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So wurde Schaumburg bunt: Ein Rückblick auf Anfänge und Entwicklung der Zuwanderung

Die ersten Zuwanderer waren Nomaden

Landkreis. So bunt ist Schaumburg – unter diesem Serientitel rückt unsere Zeitung derzeit in loser Folge das Thema Immigration und Integration in den Vordergrund. Auch wenn es dabei vornehmlich um aktuelle Fälle geht – Immigration und Integration sind ein uraltes Thema. Die erste Zuwanderung in die hiesige Gegend hat es nach Erkenntnissen der Archäologen schon während der Steinzeit gegeben.

veröffentlicht am 22.08.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 20.10.2014 um 15:26 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Es waren Nomaden. Sie zogen in ihrer neu entdeckten und bis dato menschenleeren Umgebung zunächst als Jäger und Sammler umher, bevor sie um 6000 v. Chr. sesshaft wurden und auf Ackerbau und Viehzucht umstiegen. Sie begannen, Häuser zu bauen, Siedlungsgemeinschaften zu gründen und Grenzen gegenüber nachfolgenden Zweibeinern abzustecken. Davon tauchten im Laufe der Zeit immer mehr und immer größere Gruppen auf. Das Gros soll anfangs per Kahn auf der Weser „angereist“ sein. Später spielte sich der Zustrom zunehmend auf dem „Helweg“, der bereits in grauer Vorzeit angelegten Ost-West-Landverbindung entlang der südlichen Mittelgebirgsausläufer, ab.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Mobilität und des dadurch bedingten Zustroms von Fremden sahen sich die „Alteingesessenen“ vermutlich schon sehr bald gezwungen, sich mit den bis heute unverändert hochaktuellen Fragen herumzuschlagen: Wie gehen wir mit den Neuen um? Sollen wir ihnen etwas von unseren Vorräten abgeben? Können wir sie möglicherweise gebrauchen oder werden sie uns nur auf der Tasche liegen? Wie können wir die Guten und Nützlichen zum Bleiben bewegen und die Schlechten schnell wieder loswerden? Überhaupt: Ist „Buntsein“ schön und gut? Und wenn ja, ist es der richtige Farbmix für uns?

Wann, wie und in welchem Ausmaß sich das Kommen und Gehen in der Frühzeit der heimischen Geschichte abspielte, ist unbekannt. Das Gleiche gilt für Herkunft und Zusammenleben der damals hierzulande lebenden Menschen. Wir wissen weder, wie sie sich verständigten, noch, wie sie die Gegend, die heute „Schaumburg“ heißt, nannten.

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  • Zu den bekanntesten Zuwanderern der heimischen Geschichte gehörten die Hugenotten. Schon vor dem rigorosen Verbot durch Sonnenkönig Ludwig XIV. im Jahre 1685 war es in Frankreich mehrmals zu gewaltsamen Glaubenskriegen gekommen. Höhepunkt war ein als „Pariser Bluthochzeit“ in die Geschichte eingegangenes Massaker im Morgengrauen des 24. August 1572 – die Bartholomäusnacht. Hier eine Kupferstich-Darstellung des flämischen Malers Gaspar Bouttats (1625-1703). Repro
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Die ersten halbwegs verlässlichen Informationen liegen uns erst aus der Zeit nach Christi Geburt vor. Danach waren in den meisten Fällen Krieg und Gewalt im Spiel. Fast immer ging es um obrigkeitsstaatliche Machtansprüche und Glaubenskriege. Mitgefühl mit den Toten und Kriegsversehrten kam – bis in die jüngste Zeit hinein – selten vor. Das Leiden der Untertanen und ihrer Angehörigen war dem Gros der Landesherren egal. Das Volk darf erst seit knapp hundert Jahren – während der Weimarer Republik und seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland – mitreden. Die zahlreichen und vielfältigen Anlässe und Ereignisse, die in früherer Zeit Zuwanderungen auslösten, können an dieser Stelle nur ansatzweise angesprochen werden. Für einen ersten nachhaltigen Kick sorgten offenbar die Römer. Obwohl ihr Gastspiel nur wenige Jahrzehnte andauerte, darf ihr Auftreten als Meilenstein in Sachen Zivilisation und technischem Know-how gelten.

