Kommentar

Gegen den Wind
Von Reinhard Urschel

Vor Jahren hat es in Niedersachsen einen klugen Kultusminister gegeben. Er hieß Werner Remmers von der CDU. Manche werden sich an ihn erinnern wegen seiner Sprüche. Einer hieß: „Reformen in der Bildungspolitik sind wie Pinkeln gegen den Wind. Man verschafft sich zwar Erleichterung – aber man macht sich auch die Hose nass.“

Remmers hatte es nicht leicht in seiner Partei. Er stand öfter gegen den Wind, weil er Reformen verteidigt hat, sogar die schlecht beleumundete Orientierungsstufe. Und er hat für die Gesamtschule gekämpft. In Hamburg stehen die Schulreformer der CDU und der Grünen seit Sonntag mit ziemlich feuchten Hosen da. Sie haben, gegen den offensichtlichen Willen der Elternschaft, eine Reform durchzudrücken versucht, weil sie ihnen notwendig erschien angesichts der mittelmäßigen Ergebnisse bei Pisa-Tests, des Rückgangs der Schulanfängerzahlen und des wachsenden Anteils von Schülern mit Migrationshintergrund.

Auch in Berlin (Rot-Rot), Hamburg (Schwarz-Grün) und im Saarland (Jamaika) wird derzeit an der Schulstruktur herumgebaut. In Nordrhein-Westfalen (nach Schwarz-Gelb nun Rot-Grün plus x) sollen Reformen rückgängig gemacht werden. Vorbild ist überall das skandinavische Modell, weil dort die Pisa-Elite zur Schule geht. Die Kinder werden fünf (Saarland) oder sechs Jahre (Berlin und Brandenburg) in einer Primarschule unterrichtet, darauf sollen möglichst nur zwei Säulen aufbauen. Das Zwei-Säulen-Modell ist nach der Wende in Mode gekommen, in Ostdeutschland ist es entstanden. Eine Säule ist das Gymnasium, das durch die Umstellung auf das G-8-Abitur ziemlich durchgerüttelt worden ist, die andere Säule heißt in Hamburg Stadtteilschule, in Berlin Sekundarschule, in Rheinland-Pfalz Realschule plus, in Sachsen Mittelschule. In Nordrhein-Westfalen sollen nach dem Willen der neuen Regierung bis 2015 möglichst 30 Prozent der weiterführenden Schulen in Gemeinschaftsschulen umgewandelt werden. Allen gemeinsam ist der Gesamtschulcharakter mit innerer Differenzierung. Jedoch erweckt das Ganze den Eindruck, dass jeder Kultusminister es besser machen will als sein Nachbar. In Wirklichkeit aber macht es nur jeder anders. Die Zeiten sind vorbei, da aus Hauptschulen Handwerker kamen, aus der Realschule Beamte und aus Gymnasien sich der akademische Nachwuchs rekrutierte. Weil Kinder für unterschiedliche Dinge begabt sind, unterschiedlich schnell lernen und mit unterschiedlichen Lernergebnissen zufrieden sind, müssen sie auf die unterschiedlichen Schultypen aufgeteilt werden. Wie das geschehen soll, wird umstritten bleiben, solange es unterschiedliche Kinder gibt. In Niedersachsen hat man das Aufteilen mit der Orientierungsstufe probiert, die einen über zwei Jahre gestreckten Übergang versprach. Das ging eine Weile gut. Mit dem Rückgang der Schülerzahlen und auf dem Land war die selbstständige OS am Ende. Die Eltern aus Hamburg haben jetzt gegen die sechsjährige Primarschule gestimmt, doch dieses Votum richtet sich weniger gegen das gemeinsame Lernen als gegen die fortdauernden Strukturreformen an den Schulen. Wenn man im Schulwesen einen Patienten sieht, dann muss man ihm mehr Ärzte und Pfleger, sprich Lehrer und Sozialarbeiter schicken. Die Kultusminister tun so, als ob es genüge, öfter mal das Krankenhaus umzubauen.

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Artikel vom 19.07.2010 - 19.33 Uhr
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