Garten + Terrasse

In diesen Bildern steckt die Poesie des Gärtnerns
Von Jens Meyer

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Im Botanischen Garten der Stadt Bielefeld verzauberte der Kalifornische Strauchmohn (Romneya coulteri) im vergangenen August mit einer Strahlkraft, die fabelhaft war und trotzdem nicht unerreicht blieb, denn im Sonnengarten des berühmten Château Villandry unweit der Loire-Ufer vermag der auch als Baummohn bekannte Romneya von noch großartigerer Schönheit zu werden. Dort steht er gesäumt von allerlei blaublütigen Sommerstauden wie Rittersporn (Delphinium), Katzenminze (Nepeta) und Salbei (Salvia). Ein magischer Platz, allenthalben einer, der von höchstem Range ist, denn Villandrys „Jardin du soleil“ ist in seiner eleganten Fröhlichkeit unübertrefflich. Jeder Versuch, den Gärtnern dieses Schlossgartens auf heimischem Boden nachzueifern, scheitert, weil er zum Scheitern verurteilt ist. Doch der Wille zählt, auf ihn kommt es an. Und kein Gärtnern ohne Vorbilder.

In ganz und gar nicht tristen Novembertagen wie diesen ist der Wunsch nach den Bildern, die der Sommer fröhlich ins Gemüt brannte, weniger spürbar. Die grauen Tage werden aber kommen, Tage, in denen wir die handballgroßen Blütenkugeln des Zierlauchs (Allium) ebenso vermissen werden wie die perlenden Regentropfen auf dem Woll-Ziest (Stachys byzantina). Es sind Tage, in denen unser Blick wie Klebstoff an einem Bild haften bleibt, das die weißen Rispen der Herbst-Silberkerze (Cimicifuga) zeigt, wie sie im Senkgarten des grandiosen Great Dixter Garden im südenglischen Sussex lieblicher kaum inszeniert werden könnten. Der Duft ist weithin spürbar, noch jetzt, obwohl doch schon einige Wochen seither vergangen sind. Manches Bild, das sich vor dem inneren Auge abzeichnet wie ein weißes Segel vor blauem Firmament, ist unauslöschlich. Great Dixters prächtige Staudenschau gehört dazu; sie ist von sinnlichem Gusto, die man nicht kopieren, an der man sich aber orientieren kann.

Bilder, Bücher, eigene Aufzeichnungen, Vergleiche, Pflanzenentdeckungen und der Wille, niemals in einem fertigen Garten zu sein, können Berge versetzen. Der Volksmund sagt, das Reisen bilde. Übertragen auf die Gartenreisen stimmt das erst recht. Und es gibt sie überall, diese Gärten, die die Sehnsüchte in uns wecken, in Frankreich von extraordinärem Charakter, in England von betörender Fülle, in Deutschland voll überbordender Leidenschaft. Es ist kein Zufall, dass eine Leserreise von Dewezet und Pyrmonter Nachrichten im nächsten Jahr wieder den Schwerpunkt Gärten hat: „Flanderns schönste Gärten und Schlösser“ (17. bis 20. Mai). Infos und Buchungen unter 0 51 51 / 200-555 und in den Geschäftsstellen unserer Zeitung.

So liest der Blick in den Beeten und Rabatten im eigenen Garten schon jetzt eine Geschichte, die in das nächste Frühjahr führt. Wo sind Blühlücken aufzufüllen? Müssen Stauden geteilt werden? Welche Gehölze passen zur bestehenden Pflanzung? Darf’s ein bisschen mehr Nutzgarten sein, und wenn ja, wie lässt er sich sinnvoll integrieren? Und vor allem: Macht mir mein Garten Spaß, so wie er ist, oder brauche ich neue Anreize? – Das Gärtnern lebt von der Leidenschaft, daran ist nicht zu deuteln, und diese Leidenschaft entwickelt sich zuweilen aus einem nur kleinen Stückchen Erinnerung. „Weißt Du noch, der dunkelrote Mohn im Berggarten?“

Die Bilder eines Gartenjahres sind das sichere Fundament für wahr werdende Blütenträume.

Artikel vom 04.11.2011 - 04.34 Uhr
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