weather-image
Die unerzählte Geschichte eines berüchtigten Hamelner Viertels

Das bittersüße Leben am Hamelwehr

HAMELN. Das Hamelwehr war das berüchtigte Armenviertel in der Südstadt, das bis in die 70er Jahre fortbestand. Häufig war es Stadtgespräch - selten bis gar nicht kamen die Menschen zu Wort. In unserer Multimedia-Story erzählen wir die „Geschichten der Menschen vom Hamelwehr“.

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Der Ruf der am äußersten Rand der Südstadt gelegenen Siedlung eilte dem Hamelwehr voraus. Es war das Viertel, um das viele Hamelner einen großen Bogen machten. Andere fühlten sich zu dem Quartier und seinen Menschen hingezogen. Es war Angstbild und Faszinosum zugleich. Doch die Menschen, die dort lebten, waren stigmatisiert. Das Hamelwehr war ein kleines Ghetto.

In alten Dewezet-Berichten taucht das Hamelwehr (heute: Am Frettholz) vor allem im Zusammenhang mit Polizeieinsätzen aufgrund von Schlägereien und Diebstählen auf. Für Politik und Stadtverwaltung war das Hamelwehr in erster Linie ein Sorgenkind. Zunächst weil die Stadt sicherstellen musste, dass auch die Menschen, die aufgrund von Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot (insbesondere in der Nachkriegszeit), Schicksalsschlägen oder anderen persönlichen Problemen keine Bleibe mehr hatten, ein Dach über den Kopf bekamen. Dafür errichtete sie am Hamelwehr Notunterkünfte und Baracken. Später, weil das Hamelwehr zunehmend den Unmut von Politik und Bürgern auf sich zog.

Aber das Hamelwehr machte auch einen Wandel durch. Vom armen, aber offenbar sozial intakten und gepflegten Viertel in den 1930er, 40er und vielleicht auch noch 50er Jahren zum vernachlässigten sozialen Brennpunkt am Rande der Verwahrlosung in den 60er und 70er Jahren. Eine kurze, bislang unerzählte Geschichte des berüchtigten Hamelwehrs.

  • Der sogenannte „Polizeiblock“ am Hamelwehr, 1938 als Obdachlosenunterkunft erbaut, hier bei einem Hochwasser. Foto: pr
  • Ein Teil des Hamelwehrs in den 50er Jahren von Südosten aus gesehen. Foto: Stadtarchiv Hameln
  • Eines der von den Nationalsozialisten als „Not- und Behelfsbauten“ errichteten Reihenhäuser 1973. Foto: Stadtarchiv Hameln
  • Einer der Sozialbauten am Hamelwehr aus den 30er Jahren 1977 kurz vor dem Abriss. Foto: Stadtarchiv Hameln
  • Foto/Grafik: Stadt Hameln / Dana
  • Der „Namensgeber“ der Straße. Foto: pr

Der Grundstein für die Siedlung wird 1933 von den Nationalsozialisten im Rahmen des reichsweiten „Arbeitsbeschaffungsprogramms“ zur „Errichtung von Not- und Behelfswohnungen“ gelegt. Die Stadt Hameln will das östlich des Friedhofs Wehl, nördlich des Reimerdeskamps, gelegene Barackenlager Am Brössel, das aus dem einstigen Kriegsgefangenenlager hervorgegangen war, auflösen. Die Menschen sollen auf Obdachlosenunterkünfte verteilt werden. Knapp anderthalb Jahre später, im Februar 1935, berichtet die Dewezet über „Hamelns neue Siedlungen“, darunter eine zwischen Fischbecker Straße und Bahnlinie gelegen, die andere hinter der Handschuhfabrik Hahlbrock und seinen Werkswohnhäusern: Am unteren Hamelwehr.

Die Siedlung besteht zunächst aus fünf ebenerdigen Häusern mit je etwa vier zwei- bis dreiräumigen Wohnungen im Erdgeschoss und einer Vier-Zimmerwohnung im Dachgeschoss. Draußen gibt es Waschküchen und Gärten zur Selbstbewirtschaftung. Fließend Wasser gibt es in den Häusern nicht. Vor den Häusern befinden sich Plumpsklos.

Als das Heimstättenamt der NSDAP die Siedlung besichtigt, erläutern Kämmerer Dr. Karl Kraemer und Vermessungsdirektor Gerhard Reiche ihrem Besucher, einem Dr. Ziegler, „dass es sich hier um die Unterbringung gewisser asozialer Bevölkerungsschichten handele, wie sie in allen Städten vorkommen und nicht auszurotten sind“. Diese „Bevölkerungsschichten“ sind den Nazis ein Dorn im Auge. Mindestens einer der Hamelwehr-Bewohner wird 1938 als „arbeitsscheu“ kategorisiert und im Zuge einer reichsweiten Aktion deportiert: Willi Nega. Er stirbt zwei Jahre später in Dachau im Alter von 40 Jahren.

1938 wird die Siedlung um eine Obdachlosenunterkunft mit 14 Zimmern, eins pro Familie, erweitert. Dazu gehört ein Luftschutzkeller, der allen Bewohnern des Hamelwehrs als Zuflucht dienen soll. Das Haus liegt etwas abseits, längs der Fluthamel. Im Laufe der Zeit bekommt es einen Spitznamen. „Das war der ,Polizeiblock‘“, erinnert sich Katharina Burgess (58), die am Hamelwehr zur Welt kam. „Den nannten wir so, weil die Polizei so oft da hinkam.“

Nach dem Krieg herrscht in Hameln durch die Aufnahme von Tausenden von Flüchtlingen wie in vielen anderen Städten auch akute Wohnungsnot. Als das in Teilen zum Flüchtlingslager umfunktionierte Fabrikgelände der Domag in der Kuhbrückenstraße überfüllt ist, behilft sich die Stadt 1950 unter anderem mit dem Bau von drei Wohnbaracken (eine vierte wird folgen) am Hamelwehr. Zwei der Flachbauten haben 36 Räume (ein Raum pro Familie), einer zehn (zwei pro Familie). Zwei kleine Baracken dienen als Waschküche und Trockenraum. Die Familien sind oft kinderreich, teilweise leben mehr als zehn Menschen zusammen in einem Raum. Fließend Wasser gibt es auch in den Baracken nicht.

