Hameln
Felix und der „Grand Prix der Literatur“Von Alda Maria Grüter
Hameln. Entspannt die Atmosphäre, und leistungsstark sei die Arbeit der Schüler der Bundesjury gewesen. Da habe mehr die Gruppendynamik im Vordergrund gestanden – das Ziel: ein Produkt zustande zu bringen, das gleichzeitig der Gemeinschaft, aber auch jedem einzelnen Schüler etwas bringt. Etwas anders war es zuvor auf der Landesebene abgelaufen: Puh, war die Konkurrenz da groß, erinnert sich Felix Schmidt an das Treffen der 19 Schüler, die als Vertreter für das Land Niedersachsen ins Rennen um den „Prix“ gingen:
„Jeder versuchte, zielbewusst seinen Standpunkt klar zu machen. Was ja verständlich ist, denn eins wollten wir ja alle – nach Leipzig fahren.“ Argumentieren und Debattieren über die vier im Wettbewerb um den „Prix des Lycéens allemands“ stehenden Bücher, in französischer Sprache, versteht sich – im Grunde kein Problem für die Gymnasiasten. Mit wenig prickelnder Ausdrucksweise oder gar Gezicke war man allerdings schnell mit seinem Latein am Ende. Wer hingegen mit feinem Französisch überzeugte, hatte gute Karten für die Teilnahme an der Entscheidung auf Bundesebene, die im Rahmen der Leipziger Buchmesse ausgetragen wurde. Und der Glückliche, auf den die Wahl bei diesem „Grand Prix der Literatur“ fiel: AEG-Schüler Felix Schmidt. „Ich habe versucht, mich mit der Qualität meiner Argumente zu profilieren und nicht durch die Lauter-Weiter-Schneller-Strategie“, sagt der 17-Jährige aus dem Französisch-Kursus auf erhöhtem Niveau des Jahrganges 11. Nicht zuletzt sei der Erfolg auf die gute Vorbereitung im Unterricht von Lehrerin Bettina Schröder-Brautlecht zurückzuführen. „Ich war schon erstaunt über das hohe Niveau des AEG im Vergleich zu anderen Schulen. Wir sind da wirklich gut aufgestellt.“ Schon mehrmals hat sich das Hamelner Gymnasium am „Prix des Lycéens allemands“ beteiligt, der deutschen Version des in Frankreich renommierten „Prix Goncourt des Lycéens“, eine Initiative der Kulturabteilung der französischen Botschaft, der französischen Kulturinstitute in Deutschland (Instituts français), der Kultusministerie der Bundesländer sowie des Ernst-Klett-Verlages und der Leipziger Buchmesse. Erstmalig aber hat das AEG jetzt Niedersachsens Gymnasiasten auf Bundesebene vertreten.
Den „Prix“ gibt es bereits seit Oktober 2004. Damals nahmen 200 Gymnasien bundesweit teil, 2010 waren es schon 343. Statt renommierter Literaturkritiker, Feuilletonisten und Verlagslektoren entscheiden Oberstufen-Schüler über die Vergabe, zeichnen damit den besten französischen Jugendroman des Jahres aus. Deutsche Gymnasiasten lesen ausgewählte zeitgenössische Titel und entscheiden in mehreren Wahlgängen über das ihrer Ansicht nach beste Werk. Dieses erhält vom Klett-Verlag ein Preisgeld von 5000 Euro, die zweckgebunden für die Übersetzung des Gewinnertitels in die deutsche Sprache zu verwenden sind. Dieses Buch steht dann in den meisten Jugendbuchabteilungen deutscher Bibliotheken. Zudem erscheint im Klett-Verlag eine annotierte Ausgabe in französischer Sprache für den Fremdsprachenunterricht.
Für den Autor des Gewinnertitels handelt es sich also um eine lukrative Angelegenheit. Doch was bleibt den deutschen Schülern außer Ruhm und Ehre, einem Tag unterrichtsfrei, freiem Eintritt zur Leipziger Buchmesse und dem Privileg einer Übernachtung in einem schönen Hotelzimmer, das man – wie im Fall von Felix Schmidt, weil eben der einzige männliche Vertreter unter der 16-köpfigen Bundesjury – nicht einmal teilen muss? „Es ist eine große Herausforderung, Jugendbücher zu lesen, die für französische Leser konzipiert wurden“, sagt Felix. Man erhalte außerdem Einblick in das in Frankreich sehr populäre Verfahren der Literaturwahlen, von denen es rund zehn bekannte gebe. Auch können die Schüler zeigen, dass sie in der Lage sind, neben dem normalen Französisch-Unterricht vier komplette Werke in der Fremdsprache zu lesen, darüber zu diskutieren und eine begründete Entscheidung bezüglich der Qualität zu treffen. Derartige außerschulische Lektüre zu erarbeiten, würde den eigenen Wortschatz erweitern, und in der Diskussionsfähigkeit würde man richtig sattelfest, meint Felix. Und, klar, sei man auch stolz darauf, mit zu entscheiden, wie ein Buch den Weg von Frankreich in deutsche Buchhandlungen und letztlich in den Unterricht schafft. Trotz zweier straffer Arbeitstage: „Man trifft interessante Menschen, kommt ins Gespräch mit Gleichaltrigen und Autoren und trifft Persönlichkeiten wie den Botschafter“, erzählt Felix. Der Gewinner-Titel „La Tête en friche“ von Marie-Sabine Roger sei übrigens sehr „gehaltvoll, parce que une amitié peut dépasser tous les obstacles“, hatte Felix als Argument gebracht. Und apropos Hindernisse überwinden: „La Tête en Friche“ (der brachliegende Kopf) erzählt von einem 45-jährigen Hilfsarbeiter, der durch die Freundschaft zu einer 86 Jahre alten Dame beginnt, sich fürs Lesen zu interessieren...
Hat Niedersachsen in Leipzig vertreten und interessante Begegnungen gehabt: Felix Schmidt vom Hamelner Albert-Einstein-Gymnasium.
Foto: amg