Hameln

Bodypainting: Wenn der Körper zur Leinwand wird . . .
Von Karin Rohr

Metamorphe Wesen – die Grenzgängerin zwischen Tür und Mauer (li.), die Marmorstatue (o.) und die stromlinienförmige Catwoman (Foto: Rafael Melson). Bodypainter Jörg Düsterwald, der Deutsche Meister von 2008, sorgt mit seiner Körperkunst im In- und Ausland immer wieder für Aufsehen.

Hameln. Mit Fünf wurde er eingeschult: „Weil ich das schönste Bild gemalt hatte“, meint er lachend. Schon damals gab’s den Draht zur Kunst. Heute bestimmt sie sein Leben. Mit Bodypainting-Projekten sorgt Jörg Düsterwald für Aufsehen. Nicht nur in Deutschland. Nebenbei gestaltet der kreative Hamelner Wände und Fassaden, malt Porträts, arbeitet an Objekten und Körperskulpturen, macht Aktfotos. Aber es sind seine kunstvollen Darstellungen auf menschlicher Haut, die so viele fesseln und verblüffen. Wann immer Düsterwald in aller Öffentlichkeit Körper bemalt, ist er umringt von Menschen.

„Gestalter“ nennt sich der Künstler bescheiden, dabei ist er seit 2008 amtierender Deutscher Meister im Bodypainting, da es seither auf Bundesebene keine weiteren Wettbewerbe gegeben hat. „In Norddeutschland bin ich ein absoluter Exot“, meint er. Klar, erfunden hat er das Bodypainting nicht, aber er hat es zur Vollendung gebracht. „Ich hab’s mal gesehen, fand’s spannend und hab’s dann selbst ausprobiert“, erzählt der 48-Jährige. Längst beherrscht er die Technik perfekt. Keine einfache Sache; denn: „Der Körper ist eine lebendige Leinwand“, erklärt Düsterwald: „Das heißt, man muss dreidimensional arbeiten. Und das ist immer schwierig, umzusetzen.“

Die Waldfee, die zwischen Farnen abtaucht. Die Schlangenfrau, die einem lebenden Reptil Konkurrenz macht. Der Erdgeist, der zur Wurzel erstarrt. Die Catwoman, die mit dem Auto auf Tuchfühlung geht. Oder die Grenzgängerin zwischen Mauer und Tür, die mit ihrem Hintergrund verschmilzt. Sie alle sind metamorphe Wesen, kunstvolle Inszenierungen aus Malerei, Vision und Dramatik – egal, ob es sich um eine Marmorstatue, eine Elfe oder eine Nixe handelt. Meistens sind es Frauen, die Düsterwald in Szene setzt. Als Bodypainter macht er zwar keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern, „persönlich favorisiere ich aber Frauen“, gibt er zu.

Oft wird der Hamelner für Messen engagiert, wie kürzlich bei der ABF, der großen Freizeitmesse in Hannover. Geschäftsleute buchen ihn für Präsentationen und Events; denn immer ist sein Live-Painting vor Ort ein Publikums-Magnet und eine kleine Sensation. Die Verwandlung eines Körpers in ein Kunstwerk hautnah mitzuerleben, bannt die Zuschauer. Nur die Grundierung wird backstage auf das Model aufgetragen: „Wir machen keine Strip-Show“, erklärt Düsterwald. Den Malprozess am lebenden Körper kann danach jeder mitverfolgen, muss aber Geduld und Ausdauer mitbringen: Fünf bis sechs Stunden dauert ein Projekt. Je nach Thema. Offen ist Düsterwald für fast alles: „Ich würde aber keine aggressiven, blutrünstigen Sachen malen“, schränkt er ein. Pornografische oder Gewalt verherrlichende Motive kommen auch nicht infrage: „Ich bin für das Ästhetische“, sagt er.

