähriger im Zuge einer Wette in Glasgow hat stechen lassen, ist ein Abenteuertyp. In seiner Heimatstadt Gourock hatte er zunächst Schlachter gelernt, seinen Meister gemacht und schließlich in einem großen Fleischgeschäft als Geschäftsführer gearbeitet. Doch weil ihn das nach ein paar Jahren langweilte, heuerte er im Nachbarort Greenock bei der Ölraffinerie an, in der schon sein Vater gearbeitet hatte – „um mehr Geld zu verdienen“.

Nach zwei Jahren hatte er genug zusammen, um auf Weltreise zu gehen. Die hatte sich der damals 26-Jährige fest vorgenommen, bevor er eines Tages heiraten würde – seine Verlobte ließ er dafür kurzerhand sitzen. Seine ziellose Reise führte ihn vor allem durch Amerika und den Nahen Osten. In New York habe er in einem kleinen Club Bruce Springsteen kennengelernt, ihm einen ausgegeben, „als er noch unbekannt war“.

Wenn sich das Geld dem Ende neigte, jobbte er. Als Tellerwäscher – oder als Stuntman. In Israel doubelte er den US-amerikanischen Schauspieler Peter Strauß für den Film „Masada“.

Nach drei Jahren hatte er genug von der Reiserei. Auf dem Rückweg nach Schottland stattete er seiner Schwester, die inzwischen in Bückeburg lebte, einen Besuch ab – und blieb. Das war vor 33 Jahren, am 4. Januar 1981, um genau zu sein. Zwei Tage später hatte er eine Anstellung bei Heye Glas in Obernkirchen und lernte Industrieglasmacher. „Ohne ein Wort Deutsch sprechen zu können“, erzählt der 60-Jährige.

Das war nicht leicht, die Kollegen veräppelten ihn, machten ihm weis, „Nase“ heiße „Auge“, „Ohr“ „Mund“ und so weiter. „Aber meine Vermieterin hat mich jeden Abend gefragt, was ich gelernt habe, und dann alles wieder geradegebogen“, sagt er. „Und nach drei Monaten konnte ich mich ohne Probleme verständigen.“ Später arbeitete er für Heye sogar als Dolmetscher.

Vom anfänglichen Verhohnepipeln abgesehen sei er immer gut mit seinen Kollegen ausgekommen. Vorurteile habe es ihm als Schotten gegenüber nie gegeben. „Du bist kein Ausländer, Bill‘, haben die immer gesagt und stattdessen auf die italienischen Kollegen gezeigt. ,Aber ich bin nicht deutsch‘, habe ich dann geantwortet. ,Ich bin Schotte!‘“

Welchen wesentlichen Unterschied er selbst zwischen Schotten und Deutschen ausmacht? „Wir haben viel mehr Humor“, sagt er lachend. Deshalb hat er sich für das laufende Jahr auch etwas Besonderes vorgenommen: „Ich will jeden Kunden, der hier reinkommt, zum Lachen bringen!“

Adamson mag Menschen. Schon als Reisender habe er es am spannendsten gefunden, sich in anderen Ländern einzufinden, sie nicht nur als Tourist kennenzulernen – sei es bei den Beduinen in der Wüste Negev oder eben in Deutschland. „Sich zu integrieren, das hat was von einem Chamäleon: Man passt sich an“, befindet er, während immer irgendeiner seiner drei schottischen Collies ihm zu Füßen liegt.

Als bei Adamson eines Tages Multiple Sklerose diagnostiziert wurde, musste er sich abermals umstellen. Bei Heye war er durch die Krankheit nicht mehr voll einsetzbar. Um sein Einkommen aufzubessern, begann er, mit Gebrauchtmöbeln zu handeln. Später kam Büromobiliar dazu – der „Möbelposten“, mit dem signifikanten Schotten im Firmenlogo, expandierte. 1996 machte er sich schließlich selbstständig. Mit Küchenplanungen erweiterte er sein Geschäft, das sich heute Auf der Bünte 6 befindet.

Adamson betrachtet sich selbst als voll integriert. Auch wenn er nach wie vor die schottische Staatsangehörigkeit hat. Und daran wird sich wahrscheinlich auch nichts ändern. „Ich bin und bleibe stolzer Schotte“, sagt er nahezu akzentfrei.

Auch deshalb wünscht er sich, dass Schottland im September der Schritt in die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich gelingt. Das Zeug dazu habe Schottland, ist Adamson überzeugt. Erst recht durch das gigantische Ölfeld, das vor einiger Zeit vor der schottischen Küste gefunden wurde. Aber nicht zuletzt deshalb lege England den Schotten viele Steine in den Weg, glaubt Adamson. Wenn er über das Referendum über die Unabhängigkeit mit abstimmen dürfte, würde er es tun. „Aber dafür muss man in Schottland gemeldet sein.“

Nach zwei gescheiterten Ehen lebt Adamson seit 15 Jahren mit der Berlinerin Steffi Medow zusammen. Zunächst war sie seine Kundin. „Sie hat mir so gut gefallen, dass ich ihr acht Mal die falsche Küche geliefert habe“, sagt er augenzwinkernd und fügt hinzu: „Mit Absicht.“

Ob es eines Tages zurück nach Schottland geht? „Was meinst du, Steffi?“, fragt er. „Nee“, antwortet sie verschmitzt, „ein Schotte reicht mir!“ Adamson lacht. Er ist hier zu Hause, warum also nicht hierbleiben. Zwar hat er manchmal auch ein wenig Heimweh. Aber er macht ja regelmäßig Urlaub in Schottland, besucht seine Familie.

„Und wenn ich da an der Promenade sitze, dann weiß ich: Egal, wie viel sich am Stadtbild verändert, der Blick auf den Fjord, der bleibt immer gleich.“

William „Bill“ Adamson in dem Büro seines Geschäfts „Möbelposten“. pk



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