Aktuelles Aerzen - Emmerthal

Mission Impossible in Marokko?

Aerzen (boh). Mit seinem positiven HIV-Test, mit dem er seit 1995 lebt, versteckte er sich für sein persönliches Umfeld jahrelang hinter einer Maske aus Sorglosigkeit, mangelnder Verantwortung und kompletter Ignoranz seines Gesundheitszustandes, erklärt der Aerzener Burkhard Hildebrandt. Daran wollte er nachhaltig etwas ändern. „Ich habe für mich neue Möglichkeiten gefunden, mich sicherer und vor allem angenommen zu fühlen“, sagt er. Somit sei er bereit, sein Wissen über die Krankheit anderen zur Verfügung zu stellen. Was für ihn zunächst nur ein verrückter Traum war, hat er inzwischen in die Tat umgesetzt – er durchquert mit einem Oldtimer-Fiat die Sahara. „Obwohl mich mein Mechaniker vor einer derart langen Autobahnfahrt mit dem Auto Baujahr 1969 nachdrücklich gewarnt hat, habe ich es doch gewagt“, berichtet er.
 Unterwegs wurde er nicht zuletzt wegen der auffälligen Aufkleber auf der Motorhaube häufig angesprochen und erhielt bereits bei der Durchquerung Europas viel Zustimmung. „Ich wollte mein Auto nicht überbeanspruchen, deswegen beträgt meine Reisegeschwindigkeit immer höchstens 80 Stundenkilometer.“ Die 3200 Kilometer bis Gibraltar bewältigte er ohne größere Zwischenfälle. Als Afrikas Küste in Sichtweite kam, erklang passend dazu im Radio der melancholische Abba-Song „I Have A Dream“. Dieser Song hätte ihm zusätzlichen Antrieb verliehen. „Es steckt seitdem unbeschreiblich viel Energie in mir“, freut er sich. Mit seiner Tour durch die Sahara will er vor Ort wertvolle Tipps im Umgang mit der Krankheit geben. Zurzeit ist er in Marokko unterwegs. Er meidet dabei Großstädte, obwohl sie sich auf seiner Reise nicht umgehen lassen. Gerade in einer Großstadt wie Rabat sei das Verkehrsaufkommen enorm. „Ich traute mich kaum mit dem Fiat dort zu fahren“, sagt Hildebrand.
 Kontakte zu Einheimischen seinen sehr schnell geknüpft, jedoch immer wenn er das Thema HIV anspreche, stoße er auf große Zurückhaltung. „HIV, in Marokko wird der französische Ausdruck Side gebraucht, ist ein großes Tabuthema, keiner will darüber reden“, erklärt er. Der nordafrikanische Staat ist auf einem der vorderen Plätze bei der Zahl der registrierten Aids-Fälle und Neuinfektionen. Prävention sei faktisch kaum vorhanden, berichtet Burkhard Hildebrand. Menschen würde wegen der Krankheit diskriminiert und gesellschaftlich ausgegrenzt. Nach wie vor werde die Immunschwäche wie in den meisten islamischen Ländern üblich als „Geißel der westlichen Welt“ gesehen. Solch eine Krankheit könne sich nicht, wenn die Menschen sich an die moralischen Werte des Islam halten würden, in der muslimischen Welt ausbreiten. Das erkläre auch, dass weder Kondome noch Safer Sex in Marokko staatlich propagiert würden, erklärt Burkhard Hildebrand. Genau hier sieht er seinen Ansatz für die Reise: Vor Ort aufklären und öffentlich bekannt machen. „Nur ein offener Umgang mit dieser Krankheit kann potenziell Gefährdete schützen.“ Zuversichtlich ist er, dass die Menschen seine persönliche Mission annehmen, die allerdings bereits in Marokko zu Schwierigkeit am Auto geführt habe. Unter der ungewohnten Belastung haben besonders die Achsmanschetten und die Benzinpumpe gelitten. Außerdem fiel die Elektrik im Atlasgebirge wegen Nässe aus. Glücklicherweise fand Hildebrand vor Ort eine Werkstatt, die ihm helfen konnte. In der Wüste laufe der 23-PS-Motor genauso gut wie ein Allradfahrzeug.
 Trotz der Menschen, die ihn vor Ort unterstützen, fühle er sich manchmal ein wenig allein. Entschädigt werde er allerdings durch die grandiose Weite des Landes und die Intensität der zwischenmenschlichen Kontakte.

Artikel vom 11.03.2010 - 11.48 Uhr
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