Längst hat sich der Hamelner, der in Hehlen aufwuchs, später bei Hertie eine Ausbildung zum Schauwerbegestalter absolvierte und danach an der Flensburger Werkkunstschule zum Techniker für Raumgestaltung und Innenausbau ausgebildet wurde, auch einen privaten Markt erobert. Seit 1993 arbeitet er selbstständig, hat sich in seinem Haus in Holtensen auf 50 Quadratmetern ein Atelier eingerichtet. „Nicht groß, aber es reicht“, sagt er und nennt seine Arbeit den „besten Job der Welt“: „Weil ich etwas Schönes mache, das mir gefällt. Weil eben genau das auch anderen Freude bringt. Und weil ich damit Geld verdiene“, listet der Künstler auf. Zwar sind die Bodypainting-Aufträge von Firmen und Geschäftsleuten in der Mehrzahl, zunehmend interessieren sich aber auch Privatpersonen für Düsterwalds Körperkunst. Vor allem Frauen. Das liegt nicht zuletzt in ihrer Natur begründet: „Sie schmücken und schminken sich und zeigen sich gern.“ Ihre Hauptmotivation: „Einmal in eine andere Haut schlüpfen“, sagt Düsterwald. Das gewünschte Motiv wird gemeinsam erarbeitet: „Natur spielt eine große Rolle“, so der Künstler. Viele Frauen tendieren zu Waldwesen oder Feen, Männer eher zu Fantasy-Figuren wie Spiderman und technischen Themen. Sie sind auch schwieriger zu bemalen, „weil sie mehr Haare haben.“ Die Farben, die Düsterwald aufträgt, sind kosmetisch geprüfte, professionelle Produkte – Farben, mit denen auch Maskenbildner arbeiten.

Dass das Körperkunstwerk, das unter seinen Händen entsteht, vergänglich ist, stört weder den Künstler noch seine Models: Schließlich werden von jeder Inszenierung Fotos geschossen. Vorgespräche, sagt Düsterwald, seien enorm wichtig. Nicht nur, um auszuloten, was der Kunde will, sondern auch, um Berührungsängste zu nehmen. In doppelter Hinsicht. Erotik? Ja, es darf knistern. „Die Fantasien finden zwischen Model und externem Betrachter statt“, sagt Düsterwald: „Man spielt damit, aber Erotik steht nicht im Vordergrund.“ Für ihn ohnehin nicht: „Bodypainting ist mein Job.“

Für Firmenaufträge greift Düsterwald gern auf Models zurück, die er schon lange kennt: „Wenn man weiß, wie der andere tickt, baut sich Vertrauen auf“, erklärt er. Und: „Sympathie ist wichtig, die Chemie muss stimmen.“ Denn Bodypainting-Projekte sind für Düsterwald Teamwork. Und die funktioniert, wenn Künstler und Model auf gleicher Wellenlänge schwimmen. Wie 2008 bei den Deutschen Meisterschaften in Mainz. Für ihn ein herausragendes Ereignis: „Es war das 15. Jahr meiner Selbstständigkeit. Und ich habe den Gewinn der Meisterschaft als Belohnung für mein gesamtes Schaffen gesehen. Für mich kann dieser Preis nicht mehr getoppt werden“, sagt Düsterwald. Zwar will er nicht ausschließen, dass es ihn irgendwann doch nochmal juckt, an einem Wettbewerb teilzunehmen, aber er stellt auch fest: „Um zu zeigen, dass ich etwas kann, muss ich mich nicht auf eine große Bühne stellen. Das kann ich auch hier.“

www.dewaldo.de

Wo immer er arbeitet, ist er umringt von Menschen: Für den „Tag der Niedersachsen“ in Hameln malte Jörg Düsterwald beim Mediamarkt einem Model das Niedersachsenross auf den Leib (li.). Jeder Pinselstrich muss bei der Elfe sitzen (re., Foto: Ulrich Keller).

Artikel vom 21.02.2010 - 19.00 Uhr
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