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Viele spanische Gastarbeiter waren in den späten 60er Jahren in Rinteln beschäftigt

Die Vergessenen

Rinteln. Die Geschichte der Gastarbeiter in Rinteln muss erst noch geschrieben werden. Eine Herausforderung. Das aus allen Nähten platzende Stadtarchiv ist seit Jahrzehnten nicht mehr aktualisiert worden, das Stadtlexikon von Ullrich Künkel schweigt sich aus, im Museum finden sich auch keine Hinweise auf die Gastarbeiter, bei den Unternehmen kann sich kaum noch jemand an die Anwerbeabkommen erinnern, und die Menschen, die einst als Gastarbeiter nach Rinteln kommen, werden immer weniger. Zwar prägen noch ehemalige türkische Gastarbeiter das Stadtbild. Aber dass einst mehrere Hundert spanische Gastarbeiter in der Weserstadt lebten, davon zeugt auf den ersten Blick nichts mehr. Gerade mal 16 Rintelner mit spanischer Staatsangehörigkeit sind heute beim Einwohnermeldeamt in Rinteln gemeldet. Wie viele dieser Spanier Gastarbeiter waren, ist unklar, aber es waren mindestens drei. Unsere Zeitung hat sich mit ihnen und Maria Dolores Ferre Hernandez, die als Übersetzerin fungierte, getroffen.

veröffentlicht am 24.10.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:06 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Ihr Vater, Manuel Ferre Ferre, kam am 14. Februar 1964 nach Rinteln, das wissen Tochter und Mutter unisono zu berichten, ist es doch ein Tag von ungeheurer Bedeutung für Menschen, die ihre Heimat für ein anderes Land aufgeben. Dabei hatte Manolo, wie Manuel Ferre Ferre schnell überall in Rinteln genannt wurde, nur ein Jahr bleiben wollen, ein Vorsatz, wie ihn viele Gastarbeiter hatten: für ein Jahr nach Deutschland und gutes Geld verdienen, um sich dann in der Heimat was eigenes aufzubauen. Doch wie bei vielen Gastarbeitern ging dieser Plan nicht auf. Aus einem Jahr wurden Jahrzehnte, so auch bei Manolo. 34 Jahre arbeitete der inzwischen verstorbene Spanier bei Verpackungshersteller Schroeder & Wagner (heute: Amcor Flexibles).

Aber Manolo blieb nicht lange allein in Rinteln. Auf Drängen seines Schwiegervaters zogen Manolos Frau Dolores und die fast dreijährige Tochter Maria aus dem fernen Nijar (Almería) im Süden Spaniens nach Rinteln hinterher. Viele spanische Gastarbeiter lebten damals in einer Holzbaracke im Bahnhofsweg, „da, wo heute das Flüchtlingsheim steht“, sagt Ferre Hernandez, die die Weihnachtsfeste noch in bester Erinnerung hat. „Es gab in der Baracke einen großen Flur, und dort haben wir immer groß Weihnachten gefeiert, so wie es Spanier eben tun. Wir waren an diesen Tagen bestimmt 100 Leute!“, erzählt sie am Wohnzimmertisch ihres Elternhauses in Möllenbeck. Und ihre Mutter kann sich noch auf den Tag genau erinnern, wann sie zum ersten Mal Schnee zu sehen bekam: „Das war ein 13. Dezember“, sagt sie in gebrochenem Deutsch, ein knappes halbes Jahr nach ihrer Ankunft in Rinteln.

Ja, die deutsche Sprache. „Meine Mutter hat sie nie richtig gelernt“, erzählt Ferre Hernandez. „Mein Vater war da anders, und da er sowieso ein sehr mitteilsamer Mensch war, musste er einfach Deutsch lernen.“ So wurde er gewissermaßen zum Sprecher und Ansprechpartner der Rintelner Spanier, und auch seine Tochter dolmetschte schon als Kind beim Einkaufen oder bei Behördengängen und Arztbesuchen.

Dabei war es für die Spanier in den 60er und 70er Jahren gar nicht zwingend nötig, Deutsch zu beherrschen, Hauptsache, es reichte für die Arbeit bei Schroeder & Wagner, Stoevesandt, Braas, Scheidt und so weiter. Die Spanier bildeten in Rinteln damals eine eigene kleine Gemeinschaft von schätzungsweise 200 Menschen. Sie arbeiteten zusammen, feierten miteinander und kümmerten sich umeinander. Für einen Spanier ohne Familie, der eines Tages tödlich verunglückte, organisierte und finanzierte die Gemeinschaft die Bestattung, nahm an der Trauerzeremonie teil und pflegte sein Grab, erzählt José Expósito Expósito.

Expósito kam 1970 nach Deutschland, zunächst nach Frankfurt. „Ich wollte eigentlich nur sechs Monate bleiben“, sagt er, „aber daraus sind inzwischen 44 Jahre geworden.“ 1972 kam er zu Stoevesandt in Rinteln, erzählt er. An den Wochenenden zog es ihn nach Hannover, wo es noch mehr Spanier gab und ein spanisches Kulturzentrum („…in Hessisch Oldendorf übrigens auch!“, wirft Ferre Hernandez ein.).

Dort lernte er seine Frau kennen. Josefa Pozo Cancillo kam 1971 mit 24 aus Ponferrada nach Deutschland, arbeitete erst in Oldenburg bei Meica, dann in Hannover bei Telefunken. Als sie ihren Mann kennenlernte und heiratete, zog sie zu ihm nach Rinteln und arbeitete für fast 30 Jahre bei der Bekleidungsfirma Reiß in der Friedrichstraße.

Doch Mitte der 70er wurde plötzlich alles anders. Ohne dass die vier spanischen Rintelner eine Erklärung dafür haben, gingen damals fast alle Spanier wieder zurück in ihre Heimat. „Vielleicht, weil sie zurück zu ihren Familien wollten“, mutmaßt Ferre Hernandez.

Das konnte den Ehepaaren Expósito/Cancillo und Ferre/Moreno nicht passieren, sie hatten inzwischen ihre eigenen Familien gegründet, Kinder bekommen und vor allem in Rinteln Wurzeln geschlagen. „Rinteln ist unsere zweite Heimat“, sagt Josefa Pozo Cancillo, und ihr Mann pflichtet ihr bei: „Ehrlich, ja.“

Außerdem sind sie inzwischen Rentner, gönnen sich je nach Wetterlage ihre drei, vier Monate Spanien im Jahr. So hat es auch Dolores Hernandez Moreno mit ihrem Mann gehalten, erst seit seinem Tod werden ihre Aufenthalte dort kürzer.

Maria Dolores Ferre Hernandez fand es immer toll, in zwei Kulturen aufzuwachsen; abgesehen von dem strengen Katholizismus ihrer Eltern, der es ihr verbot, an Klassenfahrten und anderen Ausflügen teilzunehmen.

Die Mutter von zwei erwachsenen Söhnen fühlt sich sowohl als Spanierin als auch als Deutsche, aber vor allem: als Rintelnerin. „Nur meine spanische Staatsangehörigkeit, die gebe ich nicht her!“, sagt sie lachend.



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