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In Brandenburg steht Trinken auf dem StundenplanJugendliche unterschätzen die Wirkung von Alkohol oft. Foto: dpa
Von Ulrike von Leszczynski
Potsdam/Berlin. Ein kleines Bier oder ein Gläschen Sekt, serviert vom Lehrer im Schulunterricht der 9. oder 10. Klasse: In Brandenburg ist das erlaubt. Trinkexperimente in Schulen oder Clubs sind dort ein neuer Ansatz der Suchtprävention, um Jugendliche vom „Komasaufen“ abzuhalten. Andere Bundesländer schauen mit Interesse nach Potsdam. Doch nicht alle Präventionsstrategen sind von der Idee begeistert. „Lieber schlau als blau“, heißt das Pilotprojekt, das seit Herbst 2008 in Brandenburg läuft. Es ist vom Gesundheitsministerium des Landes gewollt und wird finanziell gefördert. Simone Schramm aus der Suchtpräventions-Fachstelle der Salus Klinik Lindow muss dazu allerdings immer viel erklären. Es gehe nicht um Rauscherfahrungen, sondern darum, dass Jugendliche in der Schule beobachten und lernen, wie schon geringe Mengen von Alkohol auf den eigenen Körper wirken. Ein Ziel sei, dass sie sich danach selber Regeln für die nächste Party setzen.
In der Präventionsarbeit hat schon länger ein Paradigmenwechsel eingesetzt. Es geht nicht um Verbote, sondern um einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol. „Kenn Dein Limit“ ist ein Leitsatz der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Noch greift die neue Aufklärungstaktik wohl nicht: 2008 kamen nach der Bundesstatistik rund 25 000 junge Leute mit Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus. Seit dem Jahr 2000 haben sich die Zahlen damit verdoppelt. Sorgen macht auch das Alter der Rauschopfer. In Berlin ergab eine Studie im Jahr 2009, dass die Mehrheit der befragten 14-Jährigen schon einmal betrunken war. Ihren ersten Kontakt mit Alkohol hatten viele schon mit 11 oder 12. Das Trinkexperiment in Brandenburg setze vor allem auf Selbsterkenntnis, sagt Simone Schramm. Jugendliche bekämen vom Lehrer nicht nur ein kleines Bier oder ein Gläschen Sekt, sondern auch gleich ein Pusteröhrchen dazu. Vorher sollen sie einschätzen, wie der Alkohol auf sie wirkt. Nach dem Trinken – Mengen und Zeiten kontrolliert der Pädagoge – wird der Promillegrad gemessen. Es gibt auch Konzentrationstests. Mit den persönlichen Ergebnissen wird ein Computer gefüttert. Nach der Auswertung folgen Fragen. Seit dem Start haben sich rund 15 Einrichtungen auf das freiwillige und kostenlose Experiment eingelassen, darunter Oberschulen, Berufsschulen, Förderschulen und Jugendclubs. Möglich ist der Trinktest wegen des Jugendschutzgesetzes erst ab 16. Manche Pädagogen meldeten enttäuscht zurück, dass es aber auch bei den 12- und 13-Jährigen Bedarf gebe.
In Berlin kann Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) mit Trinkexperimenten wenig anfangen. Man solle im Unterricht kein Bier verabreichen, sagte er. „Die Erkenntnis, dass Alkohol schädliche Wirkungen hat, muss nicht jeder im Selbstversuch gewinnen.“ Auch Kerstin Jüngling, Leiterin der Berliner Fachstelle für Suchtprävention, hält nichts von Alkohol im Unterricht. „Wir haben hier eine andere Bevölkerungsstruktur“, sagt sie.
Es könne muslimische Elternhäuser brüskieren, wenn ihre Kinder in der Schule plötzlich Bier und Wein bekämen. Jüngling schwört neben interaktiver Alkoholprävention auf die Berliner Erfindung „Halt“. Suchtberater kommen dabei ans Krankenbett von Jugendlichen, die mit Alkoholvergiftung in der Klinik liegen. Ein wenig muss sie bei der Idee vom Trinken im Unterricht auch schmunzeln: „Wie machen wir das denn dann demnächst bei Sexualkunde?“