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Wenn's den Göttern endlich dämmert

Götterdämmerung mit Hagen (Albert Pesendorfer), Gunther (Brian Davis) und Siegfried (Robert Künzli). Foto: Thomas M. Jauk

Von Richard Peter

Hannover.  Ein „Ring“ der übervielen Bilder und Assoziationen. Keine eigentliche Idee, das rund 15-stündige Monumentalwerk als „Ring“ auf die Bühne zu wuchten. Und die fehlt in der Inszenierung von Barrie Kosky in der Staatsoper Hannover – es sei denn, dass genau das als Idee dahintersteht: Teile. Visuelle Eindrücke, Momentaufnahmen.
 Ein Stroboskop-Ring gewissermaßen – Wagners 15-Stünder als Blitzspiele. So grandiose wie überzeugende Bilder – Schwachstellen natürlich auch – und als Revue passierbar: Show-Treppe mit Girls am Rheinufer, als wäre das „Lido“ zu Gast, Jetset-Götter auf einsamer Insel – unvergessen: Erda als uralte Frau nackt unterwegs – die Riesen als siamesische Zwillinge, dann Hundings Bungalow und der Samensturz, wo das neidliche Schwert Nothung in der Diele steckte, Wotan als Manager und Brünnhilde im Motorrad-Dress – der Walkürenfelsen als stillgelegte Tankstelle mit den Walküren, Neckische Mädchen, die ihre Klamotten diesmal nicht bei Ulla Popken beziehen sondern von H & M. Immerhin: Ihre Leichen sind die Toten, die sie von den Fahrbahnen klauben. Auch Helden-Bilder wandeln sich.
 Dann Siegfried als Superman mit Mime als gläubiger Jude und kleiner Gauner wie nur irgendeiner – und Brünnhilde im futuristisch-floralen Feuerwall. Und auch der vierte Abend der Tetralogie oder Trilogie mit einem Vorabend: Eindrückliche Bilder – auch wenn hier die Assoziationen nicht mehr ganz so fantasievoll blühen.
 Und Bilder, zu denen Kosky nichts, oder nur wenig – schlimmer: manchmal auch zu viel – einfällt. In der Götterdämmerung verlegt sich Berrie Kosky eher aufs Zitieren. Auch sich selbst, wenn die Rheintöchter wieder als Revuegirls erscheinen und Siegfried sein Supermankostüm anzieht, das er wohl schon als kleiner Junge beim Spielen anhatte. Und Mutter Erda als Dauerwanderin. Einsichtig im Nornen-Akt – auch im letzten. Dass sie und nicht die Rheintöchter jetzt den Ring verwaltet, eine überraschende Geste. Nur ihre Omnipotenz nervt. Dass sie zuletzt ihren vom Alter zerstörten Körper ausstellen muss als Metapher – als ob es Wagner darum gegangen wäre.
 Doch Kosky geht es in erster Linie um Kosky – und das Publikum reagiert mit wütenden Buhs. Und warum muss ein alter Jude, alias Alberich, einen deutschen Flügelhelm- und Langbarträger a tergo traktieren? Und warum müssen die Gibichungen unbedingt als brutale Nazi-Horde auftreten?
 Daneben auch hier beeindruckende Szenen, wo Kosky gar nichts macht. Die Nornen – allerdings mit Trickfilm mit Wotans Raben und die Weltesche als Brokkoli. Aber: Die Wacht am Rhein mit einem phänomenalen Albert Pesendorfer als alles überstrahlender Hagen, der beim Applaus mit Bravos überschüttet wurde. Das müsste eine Brünnhilde schon bitter treffen, vor allem, weil Brigitte Hahn teilweise über sich hinauswuchs. Ebenfalls gefeiert: Robert Künzli als Siegfried, dessen proletenhafter Charme der Figur eine reizvolle Farbe verleiht. Hervorragend auch Brian Davis als Gunther, der vor allem auch schauspielerisch überzeugte. Ein toller Auftritt: Monika Walerowicz als Waltraute.
 Was den Ring zusammenhält – wie so oft, wenn die Regie in Teile zerfällt: Die Musik. Und das Staatsorchester unter Wolfgang Bozic auch diesmal mit einer grandiosen Leistung.
 Und die Bühne immer noch in erster Linie Bühne. Der Ring als Spiel. Zuletzt wird die ganze Mischpoke versenkt und mit einem riesigen Deckel verschlossen. Kein Weltenbrand – nur die Schnüre aus dem Schnürboden. Nackte Bühne, nackte Erda.
 Ausgerechnet in der „Götterdämmerung kommen sie nicht mehr vor, die Götter, denen Göttliches so fremd ist. Schon bei Wagner: die Elite, die sich in ihren eigenen Verträgen verheddert – bis es ihnen endlich dämmert.

Artikel vom 14.06.2011 - 14.17 Uhr
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