Dossier Menschen
Wenn es richtig kracht, fühlt er sich wohlVon Ingrid Stenzel
Coppenbrügge. Nein, zu jenen Lümmeln, die der Lehrerin früher aus hinteren Bankreihen mit der Zwille zündelnde Knallfrösche unter die schwingenden Röcke schossen, gehöre er nicht. Auch nicht zu denen, die später vom Ehrgeiz getrieben als Himmelsstürmer ganz hoch hinaus wollten, sagt Thomas Amelung schmunzelnd. Er entwirrt ein geordnetes Chaos von Kabelknäueln zwischen mächtigen Gasflaschen und schwarzen Boxen (Gasprojektoren) – oben auf dem Toilettenwagen am Rande des Bikercamps in Hamelspringe und neben verstreuten Minizelten hinter sorgfältig aufgereihten heißen Öfen von kernig coolen Typen an der Bierzelttheke. Ganz besonders wohl fühlt sich der 46-Jährige heute, wenn er es um sich herum herzhaft krachen lässt und dabei leuchtende Bilder bis in 90 und 300 Meter Höhe an den Nachthimmel schießt, deren filigrane Mächtigkeit jedermann mit Kopf im Nacken die Luft anhalten und einfach nur staunen lässt: Feuerwerke faszinieren die Menschheit seit Jahrhunderten. Und der Coppenbrügger ist da alles andere als eine Ausnahme. Seit seiner Kindheit genießt er die Magie der Explosionen am nächtlichen Firmament – Silberkometen, Funkenregen, Rauchwolken, Schwefelgestank, römische Lichter, rot aufblühende Chrysanthemen, goldenen Glitzerflitter wie Sternenstaub… „Ich war wohl höchstens fünf Jahre alt“, überlegt er, „als ich das erste Mal mit den Eltern in Bodenwerder war“. Und seitdem habe er wohl kaum ein Lichterfest an der Weser versäumt. „Es war einfach immer nur schön“, sagt er, beließ es bald nicht nur bei passivem Genuss, sondern wurde zum leidenschaftlich und künstlerisch kreativen Hobbyzündler, der Silvester gern öfter im Jahr hätte. Und dabei wäre es möglicherweise auch geblieben, wenn nicht der Jahrhundertwechsel dazwischen gekommen wäre und mit ihm der erste mit einem Freund richtig geplante Ablauf eines Feuerwerkes zum Start in das neue Jahrtausend. „Da merkte ich, es geht viel mehr!“ Und von da ab war „Silvester“ öfter und es ging himmelwärts immer höher hinaus: „Das Hobby wurde zum zweiten Standbein.“
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„In mir steckt etwas mehr vom Urmenschen“ Hessisch Oldendorf. Hartmut Brepohl ist „steinreich“ – wohl an die 2000 Exemplare müsste er zu Hause haben, schätzt der 64-Jährige. Gezählt habe er sie aber nie, die brockengroßen und die daumenkleinen Schätze sowie die nur unter dem Mikroskop zu bewundernden klitzekleinen „Mikromounts“, die allein im heimischen Wohnzimmer sieben große Vitrinen und mehrere Schubladen füllen.
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„Ni hao“ China – Jasper Rasokat kommt Hameln. Wenn alle 1,3 Milliarden Chinesen zeitgleich von einem Stuhl hopsen, gibt es dann ein Erdbeben? Dieser Frage kann Jasper Rasokat aus Hameln ab dem 14. Juli vor Ort nachgehen. Denn der 14-Jährige fliegt an diesem Tag nach Peking, der im nördlichen Teil Chinas gelegenen Hauptstadt der Volksrepublik – dem bevölkerungsreichsten Land der Erde.
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Einen traumhaften Notenschnitt hingelegt Weserbergland (ohm). Steffen Gerlach, Sophie Buss, Franziska Kohlenberg und Jan-Philipp Szensy haben es geschafft: Sie sind die Besten ihrer Schulform. In einem kurzen Porträt stellen wir drei der Besten aus dem Weserbergland vor.
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Alles fing an, weil er zu faul zum Laufen war Brünnighausen (top). Langsam fährt die große Harley-Davidson um die Ecke. Der geputzte Chrom glänzt mit dem edlen dunkelrot-metallic schimmernden Lack in der Sonne um die Wette. Ein sattes Motorengeräusch ist zu vernehmen, als Heinz Scholz ein letztes Mal die schwere Maschine beim Motorradtreffen in Brünnighausen beschleunigt, um sie dann wieder langsam ausrollen zu lassen.
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Einfach anders: „Greta und das Rotkäppchen“ Hameln (doro). Draußen wird es langsam wärmer, drinnen ist das Wetter egal. An der Maschine näht Claude Sikora bunte Putzlappen und Frotteehandtücher zu einem kleinen Täschchen zusammen. „Die haben eine super Haptik und tolle Farben“, sagt sie. Der riesige Tisch in ihrem Atelier ist auf der einen Seite übersät mit bunten Stoffen, Schnittmustern, Vorlagen. Auf der anderen Seite liegen fertige Exemplare. Nur eine Stunde braucht sie mittlerweile für die kleine Variante ihrer neuen Leidenschaft: Taschen.
