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Ein Hamelner spielte den Bass bei „der besten Band der Welt“

Sahnie: „Die Ärzte waren meine Jugendsünde“

HAMELN. In Songs wie „Zu spät“ spielte Hans „Sahnie“ Runge den Bass. Der gebürtige Hamelner war ein frühes Mitglied der Band „Die Ärzte“. Dann schied er aus, wurde Kaufmann. War in Malaysia tätig, zuletzt wieder in Berlin. Dann verliert sich seine Spur. Die Dewezet hat sie wieder aufgenommen und mit ihm gesprochen.

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

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HAMELN. „Wusstest du, dass der eine von den ,Ärzten‘ aus Hameln kommt?“ Was man sich in den 80er Jahren auf den Hamelner Schulhöfen erzählte, ist heute im Internet nachzulesen. Sahnie, der mit bürgerlichem Namen Hans Runge heißt und ein frühes Mitglied der Berliner (Punk-)Rock-Band „Die Ärzte“ war, kam in Hameln zur Welt. Eine Leserin will als Schülerin mit ihm öfter im selben Linienbus die Kaiserstraße runtergefahren sein …

Nach der Trennung von den Ärzten im Jahr 1986 und ein geflopptes Soloalbum später verschwindet Sahnie von der Bildfläche. Im Kosmos der selbsterklärten „besten Band der Welt“ bleibt er präsent. Gut weg kommt er dabei meist nicht. Geldgierig sei er, egoistisch, unkreativ, spießig, ist in der Ärzte-Biografie von Markus Karg nachzulesen. Noch Jahrzehnte später sticheln Bela B. und Farin Urlaub in Songs in Richtung ihres früheren Bassisten.

Während Die Ärzte mit Songs wie „Westerland“ oder „Schrei nach Liebe“ deutsche Pop-Geschichte schreiben, geht Sahnie alias Hans Runge, der sich selbst nie als Musiker sah, einer anderen Leidenschaft nach: dem Geldverdienen. Als Kaufmann zunächst jahrelang in Malaysia, zuletzt wieder in Berlin. Dann verliert sich seine Spur. Die Dewezet hat sie wieder aufgenommen und mit dem gebürtigen Hamelner gesprochen.

Nach anfänglicher Skepsis lässt sich Runge auf ein Telefongespräch ein. Seine Stimme ist klar und laut. Er gibt sich abgeklärt. Sein Berliner Dialekt dringt immer wieder durch. Zwischendurch lacht er, laut und lang.

Die Geschichte davon, was Hans „Sahnie“ Runge mit Hameln verbindet, ist schnell erzählt. „Ich habe nur etwa ein halbes Jahr lang in Hameln gewohnt“, sagt Runge. „Dass ich da geboren wurde, war reiner Zufall.“ Sein Vater sei beruflich viel unterwegs gewesen. Über „Dr. Oetker“ verschlägt es ihn mit seiner Familie nach Hameln, wo die Oetkers das Reese-Werk betreiben. Sohn Hans Runge kommt zur Welt. Ein halbes Jahr später geht es nach Hannover und schließlich nach Berlin. Da ist Hans Runge sechs Jahre alt. „An die Zeit davor habe ich fast keine Erinnerungen“, sagt der 54-Jährige. „Ich bin Berliner.“ Er wächst auf in Berlin-Hermsdorf, geht mit Farin Urlaub auf dieselbe Schule, spielt erst bei den Suurbiers, dann bei den Ärzten. Aber Busfahrten in Hameln, wie unsere Leserin berichtet? „Das kann nicht sein“, sagt Runge. „In Nord-Berlin haben wir vielleicht mal im selben Bus gesessen, aber nicht in Hameln.“

Nur die Bundesstraßen führen ihn später noch manchmal durch seine Geburtsstadt hindurch. Und so genau wissen, wo er herkommt, will er auch gar nicht. „Ich bin da nicht so sentimental“, sagt Runge. Heute habe er seinen Hauptwohnsitz zwar „im Kölner Raum“, aber zu Hause sei er berufsbedingt „zwischen Kapstadt und Helsinki“. Seinen genauen Wohnort will er nicht nennen.

Diese Zurückgezogenheit führt dazu, dass ein Namensvetter von Hans Runge immer wieder auf Sahnie angesprochen wird. Der arbeitet nämlich ausgerechnet im Landkreis Hameln-Pyrmont. Im Gegensatz zu Sahnie ist er im Internet ohne weiteres aufzuspüren. Wie „Sahnie“ ist auch er Geschäftsmann. „Ich bin nicht Sahnie, aber ich werde öfter drauf angesprochen“, sagt er auf Anfrage. Sogar Sahnie selbst hatte schon mal mit seinem Namensvetter zu tun. „Der Kontakt kam durch eine E-Mail-Verwechslung zustande“, erzählt Sahnie-Runge.

