Aktuelles Kultur

Haydns „Die Jahreszeiten“ als perfektes Klangerlebnis

Von Thomas Herms

Hameln. Ein für diese Jahreszeit ungewöhnlich heiterer, sonnenüberstrahlter Novembertag neigte sich dem Ende zu, als Hamelner Musikfreunde in die Marktkirche strebten, um Joseph Haydns „Jahreszeiten“ und etwas von seinem in diesem Werk dokumentierten Lebensgefühl mitzuerleben. Auch, wer das Werk schon zu kennen glaubte (zum Beispiel aus dem Jahr 1994 oder 2002 am selben Ort) erlebte es jetzt unter der bewährten Leitung von Hans Christoph Becker-Foss mit der Hamelner Kantorei einschließlich der Jungen Kantorei, dem Göttinger Vokalensemble und dem Ensemble Schirokko völlig neu. Das glückliche Zusammentreffen der Solisten Hanna Zumsande (Sopran), Max Ciolek (Tenor) und Raimonds Spogis (Bass) löste ein großartiges Konzerterlebnis aus: Sei es die gleicherweise hervorragende Artikulation oder die sich optimal ergänzende Stimmkultur der drei Sänger in den Rezitativen und Arien, als auch Terzetten und in den Dialogen mit den hervorragend einstudierten Chören. Den instrumentalen Part zelebrierte das glänzend aufgelegte Orchester Schirokko. Seine Musiker unter Leitung von Rachel Harris lieferten den lebendigen Beweis, dass die Einbeziehung historischer Instrumente bei entsprechender Spieltechnik dieses Oratorium zu einem perfekten Klangerlebnis steigern kann. Das belegen zum Beispiel geheimnisvolle Klangfarben von „grauem Dampf“ oder dem „in grauem Schleier heranrückenden Morgenlicht“ – beide Beispiele aus einem hingehauchten Pianissimo crescendierend entwickelt.
 Allen Mitwirkenden gelang es, die Darstellung einer heilen Welt zu vermitteln, in der neben der Bewältigung des ländlichen Alltags, der Beobachtung der Pflanzen- und Tierwelt sowie extremer Wetterschwankungen die Gottbezogenheit das Lebenszentrum des Menschen bildet.
 Humorvolle Episoden – typisch für Haydn – lockern die großen Panoramen des Lebens auf. Wie die Schilderung einer damals schon emanzipierten jungen Frau, die sich den Anzüglichkeiten ihres Verehrers dadurch entzieht, indem sie ihm sein Pferd klaut und mit diesem davon reitet. Oder die Beschreibung von jagenden Hunden und Menschen, die dem armen Hirsch den Garaus machen unter der Begleitmusik hervorragend intonierender Naturhörner. Oder der Lobgesang des Weines, der zum Abschluss des Abschnittes „Herbst“ begeisterten Applaus auslöste.
 In der Schlussapotheose „Uns leite Deine Hand, o Gott! Verleih‘ uns Stärk‘ und Mut. Dann geh’n wir ein in Deines Reiches Herrlichkeit. Amen.“ drückt sich eine Glaubenssehnsucht aus, die auch für Menschen unseres Jahrhunderts in einer leider nicht mehr annähernd so heilen Welt nachvollziehbar sein könnte. Der starke Andrang zu diesem deutet darauf hin. Noch vor Weihnachten dürfte der Livemitschnitt dieses Abends erhältlich sein.

Artikel vom 13.11.2011 - 15.20 Uhr
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