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Bodypainter verwandelt Betonwand in bunte Landschaft Coppenbrügge (ist). Ob weiblicher Körper oder Betonmauer – aus rein künstlerischer Sicht, so Jörg Düsterwald, sei ihm das eine als „Leinwand“ ebenso lieb wie das andere. Beides, sagt der vielseitige Künstler aus Hameln, der sich in erster Linie europaweit als Bodypainter einen Namen gemacht hat, sei eine willkommene Herausforderung für seine vielseitige Leidenschaft, „die Welt bunt zu machen“. Mit kosmetisch geprüften Körperfarben das eine, hochwertigen Fassadenfarben das andere.
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Erst zu viele Pfunde, dann zu viel Haut … Hameln. Dass ihr Gewicht schon lange aus dem Ruder gelaufen war, hatte sie ja selber gemerkt. Doch alle Versuche abzunehmen scheiterten. Unkontrolliertes Essverhalten, Bewegungsmangel, Hormontherapien, zwei Schwangerschaften – Ruth Bruderek wurde immer dicker. Ihre Leistungskraft ließ mehr und mehr nach, beim Gehen schmerzten die Knie, und zunehmend wuchs auch die Scham, wenn andere Menschen ihre körperlichen Einschränkungen sahen.
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Kohleengel Anna verzaubert Bergmänner Osterwald (sto). In den Hüttenstollen wollte Anna Kreft eigentlich nie wieder. Der ohrenbetäubende Lärm eines Presslufthammers hat die damals Vierjährige so erschreckt, dass sie sich lange Zeit geweigert hat, den „Ort des Grauens“ wieder zu betreten. Erst mit 14 Jahren zeigten die Überredungskünste ihres Vaters Wirkung. Anna wagte erneut den Schritt in die historische Unterwelt ihres Heimatortes. Das Interesse wurde geweckt und ihr Tatendrang brachte ihr vor einigen Monaten den Titel „Kohleengel von Osterwald“ ein.
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Die unverzagte Müh’ mit dem lieben Federvieh Hessisch Oldendorf (fn). Enten schnattern, Hähne krähen und kleine Küken piepsen leise vor sich hin. Wenn Daniel Knief die Kleingartenanlage betritt, kommt richtig Leben in die Kolonie am Hessisch Oldendorfer Stadtrand. Und der 15-jährige Hessisch Oldendorfer kommt mehrmals täglich vorbei. Schon am frühen Morgen – als Sohn einer Bäckerfamilie ist er zeitiges Aufstehen wohl gewohnt – führt ihn sein Weg zum geliebten Federvieh. Während Klassenkameraden den Schulweg freiwillig „etwas länger gestalten“, ist Daniels Umweg arbeitsbedingt.
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„Ich freue mich am Lachen der Kinder“ Amelgatzen (ubo). Eigentlich steht ihr Mund gar nicht still, wenngleich der Morgen recht ruhig beginnt. Gemeinsam mit ihren Schützlingen, den 15 Kindern des Jugendrotkreuzes (JRK) Amelgatzen im Alter von sechs bis neun Jahren sitzt Vanessa Melde beim opulenten Frühstück in der Sporthalle. Es ist Kreiswettbewerb des JRK, und während die Kinder mit ihren Betreuern noch frühstücken, erhalten die Schiedsrichter der Aufgaben ihre Unterlagen und Utensilien.
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Gips in Perfektion – das gibt’s noch! Haverbeck (kar). Am liebsten wäre er technischer Zeichner geworden. „Aber damals konnte man sich den Lehrberuf nicht so einfach aussuchen“, sagt Gerhard Knaust. Also fing der Hamelner eine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker an. „Da musste ich immer ein Auto waschen, einen weißen BMW“, erzählt Knaust. Auf dem Wagen prangte nicht nur ein lustiges Männchen, sondern auch der Spruch: „Der Stukkateur gibt dem Haus das Gesicht.“ Knaust konnte sich unter einem Stukkateur nichts vorstellen.
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„Besonderes Beispiel für persönlichen Einsatz“ Bad Münder (jhr). Das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland ist gestern an Hermann Wessling verliehen worden. Überreicht wurde der Orden von Niedersachsens Wirtschaftsminister Jörg Bode. „Hermann Wessling hat sich nicht nur für Belange eingesetzt, die im Zusammenhang mit seinem Beruf zu sehen sind. Er war ebenso engagiert, wenn es darum ging, seine Heimatstadt Bad Münder zu entwickeln – sei es in ökonomischer oder sozialer Hinsicht“, hieß es in der Laudatio des Wirtschaftsministers.
