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Hamelner Überlegungen zur Westumgehung haben sich verselbstständigt / Land bremst nicht

Wer hatte eigentlich diese Idee?

Hameln. Eigentlich war das ganz anders geplant: Auf einmal sieht der Bund die Westumgehung als „vordringlich“ an, die Südumgehung gehört nur noch zum „weiteren Bedarf“. Die ursprünglichen Überlegungen haben sich verselbständigt. Nun wird im Rathaus gerätselt, wie es dazu kommen konnte.

Autor

Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

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Hameln. Die meisten Hamelner mögen an einen leicht verfrühten Aprilscherz denken, wenn sie vom Projekt „Westumfahrung“ lesen. Für Umweltschützer Ralf Hermes war es bisher eine „Vision aus der Traumwerkstatt, die Fakten, Kosten und Zeit nicht im Blick hat“. So nannte er die Gedankenspiele vor drei Jahren im städtischen Umweltausschuss. Auch Fachbereichsleiter Ralf Wilde hatte damals betont: „Geplant wird gar nichts. Wir wollten lediglich einmal völlig wertfrei verkehrstechnische Auswirkungen darstellen.“ Doch plötzlich hat der Traum oder Albtraum – je nach Wohnlage – gute Chancen, Wirklichkeit werden.

Der Bund möchte der Stadt ein Geschenk machen, das die Bewohner des Klütviertels und die heimischen Naturfreunde wohl entsetzt zurückweisen werden: Die Klütstraße könnte künftig als Bundesstraße 83 fungieren. Alternativ ließe sich auch eine Trasse von der westlichen Seite der Thiewallbrücke an der Weser entlang in Richtung Klärwerk schlagen, eventuell als Tunnel wie dem an der Emmer in Lügde, weil ja die Auen zu schützen sind; der Campingplatz müsste während der Bauphase weichen, vielleicht auch für immer.

So vage und problematisch die Überlegungen auch erscheinen: Das Bundesverkehrsministerium hält die Umsetzung für „vordringlich“. Zum Vergleich: Die seit fast einem Jahrhundert geforderte, endlich quasi baureife, zuletzt lediglich juristisch blockierte Südumgehung gehört im Entwurf für den Bundesverkehrswegeplan 2030 nur noch zum „weiteren Bedarf“; immerhin darf dort aber die Planung fortgesetzt werden, anders als bei dem von Holzminden ersehnten Ithtunnel.

Wie aber ist das Projekt „Westumfahrung“ nach Berlin gelangt? Ganz einfach: Es wurde von Hameln aus auf die Reise geschickt. „Wir wollten schauen, ob die westliche Entlastung Chancen hätte, vom Bund finanziert zu werden“, sagt Markus Brockmann etwas kleinlaut. Die Mitarbeiter des regionalen Ablegers der Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr hatten in Absprache mit den Kollegen im Rathaus nach Alternativen für die stark befahrene Strecke von der Fischbecker Landstraße über Erichstraße zur Thiewallbrücke gesucht. Das sollte die Innenstadt weiter beruhigen – „als Ergänzung zur Südumgehung“, wie Brockmann betont. Denn: „Ohne Südumgehung ist die Westumgehung sinnlos.“

Die Testrakete hat anders gezündet als beabsichtigt

Was im Weserbergland niemand will, schon gar nicht die Unternehmen: dass dem Südprojekt mit seinem Anschluss ans Industriegebiet durch die Westidee das Wasser, sprich: der Geldfluss, abgegraben wird. Die Testrakete aus Hameln hat in Berlin also anders gezündet als beabsichtigt. Das dürfte aber durchaus an den guten Argumenten liegen, die von den Straßenplanern mitgeschickt wurden. Denn in der Begründung heißt es unter anderem: „Zur Verbesserung der Verbindungsfunktion [der B 83] ist die Westumgehung Hameln erforderlich.“ Die Ortsdurchfahrt sei mit 18 400 Fahrzeugen pro Tag stark belastet, es gebe auffällig viele Unfälle mit Personenschaden, es werde zumeist schneller als erlaubt gefahren, andererseits sei das Durchkommen zeitaufwendig, und problematisch seien auch die Lärm- und Schadstoffbelastung. Als Alternativtrassen werden aufgezählt:

Mit einer Länge von 1,5 Kilometern und geschätzten Kosten von 10 Millionen Euro ist die einfachste Version die Führung von der Kreuzung Fischbecker Landstraße/Reherweg über die Weser hinweg zur Klütstraße.

Möglich ist auch die Abzweigung von der Thiewallbrücke: „Sie verläuft am Rande der für Fauna wertvollen Bereiche in unmittelbarer Nachbarschaft zu vorhandener Wohnbebauung in Richtung Nordwesten, überquert die Weser und bindet an den Knotenpunkt B 83/Kreisstraße 1 an, der entsprechend der neuen Anforderungen auszubauen ist.“ Diese Trasse wäre 1,9 Kilometer lang und läge komplett im Überschwemmungsgebiet der Weser.

Auch der Anschluss in Höhe des Klärwerks sei denkbar. Dann messe die Strecke 3,0 Kilometer. Für die Auen-Trassen sei „Schallschutz in erheblichem Umfang erforderlich“.

Auch aus Sicht des Verkehrsministeriums in Hannover birgt der Projektkatalog des Bundes „einige Überraschungen“, wie Sprecher Stefan Wittke sagt. Die Fachleute wollten die Vorentscheidungen des Bundes nun während der sechswöchigen Einspruchsfrist im Detail prüfen. Fest stehe bereits: „Niedersachsen wird nichts aus dem ,vordringlichen Bereich‘ herausstreichen lassen.“ Das Projekt „B 83“, zu dem auch die Ortsumfahrung Grohnde gehört, dürfte also weiterleben. Wittke glaubt aber, dass dies auch für Hamelns Südumgehung gelten könnte: „Unsere Experten sagen, dass der Bund wohl auch die Projekte der Kategorie ,weiterer Bedarf mit Planungsrecht‘ verwirklichen wird.“ Vom Bundesverkehrsministerium gab es dazu gestern keinerlei Auskünfte.

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