Kommentar

Spiel-Freude
Von Rainer Wagner

Dieser Sommer ist sehr groß. Auch über dem Festspielsommer scheint die Sonne. Und an diesem Wochenende geht es richtig los: Bayreuth und Salzburg starten. Dass im Hintergrund dunkle Wolken aufziehen, sei nicht verschwiegen. Schon kürzt Schleswig-Holstein seine Zuschüsse zum renommierten Musikfestival und streicht seinen Beitrag zum Jazz Baltica Festival. Dass das 25. Schleswig-Holstein Musik Festival die Zuschüsse mehrfach wieder einspielt, imponiert den Politikern nicht.

Auch in Bayreuth und in Salzburg wachsen die Bäume nicht in den Himmel. In Bayreuth kämpft man um die Finanzierung geplanter Um- und Ausbauten. Und auch in Salzburg gibt es Debatten über das Budget. Doch für den Musikfreund zählt die künstlerische Bilanz. Und da kann Bayreuth sein Alleinstellungsmerkmal ausspielen. Was es hier zu sehen gibt, gibt es so nur hier zu sehen. Schließlich hatte Richard Wagner einst seine Festspiele in die Provinz gepflanzt, damit nichts und niemand ablenken möge.

Im Prinzip gibt es dreierlei Formen von Festspielen. Die einen holen Spannendes und Hochwertiges herbei und bringen so einen Ausschnitt der Welt vor Ort. Die Theaterformen in Braunschweig und die Kunstfestspiele in Herrenhausen demonstrierten das im Juni. Andere Festspiele vertrauen auf den Zauber einer Örtlichkeit. Ob Kirchenruine, ehemalige Kohlenzeche oder Domtreppe: Das Bühnenbild aus der Realität ist oft der wahre Star. Die dritte Spielart vereint den Schau-Platz mit dem Ereignis. Wer das Unverwechselbare erleben will, muss an den Ort des Geschehens pilgern. Egal, ob der nun Oberammergau oder Bayreuth heißt. Und weil sich dabei der Gottesdienst und der Dienst am Göttlichen vermischen, wird die Opferbereitschaft der Beteiligten ausgenutzt. Pilger leiden gern – und schwitzen dann in Bayreuth auf unbequemen Sitzen. Zum Ausgleich verzichten auch Sänger auf angemessene Gagen, weil es doch der höheren Sache und dem eigenen Ansehen nutzt. Nur hat sich Bayreuth damit in den vergangenen Jahrzehnten seinen Ruf als Wagner-Sänger-Hochburg verdorben.

In Salzburg warten indes alle auf die Uraufführung von Wolfgang Rihms Dionysos-Musiktheater, weil jede Rihm-Oper ein Ereignis ist. Und doch zeigt sich auch an dieser Premiere, wie ökonomische Zwänge das Besondere verwässern können. Diese Premiere ist eine Koproduktion mit Berlin und Amsterdam und wird auch dort zu sehen sein. So wie die Eröffnungspremiere der Münchener Opernfestspiele, Luc Bondys Tosca-Inszenierung, eine Übernahme von der New Yorker „Met“ war. Das aber macht auf Dauer Festspielaufführungen zu Verkleidungskunststücken. Man hübscht auf, was im Herbst und später dann Alltag werden darf – ein bisschen Schlussverkaufnachlass bei den Preisen inbegriffen.

Wie sich der Feiertag vom Alltag abheben sollte, so müsste auch das Festival ein Höhepunkt der Saison sein. Dabei ist Genuss nicht alles, aber erlaubt. Doch Vorsicht: Nicht nur ein zu opulent begangener Festtag kann im Magen liegen. Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz wusste, dass man „dem Süßen das Nützliche“ beimischen müsse. Das Bittere kommt im Herbst von selbst, wenn drohende Sparrunden die Festlaune einschränken. Aber noch ist der Sommer groß. Und die Erwartung auch.

Leitartikel

Artikel vom 22.07.2010 - 18.38 Uhr
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