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Anja Piel: „Ich habe gelernt zu sagen, ich will“ Fischbeck. Anja Piel stellt nicht so gerne Fragen. Jedenfalls nicht solche, die Kompetenzmängel und Wissenslücken offenbaren könnten. Sie gehört eher zu den Menschen, die sich Software- und Bedienungsanleitungen konsequent bis zur letzten Seite durchlesen und dann so lange rumfrickeln, bis sie es selbst hinbekommen. Fragen stellt sie lieber, wenn sie gut vorbereitet ist, das war schon immer so. Auch damals, auf der Klassenfahrt nach Würgassen, als sie sich für den Besuch des Kernkraftwerks (1994 stillgelegt) eine Liste mit Fragen geschrieben hatte.
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Die Neue: Gaby Willamowius Hameln (ni). Willamowius – an den ungewöhnlichen Namen wird man sich gewöhnen müssen. Doch wer Eyjafjalla oder sogar Eyjafjallajökull gelernt hat, dem kommt Willamowius schon nach kurzer Übung glatt über die Lippen. Gaby Willamowius, am 16. Juni 1966 in Hannover geboren, wird aller Voraussicht nach Dezernentin der Stadt Hameln. Die erste Hürde auf dem Weg in die Verwaltungsspitze hat die Bewerberin um den Dezernentenposten gestern genommen. Der Verwaltungsausschuss sprach sich mit Mehrheit dafür aus, die vakante Stelle mit der 43-Jährigen zu besetzen.
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Der Doktor und seine Liebe für das große Vieh Langenfeld. „Arbeite niemals vor dem Frühstück; wenn du vor dem Frühstück arbeiten musst, frühstücke vorher.“ Das wusste schon Josh Billings. Und so beginnt dieser Dienstagmorgen für den Landtierarzt Dr. Rüdiger Schmitz mit Kaffee und Brötchen in der gemütlichen Wohnstube. Gestärkt geht es ans Werk. Dr. Rüdiger Schmitz packt seine Materialien zusammen. Seit über zwanzig Jahren arbeitet er als selbstständiger Landtierarzt mit eigener Praxis.
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Ehrung für den Mann der leisen Töne Hameln (eaw). Von wegen trockener Jurist. Wer Gerhard Ohlendorfs warmherzige Dankesrede anlässlich der Verleihung der Bundesverdienstmedaille hört, der begreift schnell, dass bei ihm allenfalls der Humor trocken ist. „Jurist sein und trotzdem sozial zu empfinden, das schließt sich nicht aus“, erklärt er im Gespräch. Im Gegenteil, auch in der sozialen Arbeit sei eine gewisse Strenge vonnöten. „Sonst geht da gar nichts“, stellt der ehemalige Hamelner Arbeitsgerichtsdirektor resolut fest.
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Eine Familie, die mit Körben arbeitet und lebt Marienau (sto). Sie sind eine ganz normale Familie – und doch ganz anders. Handgeflochtene Schaukelstühle, Puppenwagen und Körbe aller Art sind ihre „Visitenkarten“. Visitenkarten wie auf dem Präsentierteller. Der ist in diesem Fall aber ein Parkplatz, auf dem die Korbwaren ausgestellt sind und zum Mitnehmen einladen. Mittendrin wohnt die Familie Burkhardt. Das Besondere: Nicht ein Haus ist ihr Quartier, sondern ein acht Meter langer Wohnwagen mit Vorzelt. Und das unterscheidet sie einmal mehr von den Nachbarn drumherum.
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Diese Teddysammlerin braucht viel Toleranz Hameln (roh). Wenn Verkäuferin Ute Smith von der Arbeit nach Hause kommt, dann ist sie nicht allein, selbst dann nicht, wenn ihr Ehemann noch auf der Arbeit weilt: Insgesamt 350 Teddys aus Stoff und Porzellan bevölkern die Wohnung, und nicht selten öffnet die 43-jährige ihren Gästen mit einem Teddy auf dem Arm die Haustür. Begonnen hat ihre Sammelleidenschaft, als sie 1996 ihren Mann kennenlernte. „Richard hat mir damals diesen süßen blauen Teddy geschenkt“, sagt sie und schaut dem kleinen Stoffknäuel mit verträumtem Blick in die dunklen Knopfaugen.
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Hameln – eine Stadt voller herrlicher TatorteVon Ernst-August Wolf
Hameln. „Was sind das alles für herrliche Tatorte hier am Weserrufer“, ruft der Kriminalschriftsteller Günter von Lonski entzückt aus, springt auf einen Anlegepoller und droht in die braune, gurgelnde Flut zu springen. Auch am wild übers Wehr schäumenden Wasser kann er sich nicht sattsehen. Für ihn ist das Inspiration pur. „Fehlt nur noch eine vorbei treibende Wasserleiche“, murmelt er.
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