Kommentar
Immer hinter ihmVon Matthias Koch
Es war Christian Wulff, der einst mit Blick auf die Bundeskanzlerin das Gleichnis vom Schäfer bemühte. Angela Merkel, sagte Wulff, „führt die Herde von hinten“. Damals, Wulff war noch Ministerpräsident, gab es bundesweit eine Debatte über die Kanzlerin: Führt sie genug? Muss sie nicht klarer die Richtung bestimmen? Warum schreitet sie nicht beherzt voran? Heute ist es Wulff selbst, der Merkels Führungsfähigkeit auf die Probe stellt. Wie soll die CDU umgehen mit dem angeschlagenen Bundespräsidenten? Das Führen von hinten, das weiß man, hat Vor- und Nachteile. Einerseits sichert es den Zusammenhalt; dem von hinten führenden Schäfer geht kein Schaf verloren. Andererseits kann das Führen von hinten an Wegscheiden unerquickliche und uneindeutige Situation schaffen. Was also tun? Losrennen und dem zögernden Rest zurufen, wo es lang geht? Merkel blieb bedächtig. Sie weiß: Wer in einer Umgebung voller Klippen und Abgründe von hinten führt, vermeidet ganz nebenbei auch Gefahren für sich selbst. Schon im wochenlangen Schweigen des Kanzleramts lag etwas Eisiges. Während zur Jahreswende die Debatten um Wulffs private Hauskredite fast täglich um ein neues Detail bereichert wurden, kam aus der Regierungszentrale kein Kommentar. Und als Merkel später doch etwas verlauten ließ, hörte sie sich vieldeutig an wie das Orakel von Delphi: „Wenn sich neue Fragen stellen, müssen neue Fragen beantwortet werden.“ Rat suchend blickten Leute im Publikum einander an: Was will sie uns damit sagen? Eine schwungvolle Verteidigungsrede zugunsten Wulffs geht anders. Zu groß ist bei Merkel die Verwunderung über Wulff und dessen seltsamen Wandel. Zu Zeiten der CDU-Spendenaffäre 1999 kämpften Merkel und Wulff noch Seite an Seite für den aufklärerischen Flügel innerhalb der CDU. Auch in den folgenden Jahren erlebte Merkel Wulff immer wieder als einen Ausleuchter von Grauzonen, etwa im Fall von VW und der dortigen Rotlichtaffäre. Kopfschüttelnd berichtete der damalige niedersächsische Oppositionschef Wulff einst über Verflechtungen zwischen dem Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer und dem einstigen Ministerpräsidenten und Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder. Und jetzt? Da nimmt Wulff von einem befreundeten Unternehmerehepaar einen 500 000-Euro-Kredit an und teilt dem Landtag mit, er habe keine geschäftliche Beziehung zu dem betreffenden Mann gehabt – nur weil nicht der Unternehmer selbst, sondern dessen Frau die Verträge unterschrieben hat. Hier zeigte Wulff eine Attitüde, die nichts mehr gemein hatte mit den früheren gemeinsamen Werten der CDU-Reformer, die Redlichkeit verlangten, Wahrhaftigkeit und Achtung vor dem Parlament. Wulff war weit vom Weg abgekommen. Und: Er sah dies anfangs nicht mal ein. Erst nach und nach scheint Wulff zu dämmern, dass sich die Aufregung der vergangenen Wochen nicht auf eine bloße Medienkampagne zurückführen lässt. Offen bleibt, ob Wulff nach dem ersten lähmenden Entsetzen über die Abgründe, die sich vor ihm auftaten, bald zu präsidialer Alltagstauglichkeit zurückfindet. Gestern gab es, erstmals seit sechs Wochen, ein Schulterklopfen von der Kanzlerin: „Unser Bundespräsident wird viele weitere wichtige Akzente für unser Land und unser Zusammenleben setzen.“ Wulff werden diese Worte nicht freuen. Denn er beginnt zu begreifen, dass er sich in der einst von ihm selbst beschriebenen Schafherdensituation wieder findet – und zwar nicht als Schäfer.
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