Aktuelles Hessisch Oldendorf
Über einen ganz und gar nicht gestrigen Sport Von Annette Hensel
Rohden/Welsede. Wenn ich bei meiner Konfirmation das Geld zusammenbekomme, möchte ich mir ein Luftgewehr kaufen“, sagt Bianca Glinke, die das Außergewöhnliche reizt. „Beim Schießen kann ich alles vergessen, weil ich mich so konzentrieren muss, und das ist ziemlich befreiend“, schwärmt sie. Nach einer Ferienpassaktion begann ihr Bruder Tobias beim Schützenverein Roden mit dem Schießen, Bianca folgte im Herbst 2007 und bewies gleich Talent. Nur mit Einwilligung ihrer Eltern durfte sie gemäß den Jugendschutzbestimmungen mit dem Luftgewehr schießen, trumpfte auf, belegte 2009 in der Landesschülerrangliste im Endkampf den dritten Platz. Mittlerweile schießt die Hessisch Oldendorferin in der Jugendklasse, gehört zum erweiterten Landeskader. Da sie im Dezember 14 wurde, darf sie auch mit Kleinkaliberpistole und Armbrust trainieren, nimmt im März an einem Sichtungsschießen für den Nationalkader Armbrust teil. „Der Erfolg und mein Trainer Uwe motivieren mich“, sagt Bianca. Mit zwei Mädchen aus Ohr, die sie im Kreiskader kennen lernte (“sie sind jetzt meine besten Freundinnen“), bildet sie eine Wettkampfmannschaft, die Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft ist ihr Ziel. Die Kehrseite der Medaille: Manche sagen schon mal: „Ey, Bianca, nicht, dass du hier einen Amoklauf planst…“
Ereignisse wie der Amoklauf von Winnenden schüren das Bild von schießwütigen Schützen, rufen Verschärfungen des Waffengesetzes hervor, obwohl Regeln und Vorschriften im Schießsport bereits streng sind. Der sportliche Schießbetrieb der im 19. Jahrhundert aus Bürgerwehren entstandenen und Anfang der 50er Jahre wieder zugelassenen Schützenvereine steht unter Aufsicht des Deutschen Schützenbundes.
Friedel Koch, Ehrenvorsitzender des SV Rohden, erinnert an den ersten Aufschwung 1970 durch die Gründung der Damenriege. 1983/84 musste das Vereinsheim erweitert werden: Mit 40 Jungschützen war von Nachwuchssorgen keine Rede. „Man muss die richtigen Leute haben, das kann man nicht lernen“, fügt Koch hinzu. Heute erledigt Jugendleiter Uwe Hoff den laut Klaus Römmer „arbeitsintensivsten Job des Vereins“. Die Anschaffung eines Lichtpunktgewehres, der ersten Laseranlage im Stadtgebiet, ermöglicht auch Kindern unter zwölf Jahren zu schießen. „Sie müssen von Anfang an dabei sein, sonst sind sie in anderen Sportvereinen“, betont Römmer, der dem SV vorsteht. Knapp 20 Jugendliche trainiert Uwe Hoff, sie sind auf Landesmeisterschaften vertreten und tragen zu Erfolg und Sicherung des Vereins bei. Die traditionelle Präsentation der Rohdener Schützen fällt jedoch aus: Schützenfest, Schützenball und Königsschießen sind mangels Interesse, durch hohe Auflagen und Kosten eingeschlafen.
In der Kernstadt waren Bürgerschützenfeste bis Ende der 80er Jahre ein gesellschaftliches Ereignis, heute gibt es sie nicht mehr. „Da identifizierten sich die Leute noch mit ihrer Stadt“, erklärt Heiner Amelung. Der frühere Vorsitzende des SV Hessisch Oldendorf erinnert an Platzierungen von Jungschützen bei Deutschen Meisterschaften, heute fehle die Jugend. „Der Verein dümpelt vor sich hin, überaltert, hat keinen Jugendtrainer“, resümiert er. Die zweite Vorsitzende Christa Gerber, seit 40 Jahren im Verein, an dem sie die Geselligkeit so schätzt, nennt Zahlen: Statt 300 zur Blütezeit habe der Verein heute lediglich 50 Mitglieder.