Kommentar
Rote Khmer hazVon Matthias Koch
Jürgen Trittin hatte schon immer großes Selbstbewusstsein. Angesichts der jüngsten Umfragen ist es weiter gewachsen, auf ein ziemlich ungewöhnliches Format: Trittins Ego passt durch keine Tür mehr.
Die Grünen erleben sich und ihre Partei in einem aufgepumpten Zustand. Schon seit Jahresbeginn werden ihnen neue demoskopische Rekordmarken bescheinigt. Laut Infratest dimap wuchs bei der Sonntagsfrage der Stimmenanteil der Grünen von 12 Prozent im Januar nach und nach auf 17 Prozent in der jüngsten Juli-Umfrage. Nie in ihrer Geschichte waren die Grünen in solche Höhen vorgestoßen. Vergessen sind die Zeiten, in denen sich an Wahlabenden Pullover-und-Turnschuh-Typen in die Arme fielen, weil sie hier oder dort die Fünfprozenthürde übersprungen hatten. Trittins heutige Grüne sehen sich vor keiner Hürde mehr. Sie sehen sich nicht mal mehr als kleine Partei. Neuerdings spricht Trittin von „größeren mittleren Parteien“ wie der SPD und „kleineren mittleren Parteien“ wie den Grünen. So redet einer, der sich als cooler künftiger Machtverteiler mitten in einer neuen politischen Landschaft in Deutschland sieht.
Was soll geschehen, wenn es in einem Parlament weder die schwarz-gelben noch die rot-grünen Mehrheiten gibt? Die Grünen sind dabei, sich so zu positionieren, dass am Ende sie es sind, die dann die Antworten geben. Im vorigen Jahr, als es um das Saarland ging, entschieden sich die Grünen für ein Jamaika-Bündnis mit CDU und FDP. Als jetzt das gleiche Problem in Nordrhein-Westfalen zu lösen war, waren die Grünen dafür, es mit einer rot-grünen Minderheitsregierung zu versuchen. Der Respekt der Grünen vor den Schwarzen und den Roten schwindet. Immer öfter entstand zuletzt der Eindruck, es seien die Grünen, die den Takt schlagen. Es war Trittin, der mit Hohn und Spott dazu beitrug, den Bundespräsidenten Horst Köhler nach dessen Afghanistan-Äußerungen ins Trudeln zu bringen. Es war Trittin, der Gabriel Joachim Gauck als rot-grünen Bundespräsidentenkandidaten vorschlug. Und es war Trittin, der der SPD riet, in Nordrhein-Westfalen eine Minderheitsregierung zu bilden.
Die Rückkehr der SPD zur 40-Prozent-Marke wird jedenfalls nicht allein durch die Linkspartei gebremst. Stärker denn je graben heute die Grünen den Sozialdemokraten das Wasser ab. Den Grünen hilft dabei ein Mechanismus, der zuvor die Liberalen zu ungeahnter Größe führte: Wenn eine Partei lange nicht mehr an der Bundesregierung beteiligt war, erscheint sie vielen irgendwann als eine Kraft, die man mal zum Zuge kommen lassen müsse. Die Entzauberung folgt dann oft im Regierungsalltag. So glitten die Liberalen zwischen Juli 2009 und Juli 2010 von 14 auf nur 5 Prozent ab.
Die Grünen indessen suchen ganz neue Kraftproben, etwa in Berlin. Da erwägt Renate Künast, sich im Jahr 2011 zur Bürgermeisterin küren zu lassen. Erstmals wäre dann eine der 16 Staatskanzleien in Deutschland in grüner Hand. Die SPD hätte wenig Grund zum Jubel: Ein Erfolg Künasts setzt die Entmachtung des bisherigen Bürgermeisters Klaus Wowereit voraus, und der ist Sozialdemokrat.
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