Kommentar

Arm und krank
Von Susanne Iden

Kein Wort ist im Zusammenhang mit Aids so viel benutzt worden wie das Wort von der modernen Geißel der Menschheit. 29 Jahre nach dem Auftauchen der Krankheit in den USA wissen wir: Aids ist mitnichten die Geißel der Menschheit – es ist die Geißel der Armen. Mehr als 21 Millionen der 32 Millionen HIV-Infizierten leben in Afrika; allein in Südafrika, einem der fortschrittlichsten Länder des Kontinents, sterben jeden Tag 800 bis 1000 Menschen an Aids. So viele wie in Deutschland in einem ganzen Jahr.

Aids hat drei Verbündete: Armut, Verzweiflung, Gleichgültigkeit. Am schlimmsten wütet die Seuche, wo diese drei sich zusammentun – in Afrika, aber seit Neuestem auch in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Armut, Verzweiflung, Gleichgültigkeit – ein Code, der nicht zu knacken ist? Bis Freitag tagt in Wien die 18. Weltaidskonferenz, und es gibt nicht nur schlechte Nachrichten. Da berichten Mediziner von erfolgreichen Tests mit einem antiviralen Gel, das Frauen vor der Übertragung des Virus durch ihre Partner schützt. Da berichten die Vereinten Nationen, dass die Ansteckungsrate in den 15 am stärksten betroffenen Staaten zurückgegangen ist, teilweise um 25 Prozent. Die vielleicht wichtigste Zahl verbreitet die Weltgesundheitsorganisation: Seit 2003 hat sich die Zahl der HIV-Infizierten, die lebensrettende Medikamente bekommen, auf 5,2 Millionen verzwölffacht. Doch für jede gute Nachricht gibt es auch eine schlechte. Oder gleich zwei. Bei afrikanischen Jugendlichen sind die Aufklärungskampagnen angekommen; eine neue Generation wächst heran. Sie weiß, wie sie sich schützen kann, sie nutzt dieses Wissen und fordert von ihren Regierungen eine aufgeklärte Gesundheitspolitik. Viel zu viele junge Menschen in den Staaten Osteuropas und Zentralasiens aber sind alleingelassen. Etwa ein Drittel aller weltweiten Neuinfektionen betrifft Kinder und Jugendliche in den GUS-Nachfolgestaaten. Heroin ist in vielen zentralasiatischen Republiken billiger und leichter zu bekommen als Alkohol – aber europäische Selbstverständlichkeiten wie saubere Spritzen oder gar Drogenersatzprogramme, die die Ausbreitung des HI-Virus stoppen könnten, gibt es nicht. Wo sollten sie auch herkommen? Aus unterfinanzierten Gesundheitsbudgets? Dann schon eher aus dem „Global Fund“, dem größten Geldgeber im Kampf gegen Aids. Doch der hat immer weniger zu verteilen. Die reichen Staaten werden knauseriger. Sie wissen, dass die Anti-Aids-Programme dort, wo sie am meisten gebraucht werden, fast zur Gänze von internationaler Finanzierung abhängig sind. Trotzdem wird der „Global Fund“ in diesem Jahr zwölf Prozent weniger zur Verfügung haben; die USA, Irland und die Niederlande haben ihre Zusagen reduziert. Deutschland erwägt, seinen Beitrag von 150 auf 50 Millionen Euro herunterzufahren. Es würde die Arbeit von zehn Jahren zunichtemachen. Denn: Es hat nie ein besseres Instrument gegeben. So bezahlt der Fonds die Therapien fast aller der drei Millionen afrikanischen Aids-Patienten, die lebensverlängernde Medikamente erhalten. Kostenpunkt pro Person: ein Euro am Tag. Zu viel? Oder sollte es gar nicht am Geld liegen – sondern an Gleichgültigkeit bei den Davongekommenen? Dank moderner Therapien können die meisten der 67 700 Infizierten in Deutschland ein fast normales Leben führen. Ein Leben, wie es Millionen HIV-positiver Afrikaner auch möglich sein könnte – für einen Euro am Tag.

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Artikel vom 20.07.2010 - 20.41 Uhr
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