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Katharina Burgess ist dort geboren und aufgewachsen – und hat es geliebt

Hamelwehr-Serie Teil 3: „Das Hamelwehr ist meine Kindheit“

Das Hamelwehr war das berüchtigte Armenviertel in der Südstadt, das bis in die 70er Jahre fortbestand. Häufig war es Stadtgespräch – selten bis gar nicht kamen dabei die Menschen zu Wort, die dort lebten. In der Dewezet-Serie „Die Menschen vom Hamelwehr“ wird die Geschichte der Siedlung aus der Perspektive der Bewohner erzählt. Katharina Burgess ist am Hamelwehr geboren und aufgewachsen.

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Ihre grünen Augen leuchten, wenn sie vom Hamelwehr spricht. Katharina Burgess (58) ist am Hamelwehr geboren und aufgewachsen. In der unliebsamen Siedlung in der Südstadt, über das sich manche Hamelner gern das Maul zerrissen. Doch für Katharina Burgess ist das Hamelwehr geliebte Heimat, die sie bis heute tief in ihrem Herzen trägt. „Das Hamelwehr ist meine Kindheit, und da bin ich stolz drauf“, sagt sie im Gespräch im Wohnzimmer ihrer Altstadtwohnung.

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Das Hamelwehr war über seine engen Grenzen hinaus bekannt. Die Hamelner nannten es auch das „Nega-Dorf“. Nega-Dorf – von der möglicherweise auch rassistischen Anspielung auf „Neger“ einmal abgesehen –, weil eine der am Hamelwehr alteingesessenen und besonders zahlreich vertretenen Großfamilien Nega hieß.

Katharina Burgess ist eine geborene Nega. „Wir haben schon immer da gewohnt“, sagt sie. Gemeinsam mit sieben Geschwistern, vier Mädchen und drei Jungen, verbrachte sie ihre Kindheit und frühe Jugend am Hamelwehr. Sie wohnten erst in einer der Baracken. Später zogen sie in eins der Reihenhäuser, die Notunterkünfte aus den 30er Jahren.

  • Als Friedrich „Opa“ Brath im Januar 1971 stirbt, schreibt die Dewezet: „Seit langen Jahren war er bei Wind und Wetter mit seinem Rollstuhl unterwegs im Stadtgebiet.“ „Gerade in dieser tristen Winterzeit“ werde „der allen Hamelnern bekannte Blumenverkäufer“ den Kunden sicher fehlen. Er wurde 70 Jahre alt. Foto: Archiv
  • Der Blick von Süden aus auf das Hamelwehr, nördlich der Fluthamel, mit seinen Baracken. Rechts im Bild befindet sich der Tönebönplatz. Foto: Stadtarchiv Hameln
  • Straßenszene Ende der 60er Jahre am Hamelwehr: Katharina Burgess’ Mutter Hella Aukschlat (†1992) mit ihren Zwillingsbabys Ilona und Harald und ihren Zwillingskindern Petra (li.) und Karsten (1966 geboren). Links im Bild eine der Baracken, hinten rechts eine der Notunterkünfte aus den 30er Jahren. Foto: pk

„Wir haben Am unteren Hamelwehr 80 gewohnt“, erzählt Burgess. „Vorne war die Küche. Dahinter kam die Stube, da haben unsere Eltern geschlafen, und dahinter war das Schlafzimmer, wo wir Kinder in Etagenbetten schliefen. Unterm Dach haben auch Leute gewohnt.“ Vor dem Haus gab es einen kleinen Garten, hinten Ställe und Plumpsklos.

Was sie so stolz macht, am Hamelwehr aufgewachsen zu sein, fasst sie in zwei Worte zusammen: „der Zusammenhalt.“ Bei dem ständig radelnden „Opa Klemme“ fuhr sie auf der Stange mit dem Fahrrad mit. Sie selbst lernte das Fahrradfahren mit dem Rad des Postboten, der im Gegensatz zu anderen nie Angst gehabt habe, beklaut zu werden, sondern seine Sachen immer einfach stehenließ. Und der im Rollstuhl sitzenden Blumenverkäufer „Opa Brath“ verwickelte sie immer in einen Schwatz. „Es war wie eine große Familie“, schwärmt Burgess.

Bei „Bäcker Kilian“ und „Gemüseverkäufer Schaumburg“, die einmal die Woche vorbeikamen, konnte man anschreiben lassen. Und sonst ist man eben zum Nachbarn gegangen. „Nur an Butter hat es uns nie gefehlt, denn für kinderreiche Familien gab es damals Buttermarken“, erzählt sie.

