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Philipp Furtwängler & Söhne, Elze / Eine bedeutende Orgelbauanstalt des Leineberglandes

„Königin“ der Musikinstrumente – die Orgel

In Memorandum zum 210. Geburtstag des berühmten Orgelbauers Philipp Furtwängler am 6. April 1800 soll nachfolgend auf die einst größte Norddeutsche Orgelbaufirma erinnert werden. Nach eigenem Bekunden der Nachfolgefirma Hammer-Orgelbau wurden von 1838 bis 2007 über 2000 Orgeln im In- und Ausland gebaut. Philipp Furtwängler wurde am 6. April 1800 in Gütenbach/Schwarzwald als drittes von elf Kindern des Frachtfuhrmannes und Bauern Bartholomäus Furtwängler und dessen Ehefrau Helene Dold geboren. Er war ein Bruder des Theologen und Altphilologen Wilhelm Furtwängler und Großonkel des Dirigenten Wilhelm Furtwängler.

veröffentlicht am 02.04.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 04.05.2010 um 11:21 Uhr

Der gewaltige Spieltisch der Furtwängler-Orgel zu Gronau.

Autor:

Hans van der Veen

In Memorandum zum 210. Geburtstag des berühmten Orgelbauers Philipp Furtwängler am 6. April 1800 soll nachfolgend auf die einst größte Norddeutsche Orgelbaufirma erinnert werden. Nach eigenem Bekunden der Nachfolgefirma Hammer-Orgelbau wurden von 1838 bis 2007 über 2000 Orgeln im In- und Ausland gebaut.

Philipp Furtwängler wurde am 6. April 1800 in Gütenbach/Schwarzwald als drittes von elf Kindern des Frachtfuhrmannes und Bauern Bartholomäus Furtwängler und dessen Ehefrau Helene Dold geboren. Er war ein Bruder des Theologen und Altphilologen Wilhelm Furtwängler und Großonkel des Dirigenten Wilhelm Furtwängler. Die vom Film bekannte Schauspielerin Maria Furtwängler (geboren 1966 in München) ist die Großnichte und Stiefenkelin des Dirigenten Wilhelm Furtwängler.

In jungen Jahren erhielt Philipp Furtwängler im Schwarzwald eine Ausbildung als Uhrmacher und betrieb Handel mit den Schwarzwälder Uhren. Er verließ seine Heimat und ließ sich 1822 in Elze nieder. Bereits im Jahre 1823 bekam Philipp Furtwängler von der Stadt Elze erstmals ein Jahressalär von 6 Reichstaler für Aufsicht und Wartung der Turmuhr der ev. St.-Peter- und Paul-Kirche. Furtwängler hat in Elze schnell Fuß gefasst und heiratete am 2. Mai 1828 Christine Heuer. Die Ehe mit Christine Heuer währte bis zu deren Tod an der Wassersucht am 19. Mai 1844 und war gesegnet mit fünf Kindern. Hierbei sind besonders die Söhne Wilhelm und Pius hervorzuheben, da beide im väterlichen Betrieb als Orgelbauer ausgebildet wurden.

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Philipp Furtwängler und seine zweite Gemahlin Luise Ebeling.
  • Philipp Furtwängler und seine zweite Gemahlin Luise Ebeling.

Den entscheidenden Schritt seines Lebens machte Furtwängler am 19. November 1828, als er von der katholischen zur evangelischen Kirche konvertierte. Durch den Übertritt in die evangelische Kirche fühlte sich Furtwängler glücklich und vor menschlicher „Gleichgültigkeit“ und „Verdorbenheit“ bewahrt. Die zweite Ehe schloss Furtwängler am 21. Januar 1845 mit einer Verwandten seiner ersten Frau: Luise Ebeling, geboren am 3. April 1808. Die zweite Ehe blieb jedoch kinderlos. Während Furtwängler schon am 9. Juli 1867 in Elze verstarb, lebte seine zweite Frau in Elze bis zum 30. Januar 1897.

