Hameln
Beim Sprung die „absolute Freiheit“ erlebenHameln (ll). „Für mich ist es mein Leben geworden“, sagt Jannis Hogrefe. Ein kühner Ausspruch, der dem 17-Jährigen da so ganz locker über die Lippen gleitet. Einen Hang zu extremen Sportarten hatte der junge Mann aus Hameln schon immer. Aber muss es denn ausgerechnet diese sein? „Auf jeden Fall“, stellt Jannis klar. „Für mich bedeutet sie absolute Freiheit.“
Jannis ist einer von etwa 20 jungen Leuten, die sich gerade auf dem Platz vor der Elisabeth-Selbert-Schule beim Aufwärmen befinden – Muskeln, Sehnen und Bänder auf die harte Belastung vorbereiten, die gleich unwiderruflich kommen wird. Kurze, aber intensive Dehnungen der Oberschenkel; zwei, drei Bahnen mit Sprüngen in der Hocke – es kann losgehen. Noch bevor die anderen wieder aufrecht stehen, ist Tim Wessel schon mit einem Satz auf den unteren Ast der prächtigen Linde gesprungen. Mit einer Hand hält er sich an dem dicken Zweig fest, seine spontane Aktion vermittelt eine unbändige Leichtigkeit.
Das, was diese jungen Menschen dort am Weserufer tun, nennt sich „Parkour“ – eine Sportart, die sich ausschließlich im Freien und vorzugsweise in der Stadt abspielt. Es geht dabei um die Überwindung von Hindernissen, die sich den Sportlern, sogenannten Traceuren, in den Weg stellen. Ob mächtige Linde, Sitzbank, Mülltonne, Mauer oder Brückengeländer – die Herausforderung für Traceure besteht darin, diese gegebenen Blockaden binnen Sekunden zu überspringen und zu überklettern. So rennen sie wie Wahnsinnige querfeldein oder treffen sich an besonderen „Spots“, Orten mit herausfordernden Hürden. Sie klettern, springen und gleiten über jedes noch so hohe Hindernis. Für Jannis Hogrefe, der schon als kleines Kind mit dem Mountainbike steile Hügel hinuntergedonnert ist und sogar an Downhill-Meisterschaften teilgenommen hat, ist Parkour Erfüllung. „Ich bekomme beim Parkour immer meinen Kopf frei“, meint der Jugendliche.
Der 18-jährige Tim Wessel ist in seiner Freizeit eigentlich Kunstturner. Bei den Aktionen als Traceur könne er lernen, die Grenzen des Alltags zu überwinden. Wenn er etwa durch die Hamelner Fußgängerzone spaziere, denke er oft „in Hindernissen“. „Ich sehe etwas und denke, da will ich hoch“, meint Tim. Die Turnerei komme dem 18-Jährigen beim Parkour entgegen, sagt er, insbesondere im Hinblick auf Kraft, Ausdauer und Körperspannung. Gleichwohl kann er seine Grenzen bei diesem ungewöhnlichen Klettersport gut einschätzen. „Die Grenzen sind da, wo mein Können aufhört“, sagt er. Weil er nur Hindernisse überwinden wolle, für die er sich „bereit fühlt“, Gefahren gut einschätzen könne und nicht bis ins Extreme ginge, betrachtet der 18-Jährige seinen Sport als ungefährlich. Größere Verletzungen habe er jedenfalls noch nicht davongetragen. Die rund vier Meter hohe Mauer an der Weserpromenade scheint auch kein wirkliches Hindernis zu sein. Im Nu hat Stephan Splettstößer die Barriere aus Stein mit drei langen Schritten erklommen und hängt nun an dem grün-blauen Geländer der alten Weserbrücke, über das er sich mit einem beherzten Satz schwingt. Splettstößer ist einer der Ältesten in der Hamelner Parkour-Gruppe, die sich „Urban Spirits“ nennt. Über Bekannte sei er vor ein paar Jahren durch einen Internet-Link aus England auf diese Sportart aufmerksam geworden. „Das war wie eine Offenbarung“, sagt der 28-Jährige. Seitdem sei er wie gefesselt von der Idee, dass alles überwindbar sein kann. „Man kann Dinge neu definieren“, meint Splettstößer. „Ich betrachte Hindernisse nicht als Hindernisse, sondern als Möglichkeit, sie spielerisch zu überwinden.“ Bis auf ein paar Kratz- und Schürfwunden, „die bei fast jedem Training normal sind“, hat auch er noch keine schwerwiegenden Verletzungen erlitten. In kurzer Zeit viel zu erreichen, das ginge nicht. Kontinuierliches Training sei erforderlich. „Und man sollte auf seine Ängste hören. Die Gefahren schaffst du dir nur selbst“, sagt Splettstößer. Einmal habe er nicht auf sein Bauchgefühl gehört, erzählt er, und sich ordentlich überschätzt. „Ich habe mitten über der Weser am Brückengeländer gehangen, und hatte keine Kraft mehr ans andere Ufer zu kommen.“ Die einzige Lösung: Loslassen und auf direktem Weg hinab ins kühle Nass. Während des Felgenfestes wird die Hamelner Parkour-Gruppe Einblicke in ihren Sport geben. Morgen ab 11 Uhr können Interessierte auf dem Gelände der Stadtwerke zuschauen und auch mitmachen.
Der Schwung übers Geländer ist für Stephan Splettstößer (Foto oben) eine leichte Übung. Auch beim Erklimmen der Mauer (Foto rechts Mitte) macht er nicht den Eindruck, als sei er überfordert. Was so einfach aussieht, ist nur durch hartes und kontinuierliches Training machbar: Tim Wessel (Foto rechts oben) beim Sprung über eine Sitzbank und beim Erklettern einer Linde (Foto rechts unten). Fotos: ll