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e.on-Sprecherin Petra Uhlmann zum Ausstieg aus dem Ausstieg, zur Endlagerung und zu den Mox-Brennelementen

In anderen Ländern laufen die Atomkraftwerke 60 Jahre

Weserbergland. Per Atomenergie das Klima schützen und von der schwarz-gelben Bundesregierung die Laufzeiten für die Atomkraftwerke verlängern lassen – die Energiekonzerne hatten schon Rückenwind gespürt. Doch dann wurden die Mängel im Atommülllager Asse bekannt, die öffentliche Meinung schwenkte um. Selbst Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) äußert sich plötzlich atomkritisch. Und die Gegner wollen gegen den Transport von Mox-Brennelementen nach Grohnde mobilisieren. Mit Petra Uhlmann, Sprecherin der e.on Kernkraft GmbH, sprachen Christian Branahl und Marc Fisser.

veröffentlicht am 28.02.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

Frau Dr. Uhlmann, ist in der Atombranche nach dem Umschwenken des Umweltministers Ernüchterung eingetreten?

Man muss gucken, was am Ende herauskommt: ob die Meinung von Herrn Röttgen entscheidend ist oder ob die Ministerpräsidenten und die Bundeskanzlerin eine Rolle spielen. Wir sollten die Verhandlungen abwarten. Allerdings will ja auch Herr Röttgen an der Kernenergie als „Brücke“ festhalten.

Wie lang ist die Brücke zur alternativen Energieerzeugung denn? Das Kraftwerk Grohnde wäre 34 Jahre im Betrieb gewesen, wenn es, wie bislang geplant, 2018 abgeschaltet würde. Röttgen ist für 40-jährige Laufzeiten. Und laut e.on sind 60 Jahre technisch möglich.

Der begrenzende Faktor war immer der Reaktordruckbehälter. Doch durch die weltweit addiert 10 000 Jahre Betriebserfahrung sieht man, dass sich der Druckbehälter gar nicht verändert – darum gehen die Genehmigungsbehörden anderswo nun teilweise auf 60 Jahre. Die USA haben inzwischen mehr als die Hälfte ihrer Kernkraftwerke auf diese Laufzeit genehmigt. In Schweden, dem Vorreiter beim Ausstieg, hat man sich mit den Betreibern auf Maßnahmen zum Alterungsmanagement geeinigt; sind sie umgesetzt, bekommen die Betreiber auch dort die 60 Jahre. Nun müssen wir abwarten, was die deutsche Politik will.

Die Stromkonzerne warten doch sicherlich nicht nur ab, sondern sind auch an der Meinungsbildung beteiligt?

Die Bundesregierung hat eine Monitoringgruppe eingerichtet, in der Politik und Betreiber die Laufzeitverlängerung diskutieren.

Und wie lautet die Forderung der Atomindustrie?

Mit der Politik ist vereinbart, dass nicht jeder seine Position auf dem Jahrmarkt der Öffentlichkeit deutlich macht.

Selbst wenn 60 Jahre Betriebszeit für ein Atomkraftwerk technisch möglich sind, so ist doch entscheidend, was hinterher herauskommt. Die Endlagerung ist aber ja selbst bei Ihnen mit vielen Fragezeichen verbunden.

Für die Bereitstellung eines Endlagers ist die Bundesregierung zuständig, die Untersuchung und den Ausbau finanzieren die Energieversorger. Natürlich sehen wir: Solange wir kein Endlager haben, gibt es ein Akzeptanzproblem für die Kernenergie. Deshalb plädieren wir dafür, zumindest Gorleben weiterzuerkunden. Wenn man nichts tut, hat man auch keine Ergebnisse. Durch den Erkundungsstopp seit 1998 haben wir in der Endlagerfrage viel Zeit verloren.

Was ist, wenn das Ergebnis für Gorleben negativ ausfällt?

Bisher gibt es keinerlei Hinweise, dass Gorleben nicht geeignet ist. Das hat Herr Trittin als damaliger Umweltminister in der Vereinbarung mit den Energieversorgern unterschrieben.

Gorleben bleibt also das einzige Pferd, auf das die Atomwirtschaft setzt?

Erst wenn man Ergebnisse hat, kann man weiterentscheiden. Ist Gorleben nicht geeignet, wird niemand so verantwortungslos sein, es zu bestücken. Technisch ist die Lagerung kein Problem. Andere Länder sind schon beim Ausbau ihrer Endlager.

Wenn das im Ausland perfekt gelöst ist, wäre es doch einfach, die Technik nach hier zu übertragen.

Perfekte Lösungen gibt es nicht, der Teufel steckt immer im Detail. Aber wenn man in Gorleben nicht weitererkundet, kommen wir bei der Problemlösung nicht weiter. Und dass es an einem anderen Standort in Deutschland leichter wird, glaube ich auch nicht. Die Widerstände hat man dann dort genauso.

Zum Akzeptanzproblem: Ist es da hilfreich, wenn beim Bundesumweltministerium als Atomaufsicht ein ehemaliger e.on-Mitarbeiter Abteilungsleiter für Reaktorsicherheit wird, so wie jetzt Gerald Hennenhöfer?

Das ist irrelevant. Beim Betrieb der Kernkraftwerke unterliegen wir den Landesbehörden. Insofern haben wir mit Herrn Hennenhöfer nichts zu tun.

