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Serie „So bunt ist Schaumburg“: Die Manukjans kamen vor über 25 Jahren aus Sibirien nach Deutschland

Auf den ersten Blick erstaunlich

Rinteln. Vier kleine Kinder umwuseln die Kasse von Rasmik Manukjans Lebensmittelgeschäft an der Mindener Straße. In den Händen halten sie ziemlich exotische Süßigkeiten, die sie bezahlen wollen, Bonbons und Schokoriegel mit russischen Aufschriften. Was sie besonders freut: Rasmik Manukjan hält jedem Kind eine Dose mit Keksen hin und schenkt ihnen außerdem noch knallbunt verpackte Kaugummis. „Nun ja“, sagt der freundliche Mann, „das ist doch selbstverständlich.“

veröffentlicht am 08.09.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 18.01.2017 um 19:06 Uhr

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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Es geht sehr familiär zu in diesem Geschäft, das deutsche Kunden eher selten betreten. Abgesehen von Burkhard Fink aus der Nachbarschaft vielleicht, der in der Ex-DDR aufwuchs und hier die eine oder andere Ware findet, die ihn an seine Kindheit erinnert, nicht zuletzt die eingelegten Gurken, auf russische Art mit Koriander gewürzt. Rasmik Manukjan kommt ursprünglich aus Armenien, seine Frau Swetlana ist Russlanddeutsche aus dem sibirischen Omsk, wo die beiden sich einst kennenlernten.

Die Lebensmittel, die sie verkaufen, richten sich an russische und auch polnische Kunden, ein in manchen Ecken geradezu geheimnisvoll wirkendes Angebot, fast so, als sei man in einem russischen Tante-Emma-Laden gelandet.

Am erstaunlichsten für alle Nicht-Russen ist nicht unbedingt die überaus reichhaltig gefüllte Fleisch- und Wursttheke (darunter auch Pferdefleischwurst), sind nicht die reich verzierten Torten im Tiefkühlfach oder die Vorräte an Meeresalgen, die, wie man erfährt, weniger des Geschmacks als der Gesundheit wegen gekauft werden.

Am erstaunlichsten erscheinen die vielen Variationen an getrocknetem Fisch. Der liegt, in ganzen Filets oder handlichen Stücken in Kartons offen da, und er versteckt sich auch in kleinen knallbunten Tütchen, in denen man – ahnungslos – eher eine Art Kinderüberraschung erwarten würde. „Ja, ja, die Russen und die Russlanddeutschen lieben den getrockneten Fisch“, meint Rasmik Manukjan. „Man knabbert ihn gern so nebenher – hier, wollen Sie ein Stückchen?“ (Hm, gerade jetzt nicht, vielen Dank, denke ich. )

Neben den unzähligen Lebensmitteln, die in ihrer Gesamtheit alles bieten, was man zum schönen oder auch schnellen Essen braucht, enthält das Geschäft auch eine Kleidungsabteilung. Ursprünglich nämlich besaßen die Manukjans in der Straße Unterm Stiderfeld einen Laden mit dem Namen „Armenia“, bis es doch wirtschaftlicher erschien, sich mit dem Modegeschäft „M-Style“ der ältesten Tochter Kima zusammenzuschließen – eine Kombination, die insgesamt zu dem in deutschen Augen ungewöhnlichen Sortiment passt.

Was die Regale und Tresen füllt, ist, bis auf wenige Ausnahmen, nicht direkt aus Russland importiert, sondern wird überwiegend in Deutschland produziert, nur eben ganz nach russischem Geschmack.

Nicht nur das Geschäft, auch die Geschichte der Familie Manukjan ist bemerkenswert. Im Jahr 1988 zogen Eltern und Kinder, darunter ein Neugeborenes, aus Sibirien nach Armenien um, zu Verwandten, die dringend Hilfe brauchten, weil sie von dem fürchterlichen Erdbeben von Spitak betroffen waren. Dort aber war das Leben so schwer, dass sie 1993 die Chance nutzten, als Spätaussiedler nach Deutschland zu kommen. Rasmik Manukjan schloss in Hameln eine Lehre zum Maler und Lackierer als Bester ab, Swetlana gebar bald ihr siebtes Kind und erhielt dafür die Gratulation des Bundespräsidenten. Neun Kinder gehören insgesamt zur Familie, und eigentlich sind es sogar zehn, denn – das ist immer noch ein großer Kummer – ein Zwillingskind war damals im Omsker Krankenhaus einfach verschwunden, entführt, wie die Eltern annehmen müssen.

Inzwischen läuft das Leben der Manukjans in ruhigeren Bahnen. Ihr Lebensmittelgeschäft hat sich am Ort etabliert und zieht Stammkunden auch aus weiterem Umfeld an. Wer scharf eingelegten Weißkohl probieren will, Krakauer aus Pferdefleisch, den geräucherten „Zopfkäse“, der aus vielen kleinen Strängen geflochten ist und leicht nach Fisch schmeckt, oder den vollmundigen Wein aus Armenien, der sollte sich in das freundliche Geschäft in der Mindener Straße 3 hineinwagen.

Einen Keks gibt es dann ganz bestimmt auch. Geschenkt.



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