Dossier Fußgängerzone

Baustelle bringt Café-Betreiber auf die Palme

Hameln (kar). Die einen befürchten Umsatzeinbußen, andere sind genervt durch den Krach, fast alle fühlen sich irgendwie in ihrem Arbeitsalltag beeinträchtigt und nicht jeder hat Verständnis für die Sanierungsmaßnahmen. Die Auswirkungen der Bauarbeiten am Pferdemarkt für die Fußgängerzonenerneuerung spüren die Geschäftsleute bereits nach einem knappen Monat.

„Es ist eine totale Katastrophe“, schimpft Reiner Schifferstein. Es sei so laut, dass die Gäste aus seinem sonst immer gut besuchten Bistro & Café am Pferdemarkt in Scharen wegblieben: „Bei über 20 Grad sitzen da manchmal nur zwölf Leute“, erregt sich der Gastronom. Er verzeichne 60 Prozent Umsatzeinbußen: „Ich werde wohl Personal abbauen müssen.“ Was Schifferstein auf die Palme bringt: „Bei mir hier ist seit Jahren Dauerbaustelle – erst war’s Kolle, dann die Stadt-Galerie und jetzt die Fußgängerzone.“

Bistro- und Café-Betreiber trifft’s derzeit am Pferdemarkt besonders hart, kommt zum Lärm doch auch der „wenig schöne Anblick“ dazu, wie Ceyda Kaya vom Coffeeshop Relax sagt. Auch sie beklagt Umsatzeinbußen, schätzt sich aber noch glücklich, „weil wir zu 90 Prozent Stammgäste haben und die bleiben uns treu“. Stimmt, aber: „Der Krach nervt“, bestätigen zwei junge Frauen, die hier regelmäßig ihren Kaffee genießen: „Man kann sich nicht richtig unterhalten.“ Trotzdem werden sie wiederkommen: „Hier gibt’s den Kaffee mit Sojamilch. Für Allergiker ist das ganz wichtig.“ Auf Touristen aber wird Relax-Chefin Kaya wohl vorerst verzichten müssen. Und bis Ende Juni auch auf den schönen Ausblick zum Pferdemarkt; denn solange werden die Bauarbeiten direkt vor der Tür des Coffeeshops nach Auskunft aus dem Rathaus noch dauern. Mithilfe eines Bohrgeräts wurden zunächst die Träger für eine Stützwand betoniert, bevor jetzt mit dem Aushub der Baugrube für die neue Trafostation begonnen werden kann, die bis Ende Juni dort versenkt werden soll. „Danach wird dann alles wieder schön“, hofft Ceyda Kaya. Beim Bäckerscharren auf der anderen Seite des Pferdemarktes, wo die zweite große Baustelle für eine neue Trafostation liegt, nimmt man den Baulärm als notwendiges Übel in Kauf; denn die Baugrube vor der Tür lockt Schaulustige: „Wir haben noch keine Kunden eingebüßt. Die kommen, um die Bauarbeiten zu beobachten“, sagt Heike Brauns. Beschwerden hat’s noch nicht gegeben: „Wir freuen uns auf die Zeit, wenn’s fertig ist.“

Wird hier die Baugrube zum Event, so sieht sie Martin Kummer vom Backwerk um die Ecke nur als Ärgernis: „Trotz unserer Stammkunden merken wir massiv, dass die Gäste wegbleiben.“ In der Souvenir-Branche wartet man noch ab, befürchtet aber, dass es durch die sanierungsbedingte Verlegung des Rattenfänger-Freilichtspiels und des Musicals „Rats“ zu Einbrüchen kommt. Viele Touristen decken sich nach den Aufführungen mit Hameln-Andenken bei Renner, Jesenko oder im Glas- und Spiegelstübchen ein. „Ob wir auch in dieser Saison sonntags weiter öffnen, müssen wir erst mal testen“, sagt Kai Renner. Im Brillen-Studio nebenan rechnet Heike Wille auch mit Umsatzeinbußen durch das Ausbleiben der Touristen: „Da wurde nach den Aufführungen schon die eine oder andere Sonnenbrille gekauft“, sagt sie.

Das Fehlen der Touristen werden auch die Bistros und Cafés zu spüren bekommen, sind sich die Betreiber sicher. „Wer weiß, ob die dann noch vom Bürgergarten zum Pferdemarkt kommen“, bezweifelt Heike Brauns vom Bäckerscharren, verspricht aber: „Wir werden weiter sonntags geöffnet haben.“

In der Bekleidungsbranche ist es vor allem der Baulärm, der gewaltig stört. „Wir müssen zeitweise die Tür zumachen, weil man sonst sein eigenes Wort nicht mehr versteht“, klagt Regina Kube von Ernsting’s Family. Das sei nicht gerade einladend. Bei Bandolera dürfen die Angestellten die Türen nicht schließen. Auch nicht gut: „Da haben sich Kunden schon über den Krach beschwert“, sagt Angelika Burek.

Keine Probleme mit Kunden, die wegbleiben, hat man im First Reisebüro: „Die kommen ja gerade zu uns, weil sie wegwollen“, sagt Michael Schulz. Der ständige Lärm zerre aber an den Nerven der Mitarbeiter. Und dass der schöne große Baum, der an der Ecke stand, für die Bauarbeiten gefällt wurde, gefällt der First-Mannschaft überhaupt nicht. „Da kommt aber wieder ein Baum hin“, verspricht Stadtsprecher Thomas Wahmes und fügt hinzu: „Eine Linde, die im Stadtklima gut gedeiht. Und die soll auch richtig groß und stattlich sein.“

Vorerst aber heißt es, sich in Geduld üben, bis die Sanierungsarbeiten im ersten Bauabschnitt zur Fußgängerzone abgeschlossen sind: „Aber alles wird so schnell wie möglich über die Bühne gehen“, wirbt die Stadt um Verständnis.

Trotzt dem Baustellenlärm: Sebastian Dommes beim Kaffeetrinken direkt am Bauzaun. So entspannt wie er sind andere Cafébesucher nicht – sie trinken ihre Tasse Kaffee lieber woanders. Foto: Dana

Artikel vom 03.05.2010 - 19.00 Uhr
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