Aktuelles Bodenwerder
Da perlen die Töne nur so in den SaalVon Sabine Weiße
Buchhagen. „Entweder: Augen zu und genießen. Oder: Augen auf, dann aber den Mund zu und genießen.“ Gastgeber Werner Lämmerhirt verspricht, nachdem er mit seinem Liebeslied „Am Strand“ die 9. „Nacht der leisen Töne“ der Kunst- und Kulturinitiative „Kultini“ eröffnet hat, nicht zu viel.
Mit dem Gitarristen Joscho Stephan und dem überraschend mitangereisten Pianisten Rudi Linges stellen sich im Lennetal zwei erstklassige Musiker vor, die auf internationalen Bühnen zuhause sind. Ihr Programm für die gut 150 Gäste an diesem Abend: ein interessanter Mix aus Jazz-Klassikern („Summertime“), Swing-Balladen („All of me“, „Georgia on my mind“) und Latin Rock (Carlos Santanas „Europa“). In allerbester Musizierlaune, virtuos auf ihren Instrumenten und traumwandlerisch sicher im Zusammenspiel – so zieht das Duo sein Publikum in den Bann, schickt wohlige Gänsehaut-Schauer über die fast atemlos lauschende Fangemeinde.
Selbst, wenn manch‘ einem der Mund vor Bewunderung doch offen steht – angesichts der geballten Ladung Faszination von der Bühne gerät das appetitlich angerichtete Toast Hawaii aus Mittendorfs Küche zur Nebensache. Das dynamische, filigrane Piano-Spiel von Rudi Linges harmoniert perfekt mit der leidenschaftlichen Performance, die Joscho Stephan zum Besten gibt: Da perlen die Töne nur so in den Saal, wechseln sich starke, explosive Anschläge mit zartesten Streicheleien ab, serviert der Meister des überraschenden Intros und der individuellen Schlusssequenzen neue Figuren und Skalen. Als Zugabe gibt’s Stevie Wonders charmantes „Isn’t She Lovely?“ – danke schön für diesen wunderbaren Auftritt.
Als „völlig unmusikalischer Pausenclown“ übernimmt der Lyriker und Satiriker Thorsten Stelzner. Der Mann hat den „umsonstesten Job der Welt“, ist Hausmann und umsorgt eine Frau, vier Kinder und einen Hund. Klar, dass so jemand viel zu erzählen hat – und auch selbst nicht zu kurz kommen darf. Neue Kraft schöpft der Vielbeschäftigte aus seiner „Ego-Kur“ („Dieser Wuchs, diese Kraft, jede Zelle voller Leidenschaft“).
Während diese selbstverliebte Nummer eher zum Schmunzeln lockt, ist das Kündigungsschreiben der „Planeten Holding GmbH“ an die Menschheit schon von anderem Kaliber. Da will das Lachen gar nicht mehr ganz so unbedarft gelingen, wenn „Firma Göttlich & Sohn“ ihren langjährigen Mietern kündigt, weil sie „wie die Vandalen“ auf der Erde gehaust und ihre einst paradiesische Behausung zur Kloake haben verkommen lassen… Schön anzuhören, weil schafsinnig beobachtet und treffsicher formuliert, sind auch Stelzners Charakterstudien über den „ZM“, den zivilisierten Menschen. Ob beim Arzt, als „Ampel-Spanner“ oder im Diätwahn – in jedem von uns steckt ein bisschen vom „ZM“.
Hatte „Deutschlands ältester Nachwuchskünstler“ Timon Hoffmann bei seinem ersten Auftritt vor sechs Jahren in Bodenwerder noch bekannt: „Döner, nix is‘ schöner“, überrascht der sympathische Liedermacher diesmal mit einer rührenden Hommage an die Silberfischchen in seinem Badezimmer. Schade, dass seine hygienebewusste Mutter dieser Harmonie ein Ende gemacht hat.
Kurzweiliger Klamauk („Hinter Fahrradfahrerinnen-Hintern hinterher“ mit eingängiger Zwei-Akkord-Begleitung) wechselt ab mit schönen, weil durchaus mit inhaltlichem Tiefsinn versehenen Nummern („Morgen räum‘ ich mein Leben auf“, „Vom Glück verfolgt“). Keine Frage: Diese, von virtuosem Gitarrenspiel begleiteten Lieder liefern Futter für Zwerchfell, Ohren und Hirn. „Vielleicht eine der schönsten Ausgaben der ,Nacht der leisen Töne‘“, bilanzierte der „Kultini“-Vorsitzende Dierk Stelter nach Veranstaltungsende. Damit hat er sicherlich manchem der zahlreichen Stammgäste aus dem Herzen gesprochen.
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