Kommentar
Eine neue Achse?Von Bernhard Bartsch
Angela Merkel ist in China mit einer Zuvorkommenheit behandelt worden, die ihresgleichen sucht. Chinas Ministerpräsident hat den Gast aus Berlin auch bei Stationen außerhalb Pekings begleitet, so etwas geschieht selten. Und er hat Merkel mit Geburtstagsgeschenken bedacht und sich an ihrer Seite einer halböffentlichen Diskussion gestellt. Dabei ist die Kanzlerin kein pflegeleichter Besucher. Anders als ihr politischer Ziehvater Helmut Kohl, der seinerzeit der deutschen Wirtschaft mit einem Kotau vor der Volksbefreiungsarmee Investitionsvorteile zu verschaffen suchte, kritisiert Merkel ihre Gastgeber, wenn sie Kritik für angebracht hält. Auch öffentlich.
Premier Wen Jiabao ärgert sich darüber, macht der Deutschen aber trotzdem den Hof. Denn für Peking ist Merkel mehr als nur die deutsche Kanzlerin, sie gilt vor allem als verlässlichste, einflussreichste Kraft in Europa. Das verschiebt die Gewichte in den Beziehungen mit dem Riesenreich. Die Chinesen werden sich davon kaum abhalten lassen, ihre eigenen Interessen auch künftig mit teilweise ruppigen Mitteln durchzusetzen. Doch die Annäherung ist vollzogen. Schon wird darüber nachgedacht, welches Potenzial eine Achse Berlin-Peking haben könnte. In vielen Fragen hätten beide Seiten ein gemeinsames Interesse, ein Gegengewicht zu den USA aufzubauen, etwa bei der Reform des internationalen Finanzsystems. Sogar ein gemeinsames Pilotprojekt zum zivilen Wiederaufbau in Afghanistan wird hinter verschlossenen Türen vorbereitet. Ob Deutsche und Chinesen wirklich eines Tages gemeinsam afghanische Polizisten, Richter oder Finanzbeamte ausbilden? Dann gäbe es, allen fortbestehenden Dissonanzen zum Trotz, eine zusätzliche Oktave auf der deutsch-chinesischen Tonleiter.
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