Kommentar

Tödliche Enge
Von Thorsten Fuchs

Und die Musik spielte weiter. Während am Rand des Geländes Tote abtransportiert wurden und überforderte Sanitäter verzweifelt um das Leben von Verletzten kämpften, tanzten vor den Bühnen Zehntausende junger Menschen weiter, als sei nichts geschehen. Die Veranstalter setzten die Loveparade fort, obwohl die ersten Nachrichten von der Katastrophe in Duisburg bereits um die Welt gingen. Das Festhalten der Organisatoren am gewohnten stampfenden Rhythmus aus den Großlautsprechern war, so makaber es erscheinen mag, eine der wenigen Entscheidungen, an deren Richtigkeit am Tag nach der Katastrophe niemand zweifelt: Den jugendlichen Besuchern zunächst nichts von dem zu sagen, was sich ereignet hatte, war der sicherste Weg, zumindest eine zweite Panik zu verhindern. Umso beklommener fühlten sich viele Teilnehmer, als sie später von der traurigen Bilanz erfuhren: 19 Menschen starben, und 342 wurden verletzt, als es auf dem einzigen offenen Weg zu der riesigen Technoparty in Duisburg zu einer tödlichen Enge gekommen war.

Jetzt erhebt sich ein schrecklicher Verdacht: Haben die Veranstalter und die Stadt Zweifel an der Sicherheit dieser Loveparade ignoriert? Haben sie auf Gedeih und Verderb eine Veranstaltung durchgezogen, für die das Gelände möglicherweise einfach eine Nummer zu klein war? Es bedeutet keinen Mangel an Pietät, diese Fragen jetzt bereits zu stellen, noch im Moment der Trauer. Zu massiv sind die Bedenken und Warnungen schon vor Beginn der Parade gewesen, als dass man das Geschehen achselzuckend als Verkettung unglücklicher Umstände abtun könnte. Das Gelände in Duisburg hat nur eine beschränkte Kapazität. Es wird teils von einer Autobahn, teils durch Bahngleise eingegrenzt. Und es gab schon vor der Parade Hinweise darauf, dass zu diesem Gelände die Zahl der erwarteten Besucher nicht passt. Mit einer Million junger Menschen haben die Veranstalter in Duisburg gerechnet – was angesichts von 1,6 Millionen Ravern bei der letzten Loveparade zwei Jahre zuvor in Dortmund ohnehin schon zurückhaltend kalkuliert war. Das Gelände fasste jedoch nur bis zu 500 000 Menschen. Die Beteuerungen eines städtischen Mitarbeiters in der vergangenen Woche, man werde Engpässe „problemlos steuern können“, klingen im Nachhinein wie Hohn. Es soll auch Warnungen von Polizei und Feuerwehr gegeben haben, die unter anderem deutlich mehr Sicherheitskräfte entlang der Strecke forderten. Warum blieb all dies folgenlos? Die Veranstalter verweisen darauf, dass einer der renommiertesten deutschen Verkehrsexperten ihr Sicherheitskonzept abgesegnet hat. Doch zu dem Konzept gehörte es auch, dass Hunderttausende Technofans sich panikfrei durch eine 200 Meter lange Röhre bewegen müssen. Jedes Sicherheitskonzept muss zudem auf jene abgestellt sein, für deren Sicherheit es gedacht ist. Dazu gehört, dass man auch ein Fehlverhalten mit in Betracht zieht: Alkohol kann im Spiel sein, aufputschende Pillen mögen hinzukommen.

Längst ist unter den deutschen Städten ein fragwürdiger Wettlauf um die größten Feiern und Feste entbrannt. Das Knacken der Millionengrenze gilt als Qualitätssiegel gelungenen Stadtmarketings. Duisburg hat jetzt aller Welt vorgeführt, wo die Grenzen solchen Strebens liegen – und wie ausgerechnet der Kampf ums gute Image das eigene Ansehen zerstören kann. Die Stadt muss jetzt mit dem Verdacht leben, dass sie ein unzureichendes Konzept akzeptierte, um nur ja nicht die Schmach einer Absage der Veranstaltung hinnehmen zu müssen. Als Bochum im vorigen Jahr eine Loveparade ausfallen ließ, gingen Hohn und Spott auf die Stadt nieder. In Duisburg ging es jetzt auch ums Kulturhauptstadtjahr an Rhein und Ruhr; eine Absage hätte die Bemühungen Nordrhein-Westfalens berührt, mit immer neuen Mega-Events den Rest der Republik zu beeindrucken. Haben die zuständigen Stellen ein Auge zugedrückt? Das wird neben der Staatsanwaltschaft vielleicht auch ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss prüfen.

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Artikel vom 25.07.2010 - 19.15 Uhr
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