Kommentar

Regieren Frauen besser?
Von Gabi Stief

Zu Adenauers Zeiten war die Welt noch in Ordnung. „Morjen, meine Herren!“ Auch als mit Elisabeth Schwarzhaupt die erste Ministerin in der Kabinettsrunde Platz nahm, mochte Adenauer nicht auf seine legendäre Begrüßungsformel verzichten: „In diesem Kreis sind auch Sie ein Herr!“ Fast 40 Jahre ist das her. Man stelle sich vor, die Herren würden sich heute in der Politik umschauen. Welch ein Graus für die gemütliche Morjen-Runde! In der Thüringer Staatskanzlei sagt eine Frau, wo es langgeht. In Nordrhein-Westfalen gibt seit Kurzem ein Frauenduo den Ton an; am Kabinettstisch ist bunte Reihe, ebenso viele Frauen wie Männer. Im Kanzleramt regiert Angela Merkel, der nachgesagt wird, nach und nach eine komplette Männerriege aus dem Ring geboxt zu haben. Haben Frauen in der Politik gleichgezogen? Noch nicht. Im Bundestag ist nur jeder dritte Abgeordnete weiblich, in den Kommunalparlamenten nur jeder vierte. Dennoch gibt es Hoffnung: Die Politik wird weiblicher. Und das ist gut so.

Frauen sind keine Marktplatzpolitiker, die süchtig nach Profilierung sind. Sie empören sich nicht, um mit einem Fanfarenstoß die Truppen zu sammeln. Sie krempeln nicht die Ärmel hoch und rufen Basta, weil das Publikum den Schaukampf liebt. Der Marktplatzpolitiker demonstriert eine Stärke, die nur Budenzauber ist.

Denn kein Politiker, auch nicht der erste, zweite und dritte Mann im Staate, hat die Macht, die er gern hätte. Da sind ein Koalitionspartner, eine Partei, ein Parlament, die mitreden und mitentscheiden. Da ist eine Welt jenseits der nationalen Grenzen, die mehr als nur Zaungast ist. Und da ist das grelle Licht der Scheinwerfer, das auch der beste Rollenspieler fürchten muss.

Sicherlich, Politikerinnen können eisern und rabiat sein wie die frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher, die gern mit ihrer Handtasche aufs Rednerpult schlug. Sie können machtorientiert und ehrgeizig sein wie Angela Merkel, die ihren Aufstieg in der Partei wie eine physikalische Versuchsanordnung betrieb. Wer hoch will, muss sich noch immer an männlichen Normen orientieren, wie die CDU-Politikerin und frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth beklagt. Doch je mehr Frauen oben ankommen, desto stärker verändern sie die Regeln.

Die Wirtschaft bietet ab und an lehrreiche Einblicke. Wenn die Telekom künftig Führungspositionen bevorzugt mit Frauen besetzen will, ist dies nicht durch einen Mangel an geeigneten Männern zu erklären. Wenn ein Unternehmer in Basel nur noch Frauen einstellt, dann hat er einen Grund. Sie seien teamfähiger, kostenbewusster, sachorientierter und könnten besser Prioritäten setzen, sagt Reeder Rene Mägli. Männern gehe es oft um die Macht, die Karriere und darum, andere klein zu halten.

Regieren Frauen per se besser? Natürlich nicht. Regieren ist ohne Programm und ohne Überzeugung, ohne Vorstellungen vom Ziel ein Reinfall. Es gibt nach wie vor eine rechte, eine liberale und eine linke Politik, auch wenn die Grenzen verschwimmen. Es gibt eine soziale und eine unsoziale Politik, egal ob sie von Frauen oder Männern definiert wird. Aber die gravierenden Probleme, vor denen die Gesellschaft im Zuge der demografischen Entwicklung und weltweiter Krisenanfälligkeit steht, sind immer seltener ideologisch zu lösen. Der Druck, neue Wege zu gehen, um Schritt zu halten, steigt. Wer die Aufgabe lang gepflegter Überzeugungen grundsätzlich als persönliche Niederlage begreift, gerät schnell ins Stolpern.

Frauen haben eher gelernt, pragmatisch zu handeln. Sie müssen Haushalt und Familie organisieren, und immer häufiger zusätzlich im Beruf funktionieren. Wäre ihnen die Anerkennung für die eigenen Leistungen so wichtig wie manchen Männern, wäre die kleine private Welt weitaus krisengefährdeter. Dass sie nun zunehmend auch in der Welt der Politik zur ersten Besetzung gehören, hat viele Gründe. Sicher ist, der Kampf um Quote, Förderprogramme und Gleichberechtigung hat sich gelohnt; Frauenrechtlerinnen wurden selten geliebt, eher als „Emanzen“ ertragen. Die heutige Generation profitiert. Sie ist gut ausgebildet, selbstbewusst und setzt aufs Vollprogramm: Karriere plus Kinder. Auch damit verändern sie die Regeln. Da weder Politik noch Wirtschaft künftig auf Frauen verzichten können, müssen sie und nicht die Bewerberinnen beweisen, dass beides geht. Das Leitbild des Managers mit mindestens 60 Wochenstunden ist out, verkündet – ein wenig voreilig – die Familienministerin.

Muss man sich jetzt um die Jungs sorgen? Die Familienministerin tut es. Sie wünscht sich mehr Männer als Erzieher in Kindertagesstätten; Gleichstellungspolitik, sagt sie, dürfe nicht mehr einzig auf Mädchen ausgerichtet sein. Man kann darüber streiten, warum Männer bislang den Beruf der „Kindergärtnerin“ scheuen. Aber richtig ist: Jungs – nicht nur der kleine Mustafa – brauchen Vorbilder, die ihnen zeigen, dass es nicht uncool ist, wenn ihnen ein Mann die Nase schneuzt oder mit ihnen im Sandkasten spielt.

In der CDU wurde Angela Merkels Spitzname „Mutti“ geprägt. Man muss ihre Politik nicht gut finden, aber mütterliche Unbedarftheit hätte nicht gereicht, um im Kanzleramt anzukommen. Wenn ernst genommen wird, was frau sagt, ist Gleichheit mehr als ein Versprechen. Darum jedoch, so klagen Politikerinnen, müssen sie immer noch kämpfen.

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Artikel vom 23.07.2010 - 20.49 Uhr
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