Bad Münder
Die letzte Rinderherde verlässt die StadtVon Jens Rathmann
Die Tage von Soraja und den anderen Schwarzbunten (ñ)von Henning Schmidt am Laurentiusweg sind gezählt – im kommenden Jahr will auch der Landwirt seinen Hof (ò) verlassen. Bereits jetzt arrangieren sich Tiere und Baumaschinen in unmittelbarer Nähe (ò). Foto: jhr
Bad Münder. 20 Köpfe stark, schwarzbunt und wirklich genügsam – die letzte Kuhherde der Kernstadt steht am Laurentiusweg in direkter Nachbarschaft des letzten Bauernhofes der Kernstadt. Noch, denn Landwirt Henning Schmidt verlässt seinen Hof, gibt die Viehwirtschaft ganz auf. In vier bis fünf Wochen, so Schmidts Schätzung, wird er alle Kühe abgeschafft haben.
Dass er die Hofstelle im Herzen der Stadt aufgibt, fällt dem 47-Jährigen ähnlich schwer wie seinem 72-jährigen Vater. Heinrich Schmidt war sein Leben lang Landwirt am Laurentiusweg – doch als sich die Chance zur Veränderung bot, riet er seinem Sohn, zuzugreifen: Weil ohne die schmidtschen Wiesen das neue Marktzentrum an der Bahnhofsstraße nicht gebaut werden kann, muss Bauunternehmer Ten Brinke tief in die Tasche greifen. Neben der Dialyseklinik kaufte der Marktentwickler auch den Hof der Familie Schmidt. Lange Zeit galt gerade der Kauf dieser Hofstelle als Knackpunkt der Verhandlungen um eine Marktansiedlung, denn für die Familie war klar: Mit einem Verkauf der Wiesen allein würde sie sich jeglicher Entwicklungschance berauben. „Wir hatten hier schon eine Menge Leute auf dem Hof. Einige wollten uns ganz deutlich über den Tisch ziehen“, schmunzelt Heinrich Schmidt und erinnert an die teilweise schillernden Persönlichkeiten, die sich in der Vergangenheit um eine Marktansiedlung an der Bahnhofstraße bemühten.
Ein Projektentwicker hätte „alle drei Wochen auf der Matte gestanden“, immer neue Verträge dabei gehabt, doch sein Vorhaben hätte sich trotz großspuriger Ankündigungen und Versprechen als „Luftnummer“ erwiesen. Als der niederländische Unternehmer Ten Brinke Interesse signalisierte, waren die Schmidts entsprechend skeptisch. „Die Gespräche waren aber gut“, sagt Schmidt Senior. Wirklich überzeugt, dass es losgehen wird, waren die Schmidts aber erst im Mai, als Baugenehmigungen vorlagen.
Der Clou des schmidtschen Deals: Der gesamte landwirtschaftliche Betrieb wird in die Nähe der Dyes-Siedlung ausgelagert. Ein neues Wohnhaus, eine neue Maschinenhalle, ein neues Getreidelager. Rund 7000 Quadratmeter Fläche kaufte Ten Brinke, um Zugriff auf die Flächen der Familie Schmidt am Laurentiusweg zu bekommen. Vom kommenden April an werden Henning und Heinrich Schmidt auf ihrem neuen Hof leben, die Hallen samt Photovoltaikanlage sollen noch in diesem Jahr errichtet werden.
„Der Abschied von meinem Elternhaus wird sicher nicht einfach“, ist sich Henning Schmidt sicher. Aber er sieht auch die positiven Seiten: Die Gebäude am Laurentiusweg sind sehr alt, in keinem guten Zustand. Einer geplanten Erweiterung des Betriebes sei schon vor 20 Jahren von der Stadt die Zustimmung versagt worden. „Ein Hof mitten in der Stadt bringt viele Probleme mit sich – man muss nur an die immer größeren Maschinen denken“, sagt Schmidt. Ein Problem wird künftig nicht mehr sein Problem sein: „Keine Ahnung, was Ten Brinke mit der Hofstelle machen wird. Immerhin steht das Wohnhaus unter Denkmalschutz“ – ein Abriss scheide also aus.