Kommentar

Wulff und die Medien
Von Frank Werner

Wulff und kein Ende. „Monitor“ prangert die allzu herzliche Bekanntschaft mit dem ehemaligen Hamelner Vorzeige-Unternehmer Ali Memari Fard an, die jetzt in neuem Licht erscheint. Oder nicht? Zweifel an diesem „Skandal“ seien gestattet.

Ganz sicher hat der damalige Ministerpräsident auf das falsche Pferd gesetzt, mehr noch: Derart huldvolles Schulterklopfen vor dem Insolvenz-Fiasko wirft die Frage auf, wie blauäugig die Landesregierung dem großzügig protegierten Unternehmer grundsätzlich begegnete. Aber in dieser Betrachtung steckt, zugegeben, eine gehörige Portion nachträglicher Einsicht. Wer wusste nicht alles, was faul ist am Fard-Imperium – nachdem es untergegangen war?

Man kann darüber die Nase rümpfen, aber es findet sich wohl so gut wie keine jüngere Ministerpräsidenten-Biografie, die ohne Shakehands und Kumpelei mit den Wirtschaftskapitänen des Landes auskommt. Man denke an Gerhard Schröder, der über Standleitungen in diverse Chefetagen verfügte, sich selbst im Designermantel als Genosse der Bosse gerierte und sozialdemokratische Gewissensbisse im Qualm nobler Zigarren verdampfen ließ. Nicht umsonst macht jetzt das Wort von Schröders „Erbfreunden“ die Runde, die Wulff qua Amt übernommen hat.

Mit der Skandalisierung einer eher peinlichen, aber nicht außergewöhnlichen Hofierung eines Unternehmers watet das Politmagazin in seichtem Wasser. Nur an einem Punkt lässt der Beitrag aufhorchen: Warum blieb diese eher unspektakuläre Episode des wulffschen Gesamtwerkes „Zu Gast bei Freunden“ im Landtag unerwähnt?

Über weite Strecken schwimmt auch „Monitor“ im medialen Mainstream, versucht auf der großen Skandalwelle mitzureiten, unabhängig davon, wie viel Wind tatsächlich weht. Kein Missverständnis an dieser Stelle: Wulffs Krisenmanagement, das keines ist, bettelt geradezu um kritische journalistische Anteilnahme. So miserabel hat sich schon lange kein Politiker mehr aus der Affäre zu ziehen versucht. Und ohne die Recherchen von Spiegel und Co. wäre nie bekanntgeworden, was Wulff nur scheibchenweise und gespickt mit neuen Widersprüchen preisgibt. Aber mittlerweile kommen im Wettlauf der Suchenden auch jede Menge Lappalien ans Licht. So viel journalistische Selbstkritik darf sein: Berichte über Kochabende und die Kleider von Ehefrau Bettina erwecken den Eindruck, als habe man auf Dauerfeuer gestellt, ohne zu merken, dass die Munition verschossen ist.

Das Fatale daran ist: Der Kern der Affäre – die Unehrlichkeit vor dem Landtag, die Unredlichkeit, einen fast zinslosen Bankkredit anzunehmen, und vor allem die Unfähigkeit, bei der Aufarbeitung dieser Vorgänge der präsidialen Rolle auch nur ansatzweise gerecht zu werden – tritt angesichts täglich neuer Fliegen- und Mittelgewichtsskandale aus dem Leben des Christian Wulff in den Hintergrund.

Die Kardinalfrage ist nicht, ob Wulff als Ministerpräsident zu gefällig mit Geldmagnaten und Gönnern verkehrte. Die entscheidende Frage ist, ob er das Zeug zum Bundespräsidenten hat. Ob er tauglich ist für ein Amt, das sich wie kein zweites durch die Repräsentanz moralischer Werte und einer gewissen Würde definiert. Diese Werte und Würde vorzuleben, scheint momentan nicht das dringendste Anliegen von Wulff zu sein. Aber eben darin, im katastrophalen Umgang mit der Krise, liegt die eigentliche Krise. Selbst notorische Schnäppchenjäger sollten zur Kenntnis nehmen, dass das höchste Amt im Staat keinen Rabatt auf Anstand und Glaubwürdigkeit gewährt.

Artikel vom 13.01.2012 - 20.29 Uhr
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