Aktuelles Pyrmont
"Sie wollen über Missbrauch reden und schließen uns aus"Von Juliane Lehmann
Sabbenhausen. Eigentlich könnte Wolfgang Focke froh sein über die Wellen, die das Thema Missbrauch seit Monaten schlägt. Denn auch der in Sabbenhausen lebende 63-Jährige ist ein Opfer und kämpft seit Jahren um Wiedergutmachung für ehemalige Heimkinder, die in ihrer Kindheit und Jugend unter dem Deckmantel von „Zucht und Ordnung“ missbraucht und zu unentgeltlicher Arbeit gezwungen wurden.
Doch er wird das Gefühl nicht los, als „Mensch zweiter Klasse“ behandelt zu werden. Denn auf seine Anträge zur Teilnahme an dem von gleich drei Bundesministerinnen einberufenen Runden Tisch zum Thema „Missbrauch“ in Berlin hat der Rentner keine Antwort erhalten, die ihn befriedigen könnte. Zwar avisierte ihm ein Referatsleiter des Familienministeriums, dass er seinen Antrag einer Unterarbeitsgruppe der Runde zur Prüfung vorlegen werde. Denn diese Gruppe plane Anhörungen Betroffener. Doch das reicht Focke nicht. Denn am Runden Tisch sitzen keine Opfer. Und der einstige Zögling fragt: „Was bringt es, wenn sie über Missbrauch reden wollen und uns von vornherein ausschließen.“
Zudem ärgert ihn, dass sein Brief an Christine Bergmann, die von der Bundesregierung installierte „Unabhängige Beauftragte zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs“, noch unbeantwortet blieb. „Und die für Mai angekündigte Opfer-Hotline haben sie auch noch nicht geschaltet.“
Da bittet die Sprecherin der Beauftragten um Verständnis: „Wir beantworten jedes Schreiben“, sagt Friederike Beck. „Aber wir haben eine große Flut von Zuschriften bekommen, die wir der Reihe nach abarbeiten.“ Und die Hotline stehe Ende der Woche. Weil man mit einem solide aufgestellten Team antreten und „kein Callcenter“ installieren wollte, habe es etwas gedauert.
Wolfgang Focke will sich aber nicht nur den Kummer von der Seele reden, sondern entschädigt werden. Für die vielen Gewalttaten und sexuellen Übergriffe, die er in seiner Kindheit und Jugend erfuhr. Und für die Zwangsarbeit, für die die Heime von den Auftraggebern Geld kassierten, das er aber nie bekam. Deshalb hat er jetzt die evangelische Kirche auf die Zahlung von Schmerzensgeld für das in vier kirchlichen Heimen Erlittene verklagt. Den Streitwert beziffert sein Anwalt vorläufig auf 100 000 Euro. Die Taten liegen zwar Jahrzehnte zurück und sind strafrechtlich verjährt. Bei Zivilverfahren indes muss der Beklagte die Verjährung ausdrücklich erklären. Und man darf gespannt sein, wie die evangelische Kirche reagiert. Denn auch das Unrecht von einst dürfte sie heute kaum ignorieren.