Hameln
Protest: „Hameln brennt“ für bessere BildungHunderte von Schülern und Studenten protestierten vor zwei Wochen in Hildesheim. Das soll auch in Hameln so kommen. Foto: Dana
Hameln (tk). Eine Ikone wie Rudi Dutschke haben die Tausende Schüler und Studenten, die seit Wochen auf die Straße gehen, nicht. Die „führenden Köpfe“ des Bildungsstreiks – die gegen Studiengebühren und schlechte Lernbedingungen kämpfen – sind kaum auszumachen – auch weil die Netzwerke immer anonymer werden und im Internet agieren. In kürzester Zeit werden dort neueste Entwicklungen in Foren kommuniziert – meist unter Pseudonymen. Auch eine Hamelner Gruppe geht jetzt in die Offensive und beteiligt sich am Bildungsstreik.
Seit sich Simon Jonski für bessere Bildung engagiert, erreichen täglich mehr als 100 Mails sein Postfach. Einmal in der Woche trifft sich der Hamelner mit seinem Orga- Team in der Sumpfblume – zur Besprechung. Ansonsten regelt er alles online. Woher bekommen wir eine Bühne, wo soll der Marsch verlaufen, wer sind unsere Ansprechpartner? Das alles muss geklärt werden. Bevor am 11. Dezember die Demonstration losgeht.
Simon ist 23 Jahre. Bis vor kurzem war er noch Mitglied der CDU, dann hatte er die Nase voll. Den Weg konnte er nicht mehr mitgehen. Jetzt ist er Pirat. Im Internet nennt er sich Szymek. Er ist einer der Macher des Bildungsstreiks, zumindest in Hameln.
Was er von den Schülern hört und selbst in der Schule erfahren hat, zwinge ihn zum Handeln. „Die Situation an den Schulen wird immer schlechter“, sagt er. Die Probleme reichten von einem akuten Lehrkräftemangel über zu hohe Kosten für den Schulweg bis hin zu „der großen Unzufriedenheit mit dem Abitur nach zwölf Jahren“. Neulich erst habe er eine Mail bekommen, in der ein Schüler schrieb, dass sie ein Brett über das Waschbecken in der Klasse legen mussten, weil nicht genug Platz für alle Schüler dagewesen sei.
Simon hat deshalb zusammen mit Schülervertretern die Aktion „Hameln brennt – Initiative für bessere Bildung“ gegründet. Sie wollen einen Bildungsstreik und in Hameln auf die Straße gehen. Eine Homepage existiert auch schon. Darauf beschreibt er die Forderungen der Initiative und wendet sich an Schüler, Eltern und Lehrer, mit dem Appell, die Anstrengungen zu unterstützen.
Er hat eine ganz konkrete Bitte: möglichst viele Leute sollen am 11. Dezember zwischen 12.30 und 16.30 Uhr laut, bunt, schrill und kreativ sein. Dann sollen alle Schüler der weiterführenden Schulen, in drei Demonstrationszügen gemeinsam zum Rathausplatz ziehen und für ihr Recht auf Bildung pochen. „Wir demonstrieren, um zu zeigen, dass wir mehr als eine Handvoll sind“, sagt Simon. Er glaubt an die Jugend und daran, dass sich die Schüler für das politische und gesellschaftliche Leben einsetzen wollen. Und damit auch für ihre eigenen Chancen.
Die Resonanz auf ihre Aktion ist jetzt schon riesig. Auf der Internetplattform SchülerVZ haben sich in zwei Tagen 160 neue Mitglieder in die Protest-Gruppe eingetragen. „Die Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert wie ein Lauffeuer.“ Simon ist selbst überrascht. Im Internet mache „Hameln brennt“ die Runde. Jonski pokert deshalb hoch. Mit 400 bis 600 Demonstranten rechnet er. Eben hat Simon mit der Bildungsstreik-Gruppe der Universität Göttingen telefoniert, um sich über rechtliche Dinge zu informieren. Später spricht er noch mit den Hamelner Jusos – auch sie haben ihre Hilfe angekündigt. Die Initiative habe sich lange Gedanken gemacht, woran es in den Schulen krankt. Ihre Kritik sei nicht aus der Luft gegriffen, sie sei das Ergebnis der Erfahrungen, die die Schüler täglich machen, sagt Simon.
Die Gruppe hat ein Forderungspapier verfasst. 13 Punkte stehen darauf. Sie fordern die Abschaffung des Abiturs nach zwölf Jahren, auch die Raumnot in den Schulen müsse dauerhaft gelöst werden. Sie kritisieren die mangelhafte Unterrichtsversorgung, wegen zu weniger Lehrkräfte; das der Schulweg selbst bezahlt werden muss, „ist ein Unding“.
Dass es mit der deutschen Bildungspolitik soweit kommen konnte, dafür machen sie die Kraft des Marktes verantwortlich. „Bildung befindet sich weltweit im Wandel. Das humanistische Ideal einer zur kritischen Reflexion befähigenden, gemeinwohlorientierten Bildung wird zurückgedrängt. Stattdessen wird Bildung den Bedürfnissen des Marktes angepasst und damit selbst mehr und mehr zur Ware.“
Noch unabsehbar ist allerdings die Wirkung solcher Proteste. Auch die großen Demonstrationen blieben bisher ohne nennenswerte politische Folgen. Allein in Hildesheim gingen vor zwei Wochen 700 Schüler und Studenten aus dem gesamten Bundesgebiet auf die Straße. Wie soll es da erst im Kleinen sein? Auch darüber hat Simon nachgedacht und eine Position gefunden. Er ist sich der Tatsache bewusst, dass viele der Forderungen nicht in den Verantwortungsbereich der städtischen Verwaltung fallen. „Jedoch entbindet dies die lokale Politik und Verwaltung nicht davon, die Forderungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu stärken und umzusetzen“.
Mehr Informationen unter: www.hamlenbrennt.de.