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Elisabeth Belling, Seniorchefin von Lenze, ist kurz vor ihrem 92. Geburtstag verstorben

Sie war eine großzügige, starke Frau

Hameln / Groß Berkel. „Ich kann nicht, geht nicht! Ich kann nicht, das hieße, ich will nicht!“ Das war das Lebensmotto von Elisabeth Belling. Am Ende konnte sie nicht mehr. Elisabeth Belling ist am Donnerstag, dem 17. Oktober, still in ihrem Zuhause wenige Tage vor ihrem 92. Geburtstag entschlafen. Mit ihr verliert die Lenze SE in Groß Berkel, Herstellerin technischer Antriebe, eine bedeutende Unternehmerpersönlichkeit. Ihre Nachkommen, drei Kinder, acht Enkel und fünf Urenkel, betrauern den Tod des Oberhaupts der Familie.

veröffentlicht am 25.10.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 21:21 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß
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Elisabeth Belling lebte in den letzten Jahren sehr zurückgezogen in Hameln, hatte auch mit der Leitung des Unternehmens direkt nichts mehr zu tun. Schon lange war für die Lenze SE ein Beirat installiert, die Politik des Unternehmens verfolgte sie aber mit großem Interesse aus der Ferne. Erst nach dem völlig überraschenden Tod ihres Ehemannes Alfred Belling im Jahr 1981 hatte sie eine offizielle Funktion in der Firma übernommen. Der Familienrat hatte beschlossen: „Du übernimmst die Geschäftsführung, damit die Firma überlebt!“ Unter ihrer Leitung mussten in den 1980er Jahren schwierigste Hürden genommen werden. Aber dank ihrer Tatkraft und zukunftsweisender Ideen konnte sich das Unternehmen auf einem schwierigen Markt behaupten und zählt heute zu den großen Playern auf dem Weltmarkt mit mehreren Produktionsstandorten, einem ausgedehnten Vertriebssystem und weltweit mehr als 3000 Mitarbeitern.

Mit dem Verkauf von mehreren Werken sollte nach dem Tod von Alfred Belling die Wende geschafft werden. Doch es blieben schwierige Jahre für die Unternehmenschefin. Trotz enormer Investitionen sei das Unternehmen mit seinen Werken in Extertal-Bösingfeld und dem Ausbau der Produktion in Groß Berkel damals weit hinter den erhofften Umsatzzahlen zurückgeblieben, berichtete sie in einem ihrer letzten Gespräche mit dem Autor vor gut drei Jahren. Der Höhepunkt der Krise sei in den Jahren 1986 und 1987 erreicht worden, erinnerte sie sich. Es habe sie in teilweise dramatischen Sitzungen viel Überzeugungsarbeit gekostet, den Beirat und die Familie zu überzeugen, nicht aufzugeben. Bescheiden, wie sie immer lebte, wies sie jedes Lob für die eigene Leistung zurück. Die Wende zum Besseren habe das Unternehmen nicht ihr, sondern Dr. Rolf Herbert, dem zweiten Ehemann ihrer Tochter Babette, und seinem Eintritt in das Unternehmen verdankt.

Bereits zwei Jahrzehnte zuvor war das Unternehmen durch eine Krise gegangen, und Elisabeth Bellings Vater Hans Lenze hatte die Absicht geäußert, er wolle das Unternehmen verkaufen, weil das alles nicht zu schaffen sei. Nur drei Tage später sollte der Vertrag mit der Quandt-Gruppe unterzeichnet werden. Es spricht für die starke Persönlichkeit der Lenze-Tochter, dass sie ihrem Vater damals mit großer Entschiedenheit widersprach und die Quandt-Delegation unverrichteter Dinge wieder abreisen musste.

„Die Frauen in der Lenze-Familie waren eben immer ganz starke Frauen – das ist auch heute noch so!“, erklärte sie im Sommer vor drei Jahren. „Ich hatte vielleicht immer den richtigen Rat zum richtigen Zeitpunkt“, schätzte sie ihre Rolle in dem Unternehmen während dieser Phase und auch danach selbst ein.

Dass Elisabeth Belling vor dem Tod ihres Mannes Alfred keine Funktion in dem Unternehmen hatte, führte sie darauf zurück, dass sie selbst keine berufliche Ausbildung genossen hatte. Sie sei nur zu einer „wohlerzogenen Tochter“ ausgebildet worden und gehörte wohl zur letzten Generation von Frauen in Deutschland, die ohne Beruf, aber dennoch voller Tatkraft im Leben standen. Elisabeth Belling war denn auch weit mehr als nur eine „wohlerzogene Tochter“. Am Familientisch wurde die gesamte Unternehmenspolitik und jede zu fällende Entscheidung immer sehr gründlich diskutiert. Wohl auch deshalb und wegen ihres geschäftlichen Spürsinnes beauftragte der Familienrat sie später mit der alleinigen Geschäftsführung. Bei allem unternehmerischen Engagement aber zog sich eines wie ein roter Faden durch ihr Leben: Ihre tätige Fürsorge für alle Lenze-Mitarbeiter. Weil auch der Nachwuchs der Grande Dame von Lenze ihr am Herzen lag, gründete sie zum 100. Geburtstag ihres Vaters im Jahr 1990 aus ihrem persönlichen Vermögen die Hans-Lenze-Stiftung. Bis heute profitieren Stipendiaten von der gut dotierten Unterstützung durch diese Stiftung. Und viele soziale Projekte unterstützte sie durch großzügige Spenden.

Besonders geliebt hat die Verstorbene ihren Garten, ihren Kirschbaum und ihre Rosen, die sie selbst schnitt, solange ihr dies noch möglich war. Sehr gerne saß sie unter den Zweigen des Kirschbaums oder auf der Terrasse ihres Hauses bei einer guten Tasse Tee.

Die Beisetzung von Elisabeth Belling erfolgte gestern im engsten Familienkreis. „Das hat sie vorher sehr klar so festgelegt“, berichtet ihr Sohn Nikolaus Belling. Einer Andacht in der Heilig-Kreuz-Kirche im Klütviertel folgte am Nachmittag dann ein Abschiedsgottesdienst mit geladenen Gästen und vielen Mitarbeitern der Lenze SE, denen die Teilnahme freigestellt war. Er schloss mit dem Kanon „Viel Glück und viele Segen auf all unsren Wegen“.

Mit Elisabeth

Belling ist eine der großen Unternehmer-Persönlichkeiten des Landkreises verstorben. Die Lenze-Tochter starb kurz vor ihrem 92. Geburtstag.

wft



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