Kommentar

Ungeschminkt
Von Andreas Geldner

Entlarvender geht es kaum: Mitten in einem Krieg kann die ganze Welt hinter dessen Kulissen blicken. Die Veröffentlichung tausender geheimer Dokumente aus Afghanistan hätte für US-Präsident Barack Obama kaum zu einem schlechteren Zeitpunkt kommen können. Obama, der auch dank seines virtuosen Umgangs mit den Möglichkeiten des Internets seine Wahl gewann, erlebt nun selbst, welche erbarmungslosen Spielregeln das Netz schafft. Die Tatsache, dass Dokumente in diesem Ausmaß öffentlich werden konnten, spricht nicht dafür, dass er seinen Nachrichtenapparat im Griff hat. Oder dass dieser Nachrichtenapparat auf dem Stand des 21. Jahrhunderts ist.

Die diffusen Dokumente sind dabei gar nicht das Problem. Wenn in den Papieren niedriger Geheimhaltungsstufe Details zu lesen sind, wie Osama bin Laden eine Bombenbauerin belobigt haben soll, dann stimmt das skeptisch. Ansonsten steht darin vieles, was die Öffentlichkeit längst wissen könnte – wenn sie genau hinschauen würde. An diesem Punkt hatte Obama mit seiner einzigen, knappen Replik auf die Veröffentlichung Recht. Der Realität des Afghanistan-Krieges weichen manche Amerikaner aus, weil inzwischen auch strammen Patrioten dämmert, dass eine Konfrontation mit der ungeschminkten Wahrheit zu bitteren Schlüssen führt. In den vergangenen Wochen hat eine wachsende Zahl kritischer Stimmen den Präsidenten unter Druck gesetzt. Seinen Afghanistankommandeur Stanley McChrystal hat Obama entlassen müssen, weil der offen Kritik an der Strategie geäußert hat. Vor Kurzem wagte es sogar der republikanische Parteichef Michael Steele, Zweifel an einem amerikanischen Sieg zu äußern. Und viele Demokraten sind Obama bisher nur mit zusammengebissenen Zähnen gefolgt. Der düstere Ton der Geheimdienstdokumente, der Abgrund an Inkompetenz und Korruption, den sie etwa im afghanischen Staat offenbaren, wird sie in ihrer Skepsis bestätigen. Obama hat zu Recht darauf hingewiesen, dass sein Vorgänger George W. Bush wegen des Irak-Krieges dem Militär in Afghanistan nie die Ressourcen zur Verfügung gestellt habe, die es brauchte. Er hat viele Probleme geerbt. Doch auch der jetzige US-Präsident verfolgt eine widersprüchliche Strategie. Er will militärisch aufrüsten, um im Jahr 2011 die Option auf einen Rückzug zu eröffnen. Denn die funktioniert nur, wenn es militärische Erfolge gibt. Davon ist bisher nichts zu sehen. Die Veröffentlichung der Dokumente durch Wikileaks hat die Aufmerksamkeit auf diese Widersprüche gelenkt. Dies ist aber eher Teil eines Vertrauensverlusts als eine Zäsur.

Das war im Jahr 1971 anders, als die „New York Times“ die „Pentagon-Papiere“ veröffentlichte, eine Sammlung von Geheimdokumenten über die Verstrickung der USA in den Vietnamkrieg. Sie nahmen d Präsident Richard Nixon die Legitimation für ein weiteres Engagement. Die Indiskretion des Jahres 2010 wird nicht diese Folgen haben, wie die Verabschiedung des Kriegsbudgets am Dienstag beweist. Die Haltung der Amerikaner zum Einsatz in Afghanistan ist ambivalent. Die Dokumente haben keinen Versuch der Regierung enthüllt, Fakten zu manipulieren. Die Berichte wurden von Soldaten verfasst; die „Pentagon-Papiere“ stammten aus der Regierung und waren „top secret“. Doch der Afghanistankrieg ist längst zu Obamas Krieg geworden – und es wird für ihn immer schwieriger, die Opfer vor der Öffentlichkeit zu verteidigen.

LEITARTIKEL

Artikel vom 29.07.2010 - 19.13 Uhr
drucken
Diesen Artikel versenden


   
versenden

Artikel kommentieren






Übersicht | Nachrichten | Lokales | Sport | Kultur | Bilder | Service | Anzeigenmarkt | Impressum
© Deister- und Weserzeitung Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Eine starke Gruppe: Deister- und Weserzeitung | Pyrmonter Nachrichten | Dewezet Bodenwerder | Schaumburger Zeitung | Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung | Deister-Leine-Zeitung | Neue Deister-Zeitung | Wesio | Weserbergland.Com | Medien 31