Furtwängler war handwerklich, mathematisch, technisch und musikalisch sehr geschickt und begabt. Er wusste als „Mechanikus“ und Uhrmacher bei Bedarf auch Störungen und Defekte an der Orgel zu beheben und entdeckte fortan seine „Bestimmung“ für die „Königin“ der Musikinstrumente, die Orgel. In mühevoller akribischer Kleinarbeit brachte er sich die Fertigkeiten und Kenntnisse im Orgelbau autodidaktisch bei. Bereits für das Jahr 1826 ist das Bauen von Musikinstrumenten durch Furtwängler bezeugt. Zu dieser Zeit baute er zwei orgelähnliche Musikinstrumente, die er als Panphoneterion beziehungsweise Orphoneon (Allklanggeräte) bezeichnete.

Bisher konnte als älteste der von Furtwängler gebauten Orgeln 1838 das für Amelsen, bei Kreiensen, als Umbau einmanualige Werk ohne Pedal mit sieben Registern und 378 Pfeifen ermittelt werden. Die zweite Orgel (Neubau, zehn Register, 548 Pfeifen) erhielt 1839 die Kirche des ehemaligen Augustinerklosters Wittenburg bei Elze. Seine dritte Orgel mit elf Registern lieferte der Orgelbauer 1840 nach Beber bei Bad Münder. Im folgenden Jahr 1841 baute er die Orgel für Hachmühlen und Steinkirchen bei Stade, im Jahre 1842 in Geversdorf bei Cuxhaven sowie 1844 eine weitere Orgel in Altenhagen, Altkreis Springe.

Aber auch im Landkreis Hameln-Pyrmont wurden von Furtwängler zahlreiche Orgeln gebaut: Frenke, Hohnsen, Benstorf, Wallensen, Vahlbruch, Lüntorf, Afferde, Flegessen, Kirchohsen usw. Bis zum Jahre 1853 wurden 33 Orgeln gebaut. Philipp Furtwängler nahm 1854 seinen ältesten Sohn Wilhelm mit 25 Jahren in die Firma auf und führte diese seitdem unter dem Namen „Ph. Furtwängler & Sohn“. Wilhelm vertrat bis in alle Einzelheiten die väterlichen Ansichten, lernte den Orgelbau und gelangte aufgrund dessen zu einem idealen Arbeitsverhältnis mit seinem Vater.

In den Jahren von 1854 bis 1861 entstanden die Werke Opus 34-64. Fünf Jahre vor seinem Tode nahm Philipp Furtwängler 1862 seinen jüngsten Sohn Pius mit 21 Jahren in die Firma und nannte das Unternehmen fortan „ Ph. Furtwängler & Söhne“. Wie sein Bruder Wilhelm erlernte Pius ebenfalls den Beruf des Orgelbauers.

Bescheidenheit, Zuverlässigkeit und Menschlichkeit brachten Philipp und seinen Söhnen Wilhelm und Pius zu angesehenen Bürgern in Elze. Durch die soziale Einstellung wurde auch eine „Kranken-Unterstützungskasse“ für die Mitarbeiter der „Kirchenorgel“ und Thurmuhren-Fabrik“ unterhalten. Getragen vom Vertrauen der Elzer Bürger war Philipp von 1854 bis 1857 Bürgervorsteher.

Sein ältester Sohn Wilhelm zeigte sich gegenüber den öffentlichen Erfordernissen seiner Heimatstadt Elze nicht weniger aufgeschlossen. Auch er wurde als Bürgervorsteher gewählt und führte nebenbei die wichtigen Geschäfte der damaligen Elzer-Mehler-Forstinteressentenschaft und gründete sogar gemeinsam mit dem Müllermeister Wilhelm Haase von der Elzer Obermühle im Jahre 1875 die „Freiwillige Feuerwehr Elze“. Besonders zu würdigen ist Ph. Furtwänglers größter Orgelbau in der ev. St.-Matthäi-Kirche zu Gronau, bei Alfeld. In den Jahre 1859 bis 1860 entstand dort eine stattliche Orgel mit drei Manualen und 58 Registern. Diese Orgel war mit Abstand die bedeutendste Leistung der Firma Furtwängler während der Zeit ihres Bestehens in Elze bis 1883. Die Orgel fand bereits in der Fachwelt eine so große Beachtung, dass das Landeskirchenamt Hannover am 9. Juni 1952 Philipp Furtwänglers größtes Werk unter Denkmalsschutz stellte.

