Kommentar

Von den Ostfriesen lernen
Von Marc Fisser

Über Jahrhunderte haben die Ostfriesen mutig ihre Freiheitsrechte verteidigt, sei es gegenüber Angreifern aus der Ferne, dem deutschen Kaiser oder den Hamburger Pfeffersäcken. Die Bewohner dieses einst unwirtlichen Küstenstreifens besitzen auch heute noch ihre spezielle Mentalität, ihre eigenen Traditionen und ihre besondere Sprache. An den Dorfplätzen und auf den Kaimauern flattert ihr Schwarz-Rot-Blau. Nach Oldenburg fährt man allenfalls mal zum Einkaufen. Und nach dem Studium „im Süden“ kehren viele schnell in die Heimat zurück, sofern dort eine einigermaßen auskömmliche Arbeit zu finden ist. Da müsste es eigentlich nicht verwundern, wenn die Ostfriesen, über die der Rest der deutschen Republik so gerne Witze macht, eines Morgens auf ihre Unabhängigkeit pochen. Würde Niedersachsens Ministerpräsident McAllister dann seine Landespolizei für „Ordnung“ sorgen lassen? Müssten Kanzlerin Merkel (gebürtige Hamburgerin!) und ihr Verteidigungsminister zu Guttenberg (aus München!) die Bundeswehr in Marsch setzen, um das Gefüge Deutschlands zusammenzuhalten?

Solche Planspiele gibt es in der Bundesrepublik nicht, auch nicht in Hinsicht auf die stets so selbstbewusst auftretenden Bayern oder die in Sachsen fremdländisch wirkenden Sorben. Die Ostfriesen und all die anderen Volksgrüppchen in Deutschland bewahren ihre Identität durch ein tolerantes Miteinander statt durch eine kompromisslose Konfrontation. Doch das Kosovo, Korsika, Katalonien, das Baskenland sind nur wenige Beispiele dafür, dass der Separatismus, der Drang zur staatlichen Selbstständigkeit, selbst im weitgehend vereinten Europa und im globalen Dorf eine von vielen Menschen hoch gehaltene Option geblieben ist. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hat gestern die Loslösung des Kosovo von Serbien als rechtmäßig beurteilt. Es gebe halt kein Verbot von Unabhängigkeitserklärungen, erläuterte Gerichtspräsident Hisashi Owada. Natürlich: Wo Teile der Bevölkerung unterdrückt werden, wo Grenzen willkürlich gezogen sind, ist das Zusammenleben der Volksgruppen möglicherweise so sehr erschwert, dass die Abspaltung als Ausweg erscheint. Selten allerdings geht dies dann friedlich vonstatten, oft schafft die Trennung dauerhaft neue Opfer und Probleme.

Im Fall der ehemaligen jugoslawischen Republiken war die Lossagung von Serbien eine Art Notwehr gegenüber dem machtbesessenen Nachbarn. Letztlich wird es jedoch nur ein Zwischenschritt zu einer Art Wiedervereinigung unter zeitgemäßen Bedingungen sein. Denn nicht der Separatismus sorgt für Frieden und Wohlstand, sondern das Miteinander im großen Staatenbund. Darin markieren die alten Grenzen im Wesentlichen Verwaltungs- und Kultureinheiten, ansonsten aber dominieren die gemeinsamen Interessen und die einheitliche Lösung globaler Probleme. So werden die Slowenen, Kroaten, Bosnier, Montenegriner, Mazedonier, Kosovaren und Serben eines Tages in der Europäischen Union wieder nebeneinander sitzen und wie selbstverständlich miteinander agieren. Die aktuelle Rhetorik der serbischen Regierung gegen die Entscheidung des UNO-Gerichts sollte nicht zu ernst genommen werden. Und vielleicht könnten Bildungsreisen von Belgrad nach Aurich den Erkenntnisprozess beschleunigen.

LEITARTIKEL

Artikel vom 22.07.2010 - 19.09 Uhr
drucken
Diesen Artikel versenden


   
versenden

Artikel kommentieren






Übersicht | Nachrichten | Lokales | Sport | Kultur | Bilder | Service | Anzeigenmarkt | Impressum
© Deister- und Weserzeitung Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
Eine starke Gruppe: Deister- und Weserzeitung | Pyrmonter Nachrichten | Dewezet Bodenwerder | Schaumburger Zeitung | Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung | Deister-Leine-Zeitung | Neue Deister-Zeitung | Wesio | Weserbergland.Com | Medien 31