Na ja, im vorigen Jahr bei der Sumpfsieb-Problematik in Grohnde hat das Bundesumweltministerium ständig insistiert …

Ich bin mir 100-prozentig sicher, dass ein einzelner Mann nicht so viel Einfluss haben kann, dass bei der Aufsicht etwas schieflaufen könnte. Und wieso sollte Sachverstand in einer Behörde stören.

Wie lange bleibt das Zwischenlager für Atommüll in Grohnde bestehen?

Maximal 40 Jahre, dann erlischt die Genehmigung.

Was geschieht, wenn auch dann die Endlagerung nicht geregelt ist?

Ich weiß nicht, was in 40 Jahren passiert …

Ist das nicht die Crux: dass die Energiekonzerne anscheinend nicht langfristig denken?

Das ist eine heftige Unterstellung! Das gültige Energiekonzept stammt doch von der rot-grünen Regierung. Wir haben uns nicht danach gerissen, Zwischenlager zu errichten. Das Konzept von Herrn Trittin sieht vor, dass wir Zwischenlager bauen, um aus der Wiederaufarbeitung auszusteigen, und dass 2030 ein Bundesendlager zur Verfügung steht. Wir mahnen seit vielen Jahren, dass dieser Republik ein schlüssiges Energiekonzept fehlt. Die konzeptionelle Vorgabe ist Sache der Politik.

Sie geben den Schwarzen Peter also weiter?

Die Unternehmen richten sich nach den Rahmenbedingungen, die die Politik macht.

Die Rahmenbedingungen mit dem Atomausstieg stehen seit 2002 fest …

Wenn eine neue Bundesregierung neue Gesetze macht und ein neues Konzept entwickelt, dann ist das Demokratie. Wir haben schon nach der Vereinbarung mit der rot-grünen Regierung gesagt, dass wir es umweltpolitisch, betriebs- und volkswirtschaftlich für falsch halten, aus der Kernenergie auszusteigen. Wir sahen damals jedoch keine bessere Alternative zum Schutz unserer Anlagen.

Wäre es nicht eine Alternative, wenn sich e.on von der Atomenergie lossagen und zum „Grünen Riesen“ würde?

e.on ist ein Weltkonzern. Wir haben in vielen Staaten Tochtergesellschaften und einen breiten Energiemix – auch einen hohen Anteil regenerativer Quellen. Der Energiemix trägt zur Risikostreuung und effizienten Aufstellung bei.

Für das Jahr 2030 strebt e.on weltweit 36 Prozent erneuerbare Energien an, also eine Verdreifachung – bei 11 Prozent Atomenergie.

Die Kernenergie wird auf dem Level bleiben wie bisher. Wir werden zwar nach geltender Prämisse in Deutschland Kernkraftwerke abschalten, aber gleichzeitig gibt es Ausbaupläne im Ausland, etwa in Finnland, England, Frankreich und Italien.

Rechnet sich die Atomkraft denn wirklich? In Finnland haben sich die Baukosten für das Kraftwerk gerade verdoppelt.

Mit 70 Prozent machen bei der Kernenergie die Investitionskosten den Hauptanteil aus. Für den Betrieb und neue Brennelemente fallen also nur 30 Prozent an. In Grohnde haben wir jetzt in einem Jahr wieder an die 12 Milliarden Kilowattstunden Strom produziert – wenn Sie sich die Preise an der Strombörse angucken, sehen Sie, warum das am Ende wirtschaftlich ist.

Sie versuchen derzeit, die Restlaufzeit Ihres abgeschalteten Kraftwerkes in Stade zu verkaufen. Mit dem Ausstieg lässt sich also auch Geld machen?

Mit dem Drinnenbleiben lässt sich, glaube ich, mehr verdienen.

Die Atomkraftgegner machen gegen den Transport von Brennelementen nach Grohnde mobil. Wann ist es soweit?

Wir haben immer noch keinen Termin. In den letzten Jahren hatten wir 33 Mox-Brennelemente-Transporte nach Grohnde. Ich finde es absurd zu sagen, diese Transporte seien gefährlich, wenn die 33 vorher nicht einmal zur Kenntnis genommen wurden. Wir haben solche Transporte immer durchgeführt – und wir werden sie weiterhin durchführen. Wir sind vom Gesetzgeber verpflichtet worden, einen Entsorgungsvorsorgenachweis zu erbringen. Dazu gehörte, die Brennelemente zur Wiederaufbereitung zu bringen, das dabei gewonnene Uran und Plutonium zu Mox-Brennelementen verarbeiten zu lassen und diese in den Kraftwerken einzusetzen. Inzwischen bringen wir zwar nichts mehr zur Wiederaufarbeitung, aber wir müssen das, was da ist, noch einsetzen.

Die Versuche, Atomkraft als sicher zu verkaufen, scheinen in der Bevölkerung aber nicht zu fruchten.

Ich bin seit über 15 Jahren mit diesem Thema beschäftigt und weiß natürlich, dass es bei den Kernenergiegegnern großes Unbehagen gibt – sonst wären sie keine Gegner. Man kann aber nicht sagen „bei der Bevölkerung“. Wir haben durch das Institut Allensbach eine Umfrage zur Akzeptanz der Kernenergie machen lassen. An den Kernkraftwerkstandorten gibt es eine Zustimmungsquote von 70 bis 85 Prozent, rund um Grohnde sind es 80 Prozent. Wenn die Kernkraftwerke nicht sicher wären und die Genehmigungsvoraussetzungen nicht eingehalten würden, müssten die Behörden sie stilllegen. Das hätten dann auch die Umweltminister Gabriel oder Trittin tun müssen.



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