Als Projektleiter des Unternehmens PVXChange verschlägt es Runge dann doch noch mal nach Hameln. 2010 lässt sich die Hamelner Firma Purrmann Logistik eine Solaranlage aufs Dach bauen. „Wir haben da, glaub ich, die Ware zugeliefert“, erinnert er sich. So viel zu Hameln.

Angesprochen auf die Ärzte, sagt er: „Die Ärzte waren meine Jugendsünde. Ich habe das damals gerne gemacht und es hat viel Spaß gemacht. Aber ich kann mich kaum noch an diese Zeit erinnern. Ich war ja dann auch bald in Asien. Und die Zeit dort bedeutet mir mehr als Die Ärzte.“

Als 2001 Markus Kargs Ärzte-Biografie erscheint, wird darin eine E-Mail abgedruckt, die von Hans Runge stammen soll. Er distanziert sich darin von seiner Zeit mit den Ärzten mit deutlichen Worten („Musik machen […] ist saudumm.“) und verweist auf seine erfolgreiche Geschäftstätigkeit in Malaysia. In einem Audiomitschnitt, der auf Youtube zu hören ist, rezitieren die Ärzte die Mail, verhöhnen Runge. Darauf angesprochen, sagt er, er habe niemals irgendeinen Brief oder irgendeine E-Mail zum Thema Ärzte geschrieben.

Von dem bahnbrechenden Erfolg der Band habe er lange Zeit gar nichts mitbekommen. Er war ja in Asien. Ob er seinen Ausstieg jemals bereut habe? „Nein“, sagt er. Wieso hat er dann drei Jahre nach der Trennung von den Ärzten noch ein Soloalbum aufgenommen? „Das war eigentlich eher ein Witz“, erzählt Runge. „Ein paar Freunde hatten ein paar Songs geschrieben und mich gefragt, ob ich die nicht aufnehmen will.“ „Erste Sahne“ hieß das Album. „Wir haben es dann gut an Electrola verkauft. Pecunia non volet. Geld stinkt nicht“, sagt Runge und lacht.

Noch zu Ärzte-Zeiten studiert Sahnie nebenbei Wirtschaft. Doch Musikerleben und Studium lassen sich nur schwer miteinander vereinbaren. „Der Hauptgrund für die Trennung war, dass die Tourneen immer in die Zeit fielen, in der ich meine Klausuren schrieb“, erzählt Runge. Irgendwann sei klargewesen, dass es so nicht mehr geht, ein neuer Bassist musste her. „Dabei war mir schon immer klar, dass ich kein Musiker bin. Dass ich dann aufgehört habe, das haben mir die anderen, glaub ich, übelgenommen. Und das kann ich auch verstehen. Für mich persönlich war dieser Schritt sehr wichtig, aber das konnten die halt nicht nachvollziehen.“ Er habe nie wieder Kontakt zu den anderen beiden gehabt.

Es ist ein Schritt, der ihn in die Geschäftswelt führt, in die er immer wollte. Erst ist er im Telekommunikationsgeschäft in Malaysia tätig, inzwischen habe er viel in Afrika zu tun. Dort arbeite er „für internationale Investoren“, bereite „große Infrastrukturprojekte vor: Eisenbahnlinien, Flughäfen, Energieversorgung“. „Mir geht es auf jeden Fall sehr gut“, sagt er.

Musik spielt in Runges Leben keine Rolle mehr. „Ich bin ein Musikmuffel“, so Runge. „Ich höre nicht mal Radio.“ Allein für „Die Moldau“ von Smetana habe er sich vor einiger Zeit begeistern können. Ein Freund hatte ihn zu einem Konzert mitgenommen. „Das ist Musik!“, befindet Runge. „Allein in der ,Moldau‘ stecken mehr Ideen als in allen Ärzte-Alben.“

Trotzdem gehen ihm manchmal auch noch Lieder von den Ärzten durch den Kopf. „Zu spät“ zum Beispiel, wo Sahnie ursprünglich noch den Bass spielte. „Und ,Westerland‘ – das ist genial! Das ist für mich ihr bester Song“, meint Runge, der die Band zu der Zeit schon verlassen hatte.

Ein Erlebnis mit den Ärzten, an das er besonders gerne zurückdenkt, gibt es auch: die Gründung. „Die war jut“, sagt er. „Das war im Stonz, das war eine Punkrock-Kneipe in einem besetzten Haus am Winterfeld-Platz gegenüber von der Kirche. Das war der schönste Abend mit den Ärzten. Da ist auch unser erstes Logo entstanden. Das rote Kreuz. Das wurde dann aber schon nach drei Monaten verboten – vom Roten Kreuz.“ Dann lacht er, laut und lang.

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