Kommentar

Der Schlüssel
Von Stefan Koch

Ernüchtert blickt die Welt auf Afghanistan. Nach einem bald zehnjährigen Kriseneinsatz suchen die Staaten nach einer Antwort auf die Frage: Wie lässt sich dieses Engagement vernünftig zu Ende bringen? Diplomaten, Soldaten und Hilfsorganisationen aus mehr als 40 Staaten arbeiten an einem Konzept, das den Realitäten am Hindukusch mehr Rechnung tragen soll. Ihr Ziel: die Regierung in Kabul bis 2014 in die Lage zu versetzen, in eigener Regie Ordnung zu schaffen.

Das neue Afghanistan soll künftig weniger daran gemessen werden, wie hoch der Grad der Demokratisierung ist. Der internationalen Gemeinschaft geht es vor allem um eines: dass die Staatlichkeit zumindest aus eigener Kraft funktioniert und die Region nicht länger Terroristen beherbergt. Die Zeit drängt: Australien, Niederlande, Kanada und Polen stellen ihre Teilnahme an dem Isaf-Mandat infrage, auch im Bundestag schwindet der Rückhalt. Gemessen an dem ursprünglichen Vorhaben, einen neuen Hort der Freiheit und Demokratie aufzubauen, klingt das neue Vorhaben auf den ersten Blick enttäuschend. Allerdings nur auf den ersten. Man braucht Abstand, um zu erkennen, dass selbst der kleinere gemeinsame Nenner den Aufwand und die Risiken rechtfertigt. Was die 100 000 Soldaten leisten, die größtenteils aus den USA, Großbritannien und Deutschland entsandt worden sind, ist enorm. In weiten Teilen des Landes sorgen sie für ein Maß an Sicherheit, das Afghanistan seit drei Jahrzehnten nicht mehr kannte. Und in den Regionen, in denen Taliban und Aufständische gegen die Regierung von Hamid Karsai kämpfen, steht die Isaf den einheimischen Milizen zur Seite. Afghanistan ist nicht nur ein Thema für Europa und die USA. So zählen chinesische Firmen heute zu den größten Investoren, die es besonders auf den Bergbau abgesehen haben. Nicht ohne Grund hat Kanzlerin Angela Merkel bei ihrem jüngsten Besuch in Peking für ein deutsch-chinesisches Wiederaufbauprogramm in Afghanistan geworben. Einen neuen Anlauf unternimmt auch die Türkei. Sie setzt auf „soft power“ und lässt Krankenhäuser und Schulen bauen. Und Pakistan hat seine Zusammenarbeit mit den USA im Antiterrorkampf ausgeweitet und geht endlich gegen die Taliban vor.

Immer mehr große und kleine Mächte machen deutlich, dass ihnen an einem Sieg des radikalen Islamismus in Kabul nicht gelegen ist – das ist eine schlechte Nachricht für die Taliban. Beim Konflikt am Hindukusch geht und ging es immer schon um mehr als nur Afghanistan. Es geht um die Zukunft einer ganzen Staatengruppe. Afghanistan grenzt an labile Staatswesen: Tadschikistan, Usbekistan, Iran. Die Summe der regionalen Verflechtungen legt den Schluss nahe, dass Afghanistan nicht irgendein Problemstaat ist. In Afghanistan liegt der Schlüssel zur Befriedung von ganz Zentralasien. Das ist der Grund, warum ein Friedensnobelpreisträger in dieses Land mehr Truppen schickt. Barack Obama will nicht nur den Afghanen helfen, sondern der ganzen Welt.

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Artikel vom 21.07.2010 - 19.49 Uhr
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