Philipp Furtwänglers Kräfte ließen allmählich nach. Er starb am 9. Juli 1867 in Elze. Nach seinem Tode übernahmen seine Söhne Wilhelm und Pius die Orgelbauanstalt. Nach 1870 kam es zu einer „Blütezeit“ im Orgelbau. In dieser Zeitspanne von 1838 bis 1870 wurden über 200 Orgeln in der Werkstatt „Furtwängler & Söhne“ gebaut. Nach dem Tod von Wilhelm Furtwängler im Jahre 1883 verlegte Pius den Betrieb nach Hannover und nahm den Orgelbauer Adolf Hammer, geboren 6. April 1854 in Herzberg, als Teilhaber in die Firma. Die Firma nannte sich jetzt: „P. Furtwängler & Hammer, Hannover“. Adolf Hammer war Lehrling in der Orgelbauwerkstatt von Ph. Furtwängler und erwarb ein umfangreiches Wissen, das ihn zunächst zu einer Selbstständigkeit im Raum Breslau/Schlesien ermuntert hatte.

Das Unternehmen entwickelte sich zu einem führenden Orgelbaubetrieb in Norddeutschland mit beachtenswerten Neubauten und erreichte Ende 1910 die Opuszahl 685. Im Jahre 1892 schied Pius Furtwängler aus der Firma aus, er verstarb am 16. Januar 1910 in Hannover. Adolf Hammer war seitdem Alleininhaber. Im gleichen Jahr erhielt Adolf Hammer als Erbauer der großen Dom-Orgel in Braunschweig die Würde des Hoforgelbaumeisters. Unter seiner Führung entstand 1914 in der Stadthalle Hannover eine von der Fachwelt bewunderte pneumatische Orgel mit 124 klingenden Registern, 8225 Pfeifen und 117 einzelne Spielhilfen – die mit Abstand die größte Orgel aus dem Hause „Furtwängler-Hammer Orgelbau“. Brandbomben des Zweiten Weltkrieges haben die gesamte Taschenladen-Orgel seinerzeit restlos zerstört.

Nach dem Tode von Adolf Hammer im Jahre 1921 übernahm sein Sohn Walter Hammer im Alter von 20 Jahren mit rund 120 Mitarbeiter die Geschäftsführung bis 1937. Im September 1937 führte der Neffe von Adolf Hammer, Emil Hammer als Alleininhaber den Orgelbaubetrieb und änderte den Firmennamen in „Emil Hammer Orgelbau Hannover“. Er begann sein Werkverzeichnis mit Opus 1210. Emil Hammer gelang die großartige Leistung, seine im romantischen Zeitgeist verwurzelte Firma frühzeitig zu einem neuen Orgelbau-Ideal hinzuführen. Der Bau mechanischer Schleifladen wurde wieder eingeführt und die aus dem Barockzeitalter wieder erweckte Dispositions- und Mensurationskunst nach J. G. Töpfer bildete den Maßstab für zahlreiche weitere Neubauten. Emil Hammer verstarb am 3. Dezember 1958.

Nach dem Tode des hoch geschätzten Orgelbaumeisters übernahm sein GroßsohnChristian Eickhoff die Firma. Die alte Firmenbezeichnung „Emil Hammer Orgelbau Hannover“ blieb bestehen. Nach dem Abitur hatte Christian Eickhoff die Orgelbau-Handwerkliche-Grundausbildung bei seinem Großvater Emil Hammer erhalten. Unter der Leitung von Christian Eickhoff entstanden großartige Orgelbauten im In- und Ausland. Die letzte große Orgel unter der Führung von Eickhoff wurde in der kath. Klosterkirche St. Pancratius in Hamersleben bei Halberstadt gebaut. Das dreimanualige Werk aus dem Jahre 1688 wurde akribisch restauriert, die technische Werkanlage dieser Orgel entstand komplett neu. Orgelbaumeister Eickhoff ging im Jahre 2007 in den Ruhestand. Ohne Nachfolge wurde sein Unternehmen Juni 2007 in ihrem 170. Jahr an die Firma Oberlinger Orgelbaugesellschaft Reichenstein (seit 1860 in Windesheim/Rheinland-Pfalz) verkauft.

Der Name „Furtwängler“ hat wegen des hervorragenden Orgelbaues in Elze, einst größte und älteste Orgelbauanstalt in Norddeutschland, besonders im Leine- und Weserbergland eine exorbitante kulturelle Stellung eingenommen.

Philipp Furtwänglers größtes Werk in der St. Matthäi-Kirche zu Gronau/Leine 1859/1860.



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