Bücher

„Wie erleben Sie junge Deutsch-Türken?“
Von Philipp Killmann

Noch 100 Tage. Dann ist sie da. Die Revolution. Die Revolution of Color (R.O.C.), die der weißen Vorherrschaft und dem Rassismus ein Ende bereiten wird. Zumindest wenn es nach den „geheimen Tagebüchern des Sesperado“ geht. Hinter dem nicht ganz fiktiven Autor, dem Sesperado, steckt Mutlu Ergün. Mit dem Buch „Kara Günlük“ knüpft er nahtlos an seine Bühnenshow gegen Rassismus an, die „Edutainment Attacke“ (wir berichteten) an der Seite von Noah Sow („Deutschland Schwarz-Weiß“).

Die 100 Tage vor der Revolution of Color spielen in Berlin, sind geprägt von komischen, traurigen, Wut weckenden Alltagssituationen und: der Liebesgeschichte von Songül und dem Sesperado. Deshalb ist „Kara Günlük“ laut Klappentext auch „eine lustige Liebesgeschichte, maskiert als Widerstandskampf, und gelebter Widerstand, maskiert als Liebesgeschichte“.

Vor allem aus den Gesprächen und Auseinandersetzungen des Sesperado mit Verwandten, Freunden und (unreflektierten) Weißen lässt sich viel über Rassismus lernen. Etwa wenn der Sesperado seinem Freund Mecnun erklärt, dass es zwar keine Menschenrassen gibt, aber gleichwohl eine soziale Realität besteht, in der Weiße über Macht und Privilegien verfügen, durch die People of Color (P.O.C.) benachteiligt und diskriminiert werden. Dass „Weißsein“ und P.O.C. daher politische Begriffe sind. Dass P.O.C. eine selbst gewählte Bezeichnung ist, die es von Weißen zu respektieren gilt, anstatt weiterhin auf „Neger“ oder andere rassistische Bezeichnungen zu bestehen. Dass gegen Rassismus zu sein nicht nur heißt, gegen Nazis zu demonstrieren oder dem rassistischen Nachbarn über den Mund zu fahren. Sondern dass es auch bedeutet, sich mit den eigenen rassistischen Anteilen auseinanderzusetzen.

So fragt Seyde, die Tante des Sesperado, den weißen Deutschen Stefan (und damit auch den weißen Leser): „Was passiert in dir, wenn du einem Schwarzen begegnest? Wie erlebst du eine Gruppe von jungen Deutsch-Türken oder arabischen Deutschen? Was geht durch deinen Kopf, wenn du eine Frau mit Kopftuch siehst?“

So bahnt sich die Revolution ihren Weg: Es werden Nachrichtensendungen gehackt. Junge P.O.C. werden motiviert, sich nicht gegenseitig zu schlagen, sondern mit schwarzrotgold geladenen Gotcha-Pistolen einen Nazitreffpunkt aufs Korn zu nehmen. In einer Guerilla-Aktion werden Straßenschilder der türkischen Sprache angepasst: Aus Neukölln wird Neuköllön, aus Spandau Schipando, aus der Hermannstraße die Harmanstraße. Nebenbei zeichnet sich ein verheißungsvoller Verlauf der Liebesgeschichte des Sesperado ab. Und die Revolution? Der Eintrag am Tag davor lautet: „Morgen, wenn ihr aufwacht und in den Spiegel und in die Welt hinausseht, dann blickt ihr in das Gesicht der Revolution of Color.“

Mutlu Ergün: „Kara Günlük“, Unrast Verlag, 164 Seiten, 13 Euro.

Das Tagebuch (großes Bild) des Sesperado schildert den Weg zur Revolution of Color. Schriftsteller Mutlu Ergün kann auch rappen, etwa bei der „Edutainment Attacke“ (unten).

Artikel vom 11.08.2010 - 17.57 Uhr
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