Geweckt wurde die kleine Katharina morgens vom Krähen des Hahns der alten Frau Colusso. In dem Luftschutzbunker des sogenannten Polizeiblocks, der so hieß, weil seine Bewohner so oft die Aufmerksamkeit der Gesetzeshüter auf sich zogen, spielte sie mit den anderen Kindern. „Da habe ich auch meine erste Zigarette geraucht“, sagt Burgess.

Beim Eismann mit dem Dreirad kauften sie sich ihr Eis, während ihre Mutter Hella Aukschlat (1992) vor der Tür Kartoffeln schälte. In das auf der anderen Seite des Bahndamms gelegene Wittekind-Freibad schlichen sie sich über die Bahnschienen rein, ohne Eintritt zu zahlen. Und den weiten Schulweg zur Papenschule bestritt sie ebenfalls mit den anderen Kindern. Dort bekamen sie die Ablehnung von Schülern und Lehrern zu spüren. „Nach außen hin hatten wir es schwerer: Wir waren ,die Kinder vom Hamelwehr‘“, sagt sie. „Viele Vorurteile gegenüber den Menschen vom Hamelwehr kommen von Leuten, die nicht da gelebt haben, so wie heute mit dem Kuckuck.“

Aber auch für die Kinder und Jugendlichen war das Hamelwehr nicht nur Zuckerschlecken. „Man musste sich halt erst mal durchboxen“, schildert Burgess. Unter den Bewohnern – Deutsche, Italiener, Sinti und andere „Reisende“ – kam es auch zu Konflikten. „Schläge haben wir alle gekriegt, aber wir konnten auch austeilen“, sagt Burgess. „Am Hamelwehr habe ich gelernt, mich durchzusetzen. Aber wir hatten alle eine gute Erziehung. “

Unter den Sinti findet sie Freunde fürs Leben. Bis heute zählen zwei Sinteza zu ihren besten Freundinnen. Ihre Schwester ist mit einem Sinto verheiratet. „Andere Eltern sagten ihren Kindern: Spielt nicht mit denen! Aber so was sagte meine Mutter nicht.“ Vielleicht, weil Aukschlats Vater Willi Nega wie die Sinti von den Nazis verfolgt und ermordet worden war.            
Entsprechend unvoreingenommen begegnet Katharina den Neuankömmlingen, als die Sinti 1964 ans Hamelwehr ziehen. Einer ihrer Wohnwagen wird gegenüber von ihrem Haus abgestellt. „Ich weiß noch, am ersten Abend, da haben die Zigeuner vor einer Baracke ein Lagerfeuer gemacht und ,Que Sera, Sera‘ gespielt. Da habe ich mich sofort in die Zigeuner verliebt“, schildert Burgess und ihre grünen Augen leuchten auf.

Am Hamelwehr habe ich gelernt, mich durchzusetzen. Aber wir hatten alle eine gute Erziehung.

Katharina Burgess

Auch ihre Schwester Petra Aukschlat (50) hat vor allem den Zusammenhalt am Hamelwehr als schöne Erinnerung, besonders unter den Kindern. Aber auch die Erwachsenen seien füreinander da gewesen. Ihre Mutter sei eine „Heile-Welt-Mutter“ gewesen. „Sie hat sich nie anmerken lassen, wenn es ihr nicht gut ging“, sagt Aukschlat in einem Telefongespräch.

Sie lebt heute als Heilerziehungspflegerin im Kalletal. Und doch ließ sich die Not nicht ganz verbergen. „Manchmal gab es nur Brot mit Wasser und Zucker oder alten Kaffee, in den wir das Brot tunkten“, sagt Aukschlat. „Ich weiß auch noch, wie unsere Mutter für uns auf Nahrung verzichtet hat.“

Aber selbst in der Erinnerung von Katharina Burgess war nicht alles schön am Hamelwehr. Der Wasserhahn befand sich vor dem Haus, „das war im Winter zu kalt“. Und dann die Sanitäranlagen … „Die Toilettenreihe in den Baracken: acht bis zehn Plumpsklos in einer Reihe. Das war ekelhaft.“

Zudem wurde der Umgang der Bewohner untereinander mit der Zeit rauer. „Erst im Laufe der Zeit ist es am Hamelwehr richtig verwahrlost. Es kamen immer mehr Leute. Und Ratten“, erinnert sich Burgess. „Irgendwann wurde es zu wild.“ Auch den Totschlag von 1974 hat sie nicht vergessen. „Da haben sie einen zusammengetreten.“

Zu dem Zeitpunkt war das Hamelwehr schon in Auflösung begriffen. Auch die Aukschlats ziehen schließlich weg, finden eine Wohnung in der nahegelegenen Ohsener Straße. „Dort hatten wir dann zwar mehrere Zimmer, aber wir sind nie richtig warm damit geworden“, sagt Burgess. Und ihre grünen Augen werden etwas traurig.

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