Lesen Sie die ersten vier Geschichten zu unserer Serie.

Per Klick auf das Foto geht es zur Multimedia-Reportage

Mit der Zeit gerät das Hamelwehr vermehrt in die Schlagzeilen. „Schlägerei mit Schädelbruch“, lautet 1952 die Überschrift eines Dewezet-Artikels über eine handfeste Gruppenschlägerei am Hamelwehr, „Amazone mit dem Eislöffel“ eine von 1957. „Keilerei am Polterabend“ lautet 1968 eine Schlagzeile. „Am Hamelwehr lebten auch viele Knastologen und Saufkumpanen“, erzählt Anneliese Ahrens (80), die von 1968 bis 1974 in der Siedlung lebte. Aber das ist nur die eine Seite des Hamelwehrs.

Das Hamelwehr ist ein sehr lebendiger Ort, wo sich das Leben draußen abspielt. Die Bewohner sitzen vor ihren Haustüren beisammen, helfen sich gegenseitig, wenn es an irgendwas fehlt. „Auf eine Art haben alle zusammengehalten und zusammengearbeitet“, sagt Ahrens, Mutter von zehn Kindern. Die Ablehnung, die die Kinder und Jugendlichen aufgrund ihrer Herkunft etwa in der Schule zu spüren bekommen, schweißt sie zusammen. „Es war wie eine große Familie“, sagt Katharina Bur-gess.

Doch die Geldsorgen und Existenzängste der Eltern gehen auch an den Kindern nicht spurlos vorbei. „Ich weiß, was Hunger bedeutet“, sagt Detlef Ahrens (55), ein Sohn von Anneliese Ahrens. „Ich weiß, wie es ist, wenn man als Kind frieren muss.“

Noch lebendiger wird es in der Siedlung, als die Hamelner Sinti-Familie Weiß 1964 ihren Wohnwagenplatz am Rettigs Grund räumen muss und am Hamelwehr untergebracht werden soll. Die älteren Sinti äußern zwar zunächst Bedenken. Auch ihnen ist der schlechte Ruf des Hamelwehrs nicht entgangen. Sie sorgen sich um ihre Kinder, aber geben am Ende ihr Einverständnis. Die meisten geben ihre Wohnwagen auf. „Am Hamelwehr, das war unsere erste Wohnung, Baracken zwar, aber für uns wie ein Palast“, sagt Bluma Weiß (87).

Doch zu diesem Zeitpunkt sind die Tage des Hamelwehrs bereits gezählt. Im Rahmen eines „Barackenräumungsprogramms“ sollen langfristig auch die Häuser und Behelfsbauten am Hamelwehr verschwinden und die Bewohner in Wohnungen unterkommen. Zudem beschließt der Rat 1965 auf Bestreben der Unternehmer Hahlbrock und Stephan, die ihre Firmensitze in unmittelbarer Nachbarschaft des Hamelwehrs haben, das Hamelwehr zum Industriegebiet umzuwidmen.

Gleichzeitig mehren sich die Polizeimeldungen und Zeitungsberichte über die beklagenswerten Zustände am Hamelwehr. Politiker wie Dewezet-Leser üben zunehmend Kritik an der Siedlung, sprechen von „trostlosen Zuständen“ und den „Slums von Hameln“.

1966 kritisiert Ratsherr Bruno Ibsch (CDU) nach einer Besichtigung die Zustände am Hamelwehr. Er habe Eltern zu sehen bekommen, die mit zehn Kindern in einem Wohnwagen lebten, ähnliche Verhältnisse in den Sozialbauten. „Von einer menschenwürdigen Unterbringung kann wohl kaum gesprochen werden“, so Ibsch im Rat. Auch die Wege seien in einem jämmerlichen Zustand, bei Regenwetter der Zugang zu den Häusern kaum möglich, sanitäre Anlagen fehlten fast ganz.

Zwischenzeitlich werden die Plumpsklos anderthalb Jahre lang nicht mehr geleert. Arbeiter des Tiefbauamts weigern sich, „derartige ekelhafte Arbeiten noch einmal auszuführen“. Und die Klagen reißen nicht ab. 1972 beschweren sich Anwohner über unzumutbare Zustände bei der Fäkaliengrube. Schließlich wird 1973 der erste Antrag für den Abriss eines Wohnblocks gestellt. Weitere folgen. Fotos aus jener Zeit dokumentieren den elenden Zustand der Reihenhäuser. Die negativen Schlagzeilen zum Hamelwehr gipfeln 1974 in einem Totschlag. In der Nacht zum 30. März wird der holländische Bewohner Jan Lambeck (49) von dem 18-jährigen Willi R., der ebenfalls am Hamelwehr wohnt, mehrfach zusammengeschlagen. Einen Tag später erliegt Lambeck seinen Verletzungen.

Zu dieser Zeit sind bereits mehrere Baracken unbewohnt. Nach und nach werden die Bewohner umgesiedelt, etwa in die Häuser der „Gemeinnützigen Wohnungs-Baugesellschaft“ am Kuckuck in Rohrsen. Andere finden auf eigene Faust Wohnungen. 1977 werden die letzten Häuser abgerissen. Das Hamelwehr ist Geschichte.

Kommentare