Dossier Fußgängerzone

„Unsere Produkte sind frei von Zwangsarbeit“

Hameln (ni). Kinder, die gegen einen Hungerlohn schwere Steine schleppen, ausgemergelte Zwangsarbeiter, die sieben Tage in der Woche 16 Stunden lang schuften müssen – damit sich die Stadt Hameln chinesischen Granit für die Pflasterung des Pferdemarktes leisten kann? „Nein“, sagt der Erste Stadtrat Eckhard Koss und wehrt sich gegen den Vorwurf, die Stadt unterstützte mit ihrer Stein-Wahl die Ausbeutung von Zwangsarbeitern und Kindern in der kommunistischen Volksrepublik. „Nein“, versichert auch das Diepholzer Unternehmen, das den Granit für die Hamelner Fußgängerzone aus China importiert und gegenüber der Stadt schriftlich erklärt hat, „dass unsere Produkte frei von Kinder- und Zwangsarbeit sind“.

Der Geschäftsführer der Firma ist zwar bereit, mit der Redaktion zu sprechen, besteht jedoch darauf, dass weder sein Name noch der des Unternehmens in der Zeitung erscheinen. „Das halten wir grundsätzlich so“, so die Begründung. Das Unternehmen handelt mit Natursteinen und pflegt laut Aussage des Geschäftsführers seit 15 Jahren Geschäftsbeziehungen zu seinen chinesischen Partnern. „Wir arbeiten nur mit großen Werken zusammen, legen viel Wert auf langfristige Zusammenarbeit und vernünftige Arbeitsbedingungen“, sagt er. Deutsche und Mitarbeiter der Firma seien ständig vor Ort. „Sie leben in China, kontrollieren die Qualität der Ware und auch die Arbeitsbedingungen.“ Bei einer auf gute und dauerhafte Zusammenarbeit angelegte Kooperation verbiete sich „ausbeuterisches Geschäftsgebaren“ von selbst. Ganz abgesehen davon, könnte er es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren und „entspräche es auch nicht unserer Firmenphilosophie“, so der Geschäftsführer.

Er hat die Partnerbetriebe in der Provinz Shandong selbst auch schon mehrfach besucht hat.

Weder in den Steinbrüchen noch in den Fabriken, in denen die aus dem Fels gebrochenen Steine weiterverarbeitet werden, seien Zwangsarbeiter oder Kinder beschäftigt, versichert er. Dass die Arbeit der Menschen „nicht einfach sei“ räumt er ein, „aber das ist die Arbeit in deutschen Steinbrüchen auch nicht“.

Dass ein Unternehmen auf langfristige Geschäftsbeziehungen mit festen Partnern in China setzt und den Markt nicht immer nur nach den gerade billigsten Angeboten abgrast, ist für Dr. Heinecke Werner „schon mal ein gutes Zeichen“; aber noch keine Garantie dafür, dass die gesetzlichen Bestimmungen für Beschäftigung und Arbeitsschutz, die es in China durchaus gibt, in der Praxis auch eingehalten werden. Werner ist Entwicklungshilfe-Experte, hat sowohl für Nicht-Regierungs-Organisationen als auch für das deutsche Entwicklungshilfeministerium gearbeitet und ist dabei zu der Überzeugung gekommen, „dass Unternehmer die besseren Entwicklungshelfer sein können“. Vor zehn Jahren gründete er selbst ein Unternehmen: „Win=Win“, die „Agentur für globale Verantwortung, die maßgeschneiderte Projekte für multinationale Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern entwickelt, sie bei der Umsetzung begleitet und auch Fördergelder beschafft.“ Aspekte wie Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung, Umwelt- und Ressourcenschutz stehen dabei genauso im Fokus wie die kommerziellen Interessen der Unternehmen. Ein noch junges Kind der Agentur, das erst dabei ist, laufen zu lernen, heißt „Fair Stone“. Vor zwei Jahren aus der Taufe gehoben, soll sich „Fair Stone“ zu einem Gütesiegel für Natursteinimporte aus Asien, Afrika und Indien entwickeln, das für die Einhaltung internationaler Sozial- und Umweltstandards in den Steinbrüchen und weiterverarbeitenden Betrieben in Entwicklungs- und Schwellenländern steht.

„Unser Ziel ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der globalen Natursteinindustrie“, erklärt Werner. Importeure, die mit dem Logo Fair Stone werben wollen, müssen „schriftliche Erklärungen von den Managern der Steinbrüche und Fabriken beibringen, in denen sie sich verpflichten, den Fair-Stone-Standard schrittweise umzusetzen“. Für jedes Jahr müssen Etappenziele festgelegt werden, nach drei Jahren muss der Standard hinsichtlich Schutzmaßnahmen im Gesundheitsbereich, Einhaltung der Menschen- und Arbeitsrechte, Schutz der Umwelt sowie nachhaltigem Management erreicht sein. Mitarbeiter der Agentur kontrollieren inzwischen bei unangemeldeten Besuchen in den Steinbrüchen und Betrieben, wie es um die Umsetzung der anvisierten Verbesserungen bestellt ist. Einige Importeure, die sich zurzeit noch mit dem Fair-Stone-Logo schmücken, „werden wir in diesem Jahr abmahnen müssen, weil nix passiert ist“, sagt Werner. „Die werben nur mit unserem Logo, aber tun nichts, um die Lebensbedingungen der Arbeiter im Sinne von Fair Stone wirklich zu verbessern.“

Der Diepholzer Importeur findet es „im Prinzip gut, dass es Leute gibt, die sich um solche Dinge kümmern“. Fair-Stone-Partner ist er trotzdem nicht geworden. Zum einen, weil es ihm missfällt, dass die Vergabe eines Gütesiegels für fair gehandelte Steine in der Hand eines kommerziellen Unternehmens wie „Win=Win“ liegt und nicht bei einer neutralen Instanz wie etwa der Industrie- und Handelskammer. Zum anderen, weil er Absichtserklärungen auf Papier und gelegentlichen Kontrollen nicht ganz so viel Bedeutung beimisst. Der Geschäftsführer: „Ich glaube, wir passen besser auf; weil wir ständig vor Ort sind und dauerhaft kontrollieren“. Seinen eigenen Mitarbeitern traut er denn doch mehr als einer Agentur, die mit der Zertifizierung schließlich auch Geld verdienen wolle. Würden Handelskammer, Unicef oder eine andere unabhängige Organisation ein solches Gütesiegel vergeben, sagt er, „dann würden wir das nicht nur begrüßen, sondern uns auch darum bemühen“.

Artikel vom 18.03.2010 - 19.00 Uhr
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