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Gerechtigkeit liegt Selvi Arslan-Dolma am Herzen – deshalb ist sie Rechtsanwältin

Als Deutsche unter „Biodeutschen“

Stadthagen/Rinteln. Selvi Arslan Dolma ist eine echte Schaumburgerin. In Stadthagen aufgewachsen und zur Schule gegangen, studierte sie anschließend in Bielefeld Jura und kehrte schließlich in ihre Heimat zurück: Schaumburg. Hier arbeitet die 43-jährige Deutsche mit türkisch-kurdischem Migrationshintergrund als Rechtsanwältin. Unsere Zeitung hat Selvi Arslan-Dolma an ihrem Arbeitsplatz im Rintelner Seniorenzentrum „Haus Weserblick“ besucht, sich von ihr für unsere Serie „So bunt ist Schaumburg“ ihren Werdegang schildern und bei dieser Gelegenheit auch die Bedeutung von „Biodeutschen“ erklären lassen.

veröffentlicht am 16.09.2014 um 23:59 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:06 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Ihre Mutter kam noch vor ihrem Vater nach Deutschland, als Gastarbeiterin zu Telefunken in Hannover. Ihr Vater kam etwas später nach, um bei den Vereinigten Leichtmetall-Werken in der Landeshauptstadt zu arbeiten. Zwischendurch ging ihre Mutter zurück in die Türkei, nach Istanbul. Sie war schwanger. Aber in Deutschland zu entbinden, das war ihr nicht geheuer.

In der Metropole am Bosporus brachte sie Selvi zur Welt. Es war der 5. Januar. Aber der Arzt in Deutschland hatte den 11. vorausgesagt. Aus Furcht vor Schwierigkeiten mit der deutschen Bürokratie, gaben ihre Eltern, zurück in Deutschland, den 11. Januar als Geburtstag an, um der Prognose des deutschen Arztes nicht zu widersprechen, erzählt Arslan-Dolma und lacht darüber. „So steht es bis heute in meinem Pass.“

Nach ein paar Jahren fand ihr Vater in Stadthagen Arbeit bei Rentrop (heute Faurecia), die Arslans zogen nach Obernwöhren. Zwar hatte ihr Vater nur die Grundschule besucht und ihre Mutter war lange Analphabetin, bis sie sich irgendwann selbst das türkische Alphabet beibrachte und es an ihre fünf Kinder weitergab. Aber Deutsch konnte sie ihren drei Töchtern und zwei Söhnen nicht beibringen. „Das lernte ich erst in der Schule, und das ging auch sehr schnell“, erzählt Arslan-Dolma. Überhaupt kam sie in der Schule gut zurecht. Als eine der ersten Gastarbeiterkinder bekam sie auf der Orientierungsstufe eine Empfehlung fürs Gymnasium.

Und auch wenn sie ein Faible für Sprachen (Leistungskurse Deutsch und Englisch) und überhaupt Musisches hat, war nach dem Abi am Ratsgymnasium klar, dass sie Jura studieren würde. „Ich hatte schon von klein auf einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und mich immer für die Ausgegrenzten eingesetzt“, sagt sie.

So wie sie eine der ersten türkischstämmigen Abiturienten in Stadthagen war, zählte sie an der Uni Bielefeld zu den ersten Studenten, die Kinder von Gastarbeitern waren. „Tatsächlich hat man dann auch viel miteinander zu tun, wahrscheinlich, weil man von seinen Gemeinsamkeiten weiß“, vermutet sie und fügt augenzwinkernd hinzu: „Aber ich war auch mit vielen Biodeutschen befreundet – also Deutschen ohne Migrationshintergrund.“ Ihre Wohngemeinschaft in Bielefeld teilte sie sich mit lauter deutschen Kommilitonen, die keinen Migrationshintergrund hatten.

Als Deutsche mit Migrationshintergrund habe sie von den „Biodeutschen“ im Grunde nie Ausgrenzung erfahren. Sie sei zwar aufgefallen, durch ihr tiefschwarzes Haar und ihren türkischen Namen – „aber eigentlich nur positiv“. So sei auch die Stadthäger Amtsgerichtsdirektorin damals auf sie zugekommen und habe gefragt, ob sie Verfahrensbeistand für Migranten leisten wolle. Bis heute ist sie, wie sie sagt, als „Anwältin des Kindes“ am Familiengericht im Verfahrensbeistand.

Ihr kurdisch-türkischer Migrationshintergrund (kurdisch lernte sie erst an der Universität) ist für sie sowohl in kultureller als auch in sprachlicher Hinsicht ein Vorteil bei der Verständigung mit türkischen oder kurdischen Mandanten.

Diese Erfahrung machte sie bereits nach ihrem Staatsexamen, als sie bei einem kurdischen Kollegen in der auf Ausländer- und Asylrecht spezialisierten Kanzlei in Hannover arbeitete. „Damals lernte ich erstmals Menschen kennen, die gefoltert wurden“, sagt sie, meistens Kurden aus der Türkei oder dem Irak. „Da wusste ich: Ich habe das richtige Studium gewählt.“ Hier konnte sie wieder Menschen helfen. Solche Arbeit erfüllt sie, sagt Arslan-Dolma, Spaß macht sie ihr nicht. „Wenn einem jemand erzählt, wie er gefoltert wurde, dann macht das keinen Spaß.“ Dabei kam sie emotional und zeitlich an ihre Grenzen.

Anschließend arbeitete sie als Syndikusanwältin bei einem Unternehmen in Bückeburg, bevor sie sich 2004 in Stadthagen selbstständig machte und auf Familienrecht und Nebenklagenvertretung spezialisierte.

Um aber wieder mehr Zeit für ihre Familie und ihren heute 13-jährigen Sohn zu haben, arbeitet sie seit zwei Jahren wieder als Syndikusanwältin. Als solche berät sie das Rintelner Seniorenzentrum Haus Weserblick. Überdies ist sie die stellvertretende Heimleiterin.

Doch ihr soziales Engagement holt sie dennoch immer wieder ein. Jahrelang bildete sie für den Landkreis Schaumburg Integrations- und Elternlotsen aus, bis heute ist sie unter anderem im Arbeitskreis Opferhilfe in Schaumburg tätig, speziell für Frauen und Migranten – „weil ich eben eine Frau bin, aber auch Migrantin“. Ihrem Hang zur Muse geht sie im Chor des alevitischen Kulturvereins und beim Lesen von (türkischen) Krimis nach.

Ihrer eigentlichen Berufung – dem Anwaltsberuf – geht sie nach wie vor nach. „Zwei Mal die Woche für jeweils drei Stunden bin ich weiterhin als freiberufliche Anwältin tätig.“

Ihre Mandanten setzten sich aus Deutschen mit Migrationshintergrund und „Biodeutschen“ gleichermaßen zusammen – „ich habe in Stadthagen und Umgebung ein weitverzweigtes Netzwerk“. Gleichwohl vermutet sie, dass ihr türkischer Name manchen Deutschen abschreckt, nach dem Motto: Die versteht mich eh nicht. Bei Türken oder Kurden sei es wohl eher umgekehrt, die dächten: Die versteht mich wenigstens.



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