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Dr. Ulrike Offenberg wurde erst vor kurzem in Jerusalem ordiniert

Eine neue Rabbinerin für Hameln

HAMELN. Sie ist promovierte Historikerin, Jahrgang 1966 und vor 25 Jahren als Protestantin in Berlin zum Judentum übergetreten. Jetzt tritt Dr. Ulrike Offenberg bei der liberalen jüdischen Gemeinde in Hameln ihre erste Stelle als Rabbinerin an.

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Ihre Ordination erfolgte erst am 18. November nach Abschluss ihres Rabbinat-Studiums am Hebrew Union College Jerusalem, dem „Flaggschiff der jüdischen Reformbewegung“, wie Ulrike Offenberg erklärt, an dem die Gleichstellung der Geschlechter kein Problem sei. Obwohl Protestantin, habe sie schon früh begonnen, sich sowohl kulturell als auch religiös in der kleinen jüdischen Gemeinde in Ost-Berlin zu engagieren und in den Gottesdiensten schließlich auch Funktionen übernommen, erläutert sie ihren Werdegang. „Etwa 200 Mitglieder hatte die Gemeinde dort, mehr als 300 religiös engagierte Juden gab es in der ganzen DDR nicht“, hat die Historikerin festgestellt, konstatiert aber auch, dass es unter den Kommunisten schon immer auch Menschen jüdischer Herkunft gegeben habe, die aber nicht religiös gewesen seien.

Etwa vom Jahr 1986 an sei bei ihr der Gedanke gereift, zum Judentum überzutreten und 1991 dann vollzogen worden. So war es dann auch fast logisch, dass sie 1997 mit der Erforschung der Geschichte der jüdischen Gemeinden in der DDR promovierte. Von einer Berufung, Rabbinerin zu werden, will Ulrike Offenberg nicht reden. „Nachdem ich in unserer jüdischen Gemeinde aktiv geworden war, ging es mir darum, mein Engagement zu professionalisieren und in der Synagoge auch auf der anderen Seite des Tisches zu stehen.“ Deshalb habe sie 2010 mit dem Rabbinats-Studium begonnen – zunächst am Abraham Geiger Kolleg in Potsdam, in den Jahren 2013/14 und 2015/16 dann jeweils in Jerusalem mit einem sehr praxisorientierten Studium, um die Rituale der Religionsausübung auch mit Inhalten füllen zu können. Im Jahr 2015 habe sie dann in der liberalen jüdischen Gemeinde in Hameln ein Praktikum absolviert. Offiziell wird sie am 2. Dezember in ihr Amt eingeführt und Irit Shillor, die 20 Jahre lang von London aus die Gemeinde als fliegende Rabbinerin betreute, verabschiedet. In ihrem Auftrag als Rabbinerin sieht Ulrike Offenberg sich in der Tradition der ersten liberalen Rabbinerin Regina Jonas, die noch während der Nazizeit 1936 in Berlin ordiniert worden war, 1942 nach Theresienstadt deportiert und im Dezember 1944 in Auschwitz ermordet wurde.

Von Vorteil wird es für die neue Rabbinerin sein, dass sie aufgrund ihrer Schulausbildung in der DDR auch noch ein wenig Russisch spricht, denn die meisten Mitglieder der liberalen jüdischen Gemeinde kommen aus der ehemaligen Sowjetunion. „Aber die Gottesdienste werde ich auf Deutsch halten“, steht für die neue Rabbinerin fest.

Den fünf Jahre alten Bau der neuen Synagoge an der Bürenstraße hält Ulrike Offenberg sowohl architektonisch als auch funktional mit seinen verschiedenen Räumen auf zwei Ebenen für sehr gut gelungen. „Das ist die richtige Größe für diese Gemeinde“, glaubt sie und ergänzt: „Vor allem wird sie von den Mitgliedern der Gemeinde auch gut angenommen.“ Den von Irit Shillor mitentwickelten interreligiösen Dialog will sie auf jeden Fall fortsetzen, aber einen besonderen Schwerpunkt auf die Gemeindearbeit und Familienbesuche legen und den Kindern auch Religionsunterricht erteilen. Derzeit werde ein Jugendlicher von ihr auf seine Bar Mizwa vorbereitet.

Dass die Besucher der Synagoge nicht mehr die Jüngsten sind, sieht Ulrike Offenberg darin begründet, dass Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion vor allem aufstiegsorientiert handelten und bildungshungrig seien. „Sie legen großen Wert auf soziale Integration“, meint die Rabbinerin. „Religionsausübung gilt bei diesen jungen Familien eher als zweitrangig, denn bevor sie hierher kamen, hatten sie ja nie erfahren können, was jüdisches Leben ist.“ Auch und gerade durch die von ihr geplanten Aktivitäten für die Gemeindejugend will sie dies ändern. „Dabei wird es nicht nur um Freizeit gehen“, kündigt sie an, „sondern auch um richtiges Lernen.“

Da Dr. Urike Offenberg für das Rabbinat bei der liberalen jüdischen Gemeinde nur eine halbe Stelle hat, wird sie ihren Wohnsitz in Berlin behalten und jeweils an zwei Wochenenden und zu den wichtigen jüdischen Feiertagen in Hameln sein, um die Arbeit in der Tradition von Irit Shillor fortzusetzen.

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