Kommentar
Blockierter IrakVon Daniel Alexander Schacht
Bringt unsere Jungs heim!“ Der Slogan amerikanischer Irakkriegsgegner ist längst eine weltumspannend populäre Forderung. Auch die islamischen Fundamentalisten im Iran stimmen mit ein und raten den US-Truppen im Irak zum Rückzug. Doch irgendwie wirkt es verdächtig, wenn sich iranische Mullahs einreihen wollen in die Riege der Friedensfreunde.
Kein Zweifel: Im Irak könnte sich vieles zum Besseren wenden, wenn man das Land nur endlich den Irakern überließe. Doch das muss dann für alle ausländischen Einflüsse gelten.
Wieso herrscht im Irak politischer Stillstand? Warum hat das Parlament in Bagdad, das erst drei Monate nach der Wahl zusammengetreten ist, bis heute keinen Präsidenten gewählt? Warum misslang die Regierungsbildung? Wer dies alles näher erforscht, entdeckt andere Ursachen als die US-Präsenz. „Bring our boys home“? Bei promptem US-Abzug würde das entstehende Vakuum genauso prompt gefüllt – von Kräften, die kein Interesse an einem stabilen Irak haben und die vom Iran munitioniert werden.
Ein Spielball fremder Mächte war der Irak gleichsam von Geburt an. Schon Winston Churchill, der ihn 1921 aus den Ruinen des Osmanischen Reiches formte, erwies sich dabei als gelehrsamer Schüler Macchiavellis: Die sunnitische Minderheit ließ er über die großen Gruppen der Schiiten und der Kurden herrschen, indem er deren Siedlungsgebiet so unter vier Staaten aufgeteilte, dass auch sie jeweils in der Minderheit blieben. Später waren es die Amerikaner, die den Irak unter Saddam Hussein zunächst bis 1988 gegen den Iran in Stellung brachten, bevor sie 1991 gegen den irakischen Überfall auf Kuwait und erst 2003 gegen Saddam selbst vorgingen. Weil die USA dazu die irakische Opposition einbinden mussten, sind sie , zu Mentoren eines irakischen Neustarts geworden.
Gegen einen Neustart aber steht der Einfluss des Irans. Mit blumigen Worten von „Freundschaft“ und „humanitärer Hilfe“ verbrämte Teheran seine militärische Unterstützung für eine Vielzahl schiitischer Milizionäre. Das militärische Kräftemessen setzt sich fort in der irakischen Innenpolitik. Bei der Wahl des irakischen Parlaments im März unterlag der iranfreundliche frührere Premier Nuri al-Maliki seinem Konkurrenten Ijad Allawi. Jetzt blockiert Maliki alle Bemühungen um eine Große Koalition.
Der für den Irak schädliche Stillstand ist für den Iran ein Wert an sich. Vor allem will Teheran, dass Bagdad nie wieder zum mächtigen Kriegsgegner wird. Auch wollen die Mullahs, denen Al-Maliki Aufträge in Milliardenhöhe beschert hatte, ihren ökonomischen Einfluss sichern. Und nicht zuletzt wäre für sie ein Nachbar, der mit Demokratie und Pluralismus der iranischen Opposition Flügel verleiht, gleichsam der größte anzunehmende Unfall.
Eine Chance, den iranischen Einfluss einzudämmen, liegt im wachsenden irakischen Nationalbewusstsein der irakischen Schiiten. Bei der jüngsten Wahl haben extremistische und gewaltbereite Schiiten weniger Rückhalt bekommen als zuvor. Gemäßigte Kräfte zu stärken ist freilich eine Aufgabe, die sich nicht unter dem Termindruck eines hastigen Truppenabzugs bewältigen lässt. Der Versuch, die US-Truppen allzu schnell abzuziehen, könnte geradewegs in ungeahnte neue Kampfeinsätz münden.
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