Aerzen - Emmerthal

Atomaufsicht befürchtet Terrorgefahr am AKW

Bis die Bauarbeiten am Zwischenlager erfolgt sind, soll das Wachpersonal verstärkt werden. Dazu wurden im Herbst rund um das Gebäude Wachhäuschen aufgestellt. Foto: cb

Emmerthal (cb). Das Bundesumweltministerium hat gestern erstmals offiziell bestätigt, dass die geplanten Umbauten am Zwischenlager des Atomkraftwerkes Grohnde aus Sorge vor Terrorgefahren begründet sind. Unsere Zeitung hatte im November erstmals über die Pläne berichtet, dort die Sicherheitsmaßnahmen zu verstärken. Bis sie umgesetzt worden sind, sollen in Grohnde die Wachmannschaften um 25 Mitarbeiter aufgestockt und teilweise erstmals an Gewehren ausgebildet werden. Im November war lediglich von den Behörden bestätigt worden, dass die Sicherheitsmaßnahmen „in der nächsten Zeit optimiert würden“. Gestern hieß es aus Berlin: „Die baulichen Maßnahmen an den Anlagen dienen dem Schutz gegen Störmaßnahmen oder sonstige Einwirkungen Dritter, dazu zählen auch mögliche terroristische Angriffe.“

Zuvor waren ähnliche Pläne an Standort-Zwischenlagern an den bayerischen Atomkraftwerken Gundremmingen und Isar II bekanntgeworden. Medien berichteten gestern darüber, dass dort zehn Meter hohe Stahlbetonmauern um die Gebäude herum errichtet werden sollen. Auch dort hatte es zunächst geheißen, dass alle Details der Geheimhaltung unterliegen.

Nach unbestätigten Informationen sind in Grohnde die Mauern nicht komplett um das Gebäude herum vorgesehen. Begründet wird dies damit, dass die norddeutschen Zwischenlager nach dem Steag-Konzept eine Wandstärke von 1,2 Metern haben und damit wesentlich sicherer sind als die Gebäude in Bayern. Dort haben die Lager lediglich eine Wandstärke zwischen 70 und 85 Zentimetern. Es heißt, dass in Grohnde nur ein Teil des nicht so stark gesicherten Betriebsgebäudes optimiert werden müsste.

Dass alle Zwischenlager für hochradioaktive Abfälle in Deutschland nachgerüstet werden, darauf haben sich die Betreiber der Anlagen und die zuständigen Aufsichts- und Genehmigungsbehörden der Länder bereits im vergangenen Jahr verständigt, wie das Bundesumweltministerium (BMU) als oberste Atomaufsicht berichtet. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) habe auf Veranlassung des BMU mit Schreiben vom 15. April die Betreiber aller Zwischenlager darum gebeten, die dazu notwendigen Maßnahmen einzuleiten. Zur Umsetzung der Maßnahme seien atom- und baurechtliche Genehmigungen erforderlich. Diese Verfahren sind laut BMU beantragt beziehungsweise werden vorbereitet. Mit Beginn der Baumaßnahmen sei in diesem Jahr zu rechnen. Nach Angaben des Landkreises Hameln-Pyrmont liegt der Verwaltung allerdings „momentan kein Bauantrag“ vor. Dr. Petra Uhlmann, Sprecherin von e.on Kernkraft als Betreiber, bestätigte, dass die Anträge für Grohnde erst in Vorbereitung seien. Sie bekräftigte, dass es sich lediglich um Optimierungen handele, wie sie seit Inbetriebnahme der Anlage immer wieder vorgenommen worden seien.

Im November hatte das niedersächsische Umweltministerium unserer Zeitung mitgeteilt, dass keine weiteren Einzelheiten genannt werden könnten, um „die Wirksamkeit der Sicherungsmaßnahmen zu gewährleisten“. Sprecherin Inka Burow: „Hierzu zählen auch Angaben zu Stärke und Ausrüstung des Objektsicherungsdienstes.“ Auch gestern wollte sie weitere Anfragen nicht beantworten. Schon im Herbst hatten Vertreter des BfS angedeutet, dass die Atomaufsichtsbehörden wohl „keine Details nennen können, da man bei solchen Sicherungsmaßnahmen ja gerade keine Anleitung für Terroristen geben möchte“.

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace teilt mit, dass die Bundesregierung seit Monaten über neue Erkenntnisse zur Bedrohungslage von Atomanlagen verfüge. Sie machte ein Schreiben des niedersächsischen Umweltministeriums vom November öffentlich, mit dem am Beispiel des Zwischenlagers Gorleben beispielsweise Barrieren vor „Störmaßnahmen und sonstigen Einwirkungen Dritter“ schützen sollen. Grundlage dafür seien neuere „Erkenntnisse über Tatmittel und Täterverhalten“. Greenpeace- Atomexperte Tobias Riedl: „Vor diesem Hintergrund ist es unverantwortlich von Bundesumweltminister Röttgen, zwar die Zwischenlager aufzurüsten, aber die benachbarten Reaktoren ohne weiteren Schutz am Netz zu lassen.“

Die derzeitige Geheimniskrämerei der Behörden erinnert an die Planungen eines Pilotprojektes, in Grohnde Nebelwerfer zu installieren, um den Reaktor vor möglichen Angriffen mit Flugzeugen zu schützen. Nach und nach wurden über unsere Zeitung aber immer mehr Einzelheiten bekannt. Die Nebelwerfer wurden schließlich 2006 durch das niedersächsische Umweltministerium als Atomaufsicht genehmigt. Inzwischen werden die Nebelwerfer übrigens bei Besucherführungen auf dem AKW-Gelände in Grohnde mit allen Einzelheiten erklärt.

Artikel vom 12.01.2012 - 06.00 Uhr
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