Aus den Berichten der römischen Chronisten wissen wir auch, dass damals in der hiesigen Region Cherusker und Angrivarier (Engern) zu Hause waren. Beide Stämme wurden später – möglicherweise im Rahmen der im 4. Jahrhundert einsetzenden Völkerwanderung – von ihrem germanischen Brudervolk der Sachsen vereinnahmt, verdrängt beziehungsweise aufgesogen.

Den radikalsten Bruch mit der althergebrachten Lebensweise brachte die gewaltsame, von Karl dem Großen Ende des 8. Jahrhunderts in Gang gebrachte Christianisierung. Es war der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Religionsfehden, die bis ins späte Mittelalter hinein ganze Heerscharen fremder Söldner, Pilger und Abenteurer ins Schaumburger Land spülten. Beim Umgang mit „nichtsnutzigen“ Neuankömmlingen war man nie zimperlich. Mitleid und Nachdenken über menschliche Werte und Würde waren angesichts des täglichen Überlebenskampfes kein Thema. Sogenannte „Planetenleser“ und „Lumpenträger“ wurden sofort von dannen gejagt. Von Leuten, die wir heute „Wirtschaftsflüchtlinge“ nennen, ist in älteren Aufzeichnungen nur relativ selten die Rede.

Eine der größten und für die Entwicklung der hiesigen Region bedeutsamsten Zuwanderergruppen waren die Hugenotten. Durch gezielte Anwerbung kamen vor gut 200 Jahren etwa 170 der in ihrer Heimat verfolgten Franzosen ins Schaumburger Land. Die als hoch qualifizierte Handwerker bekannten „Réfugiés“ (Flüchtlinge) waren hochwillkommen.

Eine Bereicherung ganz anderer Art stellten die von den früheren hierzulande herrschenden Obrigkeiten zur Aufwertung ihres Hofes ins Land geholten Künstler, Philosophen, Wissenschaftler und Pädagogen dar. Ohne das Wirken des evangelischen Theologen und Reformators Jakob Dammann (1534-1591), von dessen Kollegen, dem Kirchenliederdichter Josua Stegmann (1588-1632), des Arztes Dr. Bernhard Faust (1755-1842), des Malers Anton Wilhelm Strack (1758-1829), des Philosophen Thomas Abbt (1738-1766) oder des Dirigenten und Geigen-Virtuosen Richard Sahla (1855-1931) ist Schaumburgs Geistesgeschichte kaum vorstellbar. Und zur personellen und kulturellen „Buntheit“ der heimischen Gesellschaft dürften, wenn auch in höchst unterschiedlicher Weise, die Studenten der Academia Ernestina in Rinteln und die im 18. Jahrhundert vom damaligen Grafen Wilhelm ins Land geholten Schwarzen, damals „Hofmohren“ genannt, beigetragen haben.

Auch einige der später außerhalb der hiesigen Region zu Ruhm und Ehre gekommenen Schaumburger Eigengewächse wie der gebürtige Rintelner Franz von Dingelstedt (1814-1881), die in Obernkirchen (der „Pudding-König“ August) und im Auetal (die Reichstagsabgeordneten und Vorkämpfer der deutschen Demokratiebewegung Friedrich und Karl) zur Welt gekommenen Angehörigen der Oetker-Dynastie sowie auch und gerade die als unerschrockene Gegner des NS-Regimes in die Geschichte eingegangenen Bückeburger Friedrich, Hermann und Richard Muckermann hatten einen „Migrationshintergrund“.

Die größte Integrationsleistung seit Menschengedenken ging – nicht nur im Schaumburger Land – in den 1940er und 1950er Jahren über die Bühne. Damals brachten unsere Altvorderen innerhalb von knapp zehn Jahren mehr als 30 000 Ausgebombte und Heimatvertriebene unter.

Die Bevölkerung Schaumburgs wuchs von 53 000 im Jahr 1939 auf 85 000 im Jahr 1952 an. Mancherorts, wie zum Beispiel in Rinteln, schnellten die Einwohnerzahlen ums Doppelte in die Höhe. Angesichts dieser Leistung unserer Großmütter und Urgroßväter muten die heutigen Herausforderungen geradezu bescheiden an.

Zuwanderer, die die Region des heutigen Schaumburgs maßgeblich mitgeprägt haben: Der Arzt und „Gesundheitsapostel Dr. Bernhard Christoph Faust (v.l.), der evangelischen Theologe und Reformator Jakob Dammann, der Philosoph und Pionier der Aufklärung, Thomas Abbt, und der Dirigent, Komponist und Geigen-Virtuose Richard Sahl.Repros



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