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„Fühle mich nicht zum Russland-Kritiker berufen“

SPD-Politiker Matthias Platzeck wirbt in Hameln um Verständnis

HAMELN. Als Ministerpräsident Brandenburgs hat er sich als Krisenmanager bewährt. Mittlerweile ist Matthias Platzeck Vorsitzender des deutsch-russischen Forums, das sich für einen breiten gesellschaftlichen Dialog zwischen Russland und Deutschland einsetzt. In dieser Funktion hat Platzeck am Mittwoch Hameln besucht.

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Lars Lindhorst Reporter zur Autorenseite

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Als Ministerpräsident Brandenburgs hat er sich einst als Krisenmanager bewährt, damals während der großen Oderflut 1997 oder beim Elbe-Hochwasser 2002. Das Kapitel Groß-Flughafen BER hingegen – naja, eher ein unrühmliches in Matthias Platzecks Amtszeit als Ministerpräsident. Zum Parteichef der SPD hat er es dann auch geschafft. Es folgte aber das politische Aus für Platzeck – aus gesundheitlichen Gründen.

Nach mehreren Hörstürzen und einem Schlaganfall hat sich Platzeck zumindest aus dem politischen Tagesgeschäft verabschiedet. Aktiv ist er dennoch geblieben, wenn auch nicht als politischer Funktionsträger. Heute ist er gewissermaßen in einer Friedensmission unterwegs.

Matthias Platzeck ist Vorsitzender des deutsch-russischen Forums, einem Verein mit Sitz in Berlin, der sich für einen breiten gesellschaftlichen Dialog zwischen Russland und Deutschland einsetzt. In dieser Funktion hat Platzeck am Mittwoch Hameln besucht. Eingeladen hatte ihn die deutsch-russische Gesellschaft, die sich erst im vergangenen Jahr in Hameln gegründet hat und ebenfalls das Verständnis von Russen und Deutschen auf zivilgesellschaftlicher Ebene fördern will. Vor Mitgliedern des Hamelner Vereins hielt Platzeck einen Vortrag, in Hameln trug er sich auf Einladung des Oberbürgermeisters auch ins Goldene Buch der Stadt ein, gleich hinter Angela Merkel.

Der 62-jährige Platzeck definiert seine neue Aufgabe ziemlich klar: „Ich fühle mich nicht zum Russland-Kritiker berufen“, sagt er. Vielmehr sei er trotz und gerade wegen der großen politischen Unstimmigkeiten um ein gutes Verhältnis zu Russland bemüht.

Und wenn die Politik ins Stottern gerät, dann sei eben die Zivilgesellschaft – Städtepartnerschaften und gefestigte Vereinsfreundschaften zum Beispiel – am Zug, zumindest den Dialog aufrechtzuerhalten.

Ob Westeuropäer es nun wollen oder nicht: „Wir müssen mit Russland übereinkommen. Es wird keine Sicherheitsarchitektur für Europa ohne die Russen geben“, sagt Platzeck. „Das können wir uns nun mal nicht aussuchen.“

Weil er offen dafür wirbt, die Position Russlands zu verstehen, die „russische Seele“ zu begreifen, wird Platzeck auch gerne mal als „Russland-Versteher“ oder „Putin-Versteher“ bezeichnet. Das akzeptiert Platzeck, er sagt aber auch, dass die politische Situation ohnehin „hinreichend kritisch“ und „hoch gespannt“ sei und es gerade deshalb auch Platz für „andere Sichtweisen“ geben müsse. Dazu müsse die westliche Welt auch verstehen, dass Russland immer „auf Augenhöhe“ sprechen will, ohne seinen Status als Großmacht aberklannt zu bekommen.

Er selbst wird es aber nicht mehr erleben, dass das Verhältnis zu Russland so gut wird, wie es um die Jahrtausendwende vielleicht einmal war, meint Platzeck. Das sei eine Aufgabe „für die nächsten Jahrzehnte“.

Vielleicht hat Platzeck gerade den wichtigsten Job, den Platzeck je hatte.

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