Bad Pyrmont

Mädchenhaft und stimmstark: Helen Schneider
Von Karin Heininger

Bestens bei Stimme und enorm ausdrucksstark: Helen Schneider auf der Konzerthaus-Bühne. Foto: ein

Bad Pyrmont. Was für eine Stimme! Was für eine Frau! Helen Schneider, Sängerin und Schauspielerin, ist im Jazz ebenso zuhause wie im Musical. Sie singt Rock und Blues so überzeugend wie Lieder von Kurt Weill.

Die US-Amerikanerin lebt seit ein paar Jahren in Berlin und feiert dort Triumphe, gastiert aber auch auf anderen großen Bühnen. Jetzt kam der Weltstar nach Bad Pyrmont, an einem Regentag, der eigentlich schlechte Laune machte. Doch Helen Schneider sang, und alles war gut.

Der Schlosshof allerdings schien den Veranstaltern dann doch zu kühl, so zogen etwa 300 Besucher um ins Konzerthaus.

Zusammen mit ihrer Drei-Mann-Band (,,meine zweite Familie“) kam Helen Schneider auf die Bühne. Eine zarte Gestalt, der kurze Pagenkopf schwarz wie Ebenholz, das Gesicht blass und ungeschminkt, bis auf die mohnroten vollen Lippen: Schneewittchen im jugendstilig bedruckten Minikleid, mädchenhaft anzusehen trotz ihrer 57 Jahre.

Doch das ist nur die eine Seite der Künstlerin, die als Persönlichkeit eine reife Ausstrahlung hat und absolut authentisch wirkt. Ein bisschen kokettiert Helen Schneider mit ihrem Alter und mit ihrem deutsch-englischen Sprachmix. Aber das alles spielt keine Rolle mehr, wenn sie singt.

Ihre Stimme ist nicht nur technisch absolut souverän und modulationsstark, sie hat auch eine große Ausdruckskraft und spiegelt Emotionen wider: ,,Ich möchte meine Seele in meinen Liedern ausdrücken,“ sagt sie.

Und Helen Schneider weiß sich zu bewegen, setzt den Rhythmus ihrer Lieder in graziöse Gesten um. Mal verträumt, dann kokett oder auch selbstvergessen in sich versunken – so nimmt sie ihre Zuhörer mit auf eine musikalische Reise durch Vergangenheit und Gegenwart.

,,Only you“, ,,Jerusalem“, ,,In my solitude“ , ,,My heart belongs to Daddy“ und viele andere bekannte Songs trägt sie in zum Teil eigenwilligen Arrangements vor, und mit jedem Lied verzaubert sie ihr Publikum aufs Neue.

Dabei kehrt sie niemals den Star heraus, sondern bezieht ihre Band, mit der sie seit acht Jahren zusammen ist, gleichwertig in die Präsentation ein. Sie hört den Männern zu, hält mit ihnen musikalische Zwiesprache. Und die Drei sind große Könner: Mini Schulz am Bass, Jo Ambros an der Gitarre und Obi Jenne am Schlagzeug zeigen individuelle Virtuosität und große Spielfreude.

Zwischendurch erzählt die Künstlerin von einigen Stationen ihrer Karriere und erinnert sich an Menschen, die sie beeindruckt haben. So wie der US-Soldat Rick, der sein Trauma von Vietnam nachts mit in den Schlaf nahm („Seitdem bin ich Pazifistin“) oder an den jungen Udo Lindenberg, der auf Rollschuhen bis in ihre Garderobe gefahren kam und ein Lied für sie schrieb.

Ein Lied von Bob Dylan indes scheint für sie programmatisch: ,,Just like a woman – just like a little girl“. Große Künstlerin, gereifte Frau und doch auch ein verletzliches kleines Mädchen: So erscheint Helen Schneider an diesem Abend. Und so nimmt sie am Ende die Huldigungen und stehenden Ovationen ihres Publikums entgegen.

Artikel vom 29.08.2010 - 18.13 Uhr
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