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Historiker Gerd Althoff spricht über Religion, Gewalt und die Rolle der christlichen Kirche

Vom zornigen Gott und ewigen Leben

Herr Prof. Althoff, obwohl meist die friedliche Botschaft von Christentum, Judentum und Islam betont wird, wird im Namen von Religionen Gewalt ausgeübt. Sind sie also nur ein Vehikel für Machtstreben oder sind Religionen selbst auch gewalttätig?

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Das ist in vielen Bereichen erforscht. Von daher kann man schon sagen, dass auch die Religionen selbst eine Neigung zur Gewalttätigkeit haben. Wenn man sozusagen die wahre Religion verkörpert und die anderen Ungläubige sind, die von Gott verdammt werden, hat das Konsequenzen, die sich auch gewalttätig äußern können.

Sind monotheistische Religionen, also Religionen, die nur einen Gott verehren, gewalttätiger als beispielsweise der Buddhismus?

Das ist umstritten, weil zum Beispiel auch der Buddhismus gewalttätige Züge hat. Es gibt Mönche, die durchaus gewalttätig werden.

  • Für das Versprechen ewigen Lebens zogen sowohl Christen als auch Muslime schon in den Krieg. dpa

Warum eignet sich Religion eigentlich so gut, um Menschen zu Gewalttaten zu motivieren?

Weil Religion eine starke Wirkung auf die Menschen hat und man aus den heiligen Schriften Argumente herauslesen kann, die diese Gewalt mit Gotteslohn verbinden. Das senkt natürlich die Hemmschwelle zur Anwendung von Gewalt.

Wo und wann werden auch in der Geschichte des Christentums Bibelstellen benutzt, um Gewalt zu rechtfertigen?

Man kann das an verschiedenen Stellen beobachten: In dem Moment, als das Christentum Staatsreligion wurde und plötzlich mit der Frage der Abweichler konfrontiert wird. Da ist eine erste Schwelle von Gewaltanwendung, vor allem in den afrikanischen Gemeinden. Und dann gibt es im Mittelalter, im elften Jahrhundert, als das Papsttum die Führung der Kirche übernimmt, den Anspruch, Kirche und Welt regieren zu wollen und Gehorsam von allen Menschen zu fordern. Das wird dann auch mit der Gewaltfrage verknüpft, dafür wird dann auch die Bergpredigt verändert: „Selig sind die, die Verfolgung ausüben und nicht nur die, die Verfolgung erleiden.“

Inwiefern missbrauchen Menschen ihre Religion, wenn Gewaltaufforderungen in den heiligen Schriften sogar nachzulesen sind?

Sie sind nicht davon überzeugt, dass sie sie missbrauchen, sondern glauben, dass sie richtige Argumente aus der Bibel herausgelesen haben. Im Christentum ist es so, dass sich das Alte und das Neue Testament in der Gewaltfrage erheblich widersprechen. Christus hat Nächstenliebe und Feindesliebe gepredigt. Es gibt nur ganz wenige Äußerungen, die in der Nähe von Gewalt sind, während das Alte Testament einen zornigen, rächenden und vernichtenden Gott kennt, der genauso Vorbild werden kann.

Im Zusammenhang mit Gewaltbereitschaft steht momentan vor allem der Islam in der Kritik. Sollten die Christen, wenn sie auf andere zeigen, auch in die eigene Vergangenheit schauen?

Die gewalttätige Phase des Christentums ist ja Vergangenheit. Man kann sagen, dass sich die christlichen Kirchen in den vergangenen Jahrhunderten relativ zurückgehalten haben. Seit dem 16. Jahrhundert, der Reformation, dem Dreißigjährigen Krieg und im 17. Jahrhundert wurden Glaubenskriege nicht mehr geführt. Aber die Christen hatten vorher ein Jahrtausend, wo sie sehr gewalttätig waren, bei der Mission, bei ihrem Umgang mit Ungläubigen, mit Ketzern: Es gab die Inquisition, wo gefoltert wurde usw. Wir sollten nicht die Haltung einnehmen, dass das Christentum weit entfernt ist von Gewaltanwendung.

Haben die Christen aus ihrer Geschichte gelernt?

Das kann man in gewisser Weise sagen. Ob es nur die Christen sind oder überhaupt die Zivilisation gelernt hat, müsste man untersuchen. Man kann insgesamt nicht sagen, dass die Gewalt in der Welt weniger geworden wäre, weil natürlich auch die technischen Möglichkeiten viel größer geworden sind. Deswegen vergleicht man sehr ungleiche Dinge, wenn man in frühere Jahrhunderte schaut.

Gab es einen psychologischen Hebel, mit dem die christlichen Herrscher es früher schafften, die Menschen zu Gewalttaten zu motivieren?

Es waren weniger die christlichen Herrscher als die Kleriker selbst: Der wirkungsvollste Hebel war geistige Belohnung, das ewige Seelenheil zu versprechen, wenn man im Dienste des Christentums getötet wird. Das ist in Fülle passiert. Man hat den Kriegern gesagt hat, wenn ihr für das Christentum in den Krieg zieht, dann habt ihr im Falle des Überlebens Ruhm und Ehre. Wenn ihr fallt, dann kommt ihr direkt in den Himmel. Das sind natürlich Versprechungen, die sehr weit gehen.

Es sind ähnliche Versprechungen wie heute bei den islamischen Selbstmordattentätern...

...ja, der Koran macht ähnliche Versprechungen, dass diejenigen, die den Dschihad praktizieren, in den Himmel kommen.

Wie können Christen dazu beitragen, die Gewalt aus ihrer, aber auch aus anderen Religionen fernzuhalten?

Indem wir uns auf unsere Vergangenheit besinnen, die Fehler benennen und die Friedfertigkeit unserer Religion in den Vordergrund stellen. Es gibt genügend Richtungen im Islam, die ähnlich operieren und sagen, der Islam ist in Wirklichkeit keine gewalttätige, sondern eine barmherzige Religion. Wenn sich das durchsetzt als herrschende Lehre und die gewalttätigen Richtungen an Zulauf verlieren, könnte die Religion in diesem Sektor entschärft werden.

Interview: Dorothee Balzereit

„Biblische Legitimation und die Anwendung von Gewalt durch die Kirche im Mittelalter“, Vortrag von Professor Dr. Gerd Althoff, Münster. Mittwoch, 19 Uhr, Ev. Freikirchliche Gemeinde, Schubertstraße 1, Eintritt frei. Veranstalter ist der Arbeitskreis Ökumene der Hamelner Nordstadt und Ökumenisches Zentrum Klein Berkel, Tel. 05151/52770.

Christen, Juden und der Islam pochen auf die Friedfertigkeit ihrer Religion. Kreuzzüge, Glaubenskriege und Anschläge wie in Paris sagen etwas anderes. Über Religion und Gewalt mit Fokus auf der christlichen Kirche spricht Historiker Professor Gerd Althoff.

